Ein Ball im 17. Jahrhundert

Kapitel 14, Zeitquälerei

Kopfschüttelnd versuchte ich das Bild von Talita Hill und mir als beste Freundinnen aus meinen Gedanken zu verbannen. Jua störte sich nicht daran und stellte stattdessen erneut eine Frage: „Wann wirst du in dieser Zeit in die Vergangenheit reisen, um Maria und mich zu treffen?“

Ich kramte die Taschenuhr von Oma aus meiner Hosentasche, betätigte den Mechanismus und zog einen kleinen Fetzen Papier hervor, der neben meinem Ring in das Geheimfach gepasst hatte. Diesen faltete ich auseinander und… stockte.
Außer ihrer eigenen Aussage, dass sie meine Mutter kennen würde, uns für den Ball eingekleidet hätte und ich mal mit ihr befreundet gewesen sein sollte, hatte sie bisher keinen Beweis dafür hervorgebracht, dass ich ihr vertrauen konnte. Blöd wie ich war, hatte ich ihr auch noch einfach so das Geheimfach in der Taschenuhr gezeigt.
Was, wenn sie von jemanden geschickt worden war? Simikolon womöglich oder sie gehörte zu diesen zwielichtigen Typen, die unsere Wohnung durchwühlt hatten. Allerdings dürfte sie in diesem Fall nicht wissen, dass ich mit Zeitreisen zu meiner Mutter reiste und bald einen Ball besuchen sollte.
„Was ist los?“, Jua sah mich mit einem Lächeln an, das es mir unfassbar schwer machte, ihr kein Vertrauen entgegen zu bringen. Dennoch zwang ich mich dazu! Ich durfte nicht riskieren, vor einer potenziellen Gefahr noch mehr Informationen preiszugeben.
Gut, Jua war nicht die klassische Verkörperung von Gefahr – um ehrlich zu sein, war sie alles andere als das – aber es bestand dennoch eine Chance, dass ich die schauspielerischen Fähigkeiten meines Gegenübers einfach maßlos unterschätzte.
Mit einem wirklich überzeugenden, ein wenig enttäuschten Seufzer strich sich die Schönheit eine lockige Haarsträhne aus den Augen: „Deshalb sagtest du also, dass ich dich bei unserer ersten Begegnung an den Vorfall in der Bibliothek und die Bücher der Zeit erinnern soll. Ich muss dir beweisen, dass du mir bereits vertraut hast oder naja… es aus deiner Sicht erst noch tun wirst!“
Blinzelnd starrte ich sie an. Die Sache in der Bibliothek!? Bislang war das ein Geheimnis gewesen, von dem nur ich wusste! Ich hatte niemandem erzählt, woher ich die Bücher bekommen hatte und von deren Existenz wussten sowieso nur höchstens zwei Personen.
Es gab nur zwei Möglichkeiten, wie Jua von dem allen erfahren haben konnte. Entweder sie sagte die Wahrheit und ich würde es ihr während einer zukünftigen Reise in die Vergangenheit anvertraut haben oder aber sie hatte es von Jonael alias Jones Junior erfahren. In beiden Fällen wäre die Quelle vertrauenswürdig! Also beschloss ich meinen Widerstand aufzugeben.
„Ich werde morgen Nacht erst zu euch reisen und dann von dort aus mit Maria zu diesem Ball“, ich versuchte so wenig Emotion in meiner Stimme mitschwingen zu lassen wie möglich. Die Angst war zu groß, dass mein Gegenüber sonst etwas von meiner Nervosität mitbekam und diese verleugnete ich so gut es eben ging, weil ich mir keine Zweifel erlauben wollte.
Jua nickte zufrieden. Sie hielt mir keine Sekunde vor, dass ich ihr nicht ganz traute, sondern fuhr mit ihrer natürlich Art fort, als sei nichts gewesen. Vielleicht war es genau das, was mich wieder daran erinnerte, wie ich sie in diesem Zimmer vorgefunden hatte und diese Erinnerung brachte mich zum Lachen.
„Wieso lagst du eigentlich in dem Schrank?“, fragte ich grinsend. Sie schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, als würde ihr gerade etwas wichtiges wieder einfallen. Mit ein paar Schritten war sie wieder bei dem großen Möbelstück und fuchtelte während des Sprechens mit den Armen davor herum wie eine Verrückte.
„Natürlich! Das hätte ich ganz vergessen, dir zu erzählen! Ich war eigentlich hier, um deinen Look ein wenig mit neuen Klamotten aufzupolieren. Wieso wirst du noch früh genug erfahren, jedenfalls habe ich deinen Schrank deshalb schon mal für dich eingeräumt. Dabei ist mir aber aufgefallen, dass die Anordnung der Kleidungsstücke vollkommen unpraktisch war und wenn ich etwas hasse – abgesehen von unverhohlener Arroganz, chemieverseuchten Pflegeprodukten und Fertiggerichten – dann ist es ein unpraktisch eingeräumter Kleiderschrank!“
„Ja, aber wieso warst du im Schrank drin? Hätte es nicht gereicht, die Sachen umzuräumen?“, fragte ich verwirrt. In Anbetracht von Juas Look und ihrer Ausstrahlung wurde mir immer bewusster, dass ein wenig Veränderung was mein eigenes Aussehen betraf, nicht schaden konnte.
Sie winkte ab, als wäre mein Vorschlag zu absurd, um auch nur darüber nachzudenken: „Jedenfalls habe ich bei Simikolon zurzeit ziemlich viel um die Ohren. Krissy wird auf jede Mission mitgeschickt und ich mache Tag und Nacht Überstunden. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis ich irgendwo auf einem Kleiderhaufen einschlummere!“
Es klang wie die Rechtfertigung eines trotzigen Kleinkindes, das sich bewusst eines Abends die Zähne nicht geputzt hatte. Hätte ich nicht schon längst geschmunzelt, würden meine Mundwinkel jetzt definitiv nach oben schnellen.

Der nächste Tag war wenig ereignisreich. Das spannendste war der Morgen, als Gabe mir den Weg zur Bushaltestelle zeigte, mit dem ich ab jetzt zur Schule fahren musste. Dort angekommen lief alles so ab wie immer. Naja, zumindest das meiste!
In den beiden Hofpausen stahl ich mich auf das Mädchenklo, wo ich mich in einer Kabine einschloss, meinen Ring aus seinem Versteck holte und die Pause in ebendieser Kabine verbrachte. Allerdings nicht in der Gegenwart, sondern am Samstag zuvor.
Als ich wieder zurück in dem Haus von Simikolon war, leistete ich Granny Berrypie etwas Gesellschaft in der Küche. Sie verwickelte mich in ein wenig spannendes Gespräch über meine Vorlieben und Abneigungen an Speisen und begründete ihre Neugierde damit, dass ich ja jetzt hier wohnte und sie nichts kochen wollte, was ich nicht aß.
Nach diesem Gespräch verschwand ich in meinem neuen Zimmer. Am gestrigen Abend hatte ich nichts daran verändert, obwohl mir jeder Hausmitbewohner mit Ausnahme von Krissy praktisch pausenlos erklärte, dass ich im Zimmer und im restlichen oberen Stockwerk so ziemlich alles tun dürfte, da es mein neues Reich war.
Gabe hatte mich auf dem Weg zur Haltestelle mit möglichen neuen Wandfarben zu getextet, falls mir das schlichte weiß nicht zusagte, aber ich hatte ihm bereits hundert mal erklärt, dass mich weder Farben, noch Möbel störten. Davor beim Frühstück hatte ich eine ähnliche Diskussion mit Granny Berrypie geführt. Allerdings ging es dabei weniger um Farben, als um Schmutz. So hatte sie mir mehr als oft genug versichert, es würde ihr nichts ausmachen, weiterhin das oberste Stockwerk zu putzen, während ich ihr letztendlich schwor, es selbst zu übernehmen.
Niemand schien zu verstehen, dass ich mich nicht von vorne bis hinten bedienen lassen wollte! Das hier war nicht mein zuhause und solange ich hier verweilen musste, würde ich mich definitiv nicht bemuttern lassen.
Ich war schon immer selbstständig gewesen und wenn ich schon ein eigenes Stockwerk bewohnte, einen gigantischen Kleiderschrank besaß, der dank Jua nun voller verdammt cooler Klamotten war, und sich direkt vor meinem Zimmer ein Balkon befand, dann würde ich selbst dafür sorgen, dass ich nicht im Dreck oder Staub versank.
Abgesehen von diesen kleineren Auseinandersetzungen verlief der Tag ruhig. Mein Bruder und Krissy waren nicht da und es fiel mir nicht schwer zu erraten, dass sie mal wieder bei Simikolon waren. Eigentlich hätte mir das nichts ausmachen sollen, aber der Umstand, dass die beiden seit einigen Tagen scheinbar alles miteinander machten, verursachte in mir ein ungutes Gefühl.
Ich schaffte es jedoch, nicht weiter darüber nachzudenken und mich stattdessen mental auf den mir bevorstehenden Ball einzurichten. Dass dieses Vorhaben scheiterte und ich mir nur noch mehr Sorgen machte, verwunderte mich kaum. Also hielt ich mich weniger mit nachdenken auf und wiederholte stattdessen alles, was Maria mir am Wochenende gezeigt hatte.

Nach dem Abendbrot gab ich vor, müde zu sein. Niemand hielt mich auf. Ich ging hoch in mein Zimmer, schnappte mir von dort Taschenuhr, Notizbuch und Füller und war schon wieder auf dem Weg nach unten, da hörte ich die Haustür ins Schloss fallen. Augenblicklich hielt ich auf der Treppe ins Erdgeschoss inne.
Krissy und Gabe waren kurz vor dem Essen bei uns eingetroffen und keiner von ihnen hatte angedeutet, das Haus noch einmal zu verlassen. Auch Granny Berrypie hatte nichts dergleichen erwähnt. Ich hatte also allemal Grund zu der Annahme, dass jemand uns einen Besuch abstattete, von dem ich nichts gewusst hatte.
Gerade als ich das dachte, ich hätte mich geirrt, ertönten von unten Stimmen. Eigentlich wollte ich zurück in mein Zimmer flüchten, aber etwas hielt mich auf der Treppe fest. Seit neustem schien Lauschen zu einer unschönen Angewohnheit von mir zu werden.
Den Wortwechsel nur auf verbaler Ebene zu verfolgen, reichte mir jedoch nicht. Ich wollte sehen, wer der unangekündigte Besuch war und deshalb schlich ich mich auf Treppe noch ein paar Stufen nach unten. Glücklicherweise brauchte ich nicht mal um die Ecke zu spähen, denn an der Wand hing ein ovaler Spiegel im perfekten Winkel, um den gesamten Flur sehen zu können, ohne selbst darin entdeckt zu werden.
Im Flur entdeckte ich mehr Personen als erwartet. Neben Krissy und Gabe standen Jonael, Arthur und ein weiterer Mann, den ich nicht kannte. Weiter hinten bewachten zwei Typen in schwarzen Anzügen die Haustür. Sie trugen doch allen ernstes Sonnenbrillen in dem fensterlosen Raum!
„Ist Alex oben?“, vergewisserte sich Jonael mit einem halbherzigen Blick zur Treppe. Gabe nickte, während Krissy mit spöttischer, aber keinesfalls neidischer Stimme anmerkte: „Wieso hätte sie sonst die gesamte oberste Etage bekommen sollen?“
Der mir unbekannte Mann schaltete sich ein, indem er einen kleinen Schritt nach vorn trat: „Wir sollten das nicht auf dem Flur besprechen. Lasst uns in den Konferenzraum gehen!“ „Brown, Stan, lassen Sie die Haustür nicht aus den Augen und halten Alexandria von diesem Stockwerk fern, wenn sie sich nähert!“, befahl Arthur, bevor er auf die Tür gegenüber der Küche zeigte, die ich bisher immer nur fest verschlossen vorgefunden hatte.
So leise wie es mir möglich war, schlich ich die Treppe wieder hinauf, verschwand durch die Luke und stand nun wieder in meinem Zimmer. Mein Hirn spielte Möglichkeiten durch, wie ich es womöglich an den beiden bulligen Typen vorbei schafften könnte, aber keine erschien mir vielversprechend.
Ich ließ den Blick durch das Zimmer gleiten. Natürlich könnte ich auch an jedem anderen Tag in die Vergangenheit reisen oder von hier aus, aber Maria hatte beides für zu gefährlich eingestuft. Je länger ich wartete, desto mehr vergaß ich von unserem Training am Wochenende und im Haus eine Zeitreise zu starten, war riskant.
Maria hatte mir eingeschärft, besonders vorsichtig an Orten zu sein, an denen sich noch andere Menschen aufhielten, denn man landete immer dort, wo man in der Gegenwart die Zeitreise begonnen hatte. In meinem Fall wäre das ein abgeschlossenes Zimmer in der obersten Etage eines Hauses, deren Bewohner gerade in einem abgeschlossenen Raum saßen, dem ich mich nicht nähern sollte.
Für mich sah das ganz so aus, als könnte ich heute mal eine Ausnahme machen. Ich überprüfte noch einmal, ob die Tür auch wirklich nicht mehr zu öffnen war. Dann zog ich den Zettel und meinen Ring aus der Uhr, um in der Zeit zu reisen.

„Du musst Alex sein!“, eine jüngere Version von Jua stand mir mit demselben Grinsen gegenüber, das ich gestern zum ersten Mal gesehen hatte. Vertrauensvoller ging es praktisch nicht!
Was mich allerdings wirklich überraschte, war eine fröhliche Umarmung von niemand anderem als Talita Hill. Sie war wie wir alle 17 Jahre alt und hatte eine so positive Ausstrahlung, dass ich mich fragte, ob die Person in der Gegenwart wirklich sie sein konnte.
Ehe ich jedoch weiter darüber nachgrübeln konnte, schob mich Maria weiter in den kreisrunden Raum hinein. Hier drin herrschte eine heimische Atmosphäre, aber ich konnte nicht genau sagen, woran es lag.
Die Außenwand bestand komplett aus Glas, sodass man einen großartigen Überblick über die Umgebung hatte. Es strömte massig Sonnenlicht in den Raum und ließ die hellen Bodendielen noch bleicher wirken. Die Decke war mindestens vier Meter hoch und betreten konnte man das turmartige Zimmer nur über eine Wendeltreppe in der Mitte.
Das beste war jedoch die Einrichtung. Auf einer Seite stand ein gewaltiger Tisch, über den unzählige Stoffe, wunderschöne Zeichnungen und Gläser voller Krimskrams verteilt lagen. An einer Stelle war das Chaos beiseite geschoben worden, um einer altmodischen Nähmaschine Platz zu machen.
Überall an der gläsernen Wand hingen weitere Designs, aufgerollte Stoffe waren ordentlich dagegen gelehnt und auf dem Boden und allen vorhandenen Möbelstücken stapelten sich Klamotten, die scheinbar alle von Jua selbst angefertigt worden waren.
Die beeindruckendsten Stücke waren auf kopflosen Puppen ausgestellt oder hingen säuberlich sortiert an einer Kleiderstange, die an der Außenwand befestigt worden war und ungefähr die Hälfte davon einnahm. Darunter vor allem Kleider aus verschiedenen Jahrhunderten – eines schöner als das andere.
„Tja, das ist mein bescheidenes Reich“, meinte Jua stolz und zeigte mit einem selbstbewussten Lächeln, dass sie sich über die Jahre kein bisschen verändern würde. Ich war regelrecht sprachlos, also übernahm Maria das Reden: „Ihr wisst wieso wir hier sind. Was hast du für uns rausgesucht, Jua?“
Die beste Freundin meiner Mutter machte eine ablehnende Handbewegung: „Rausgesucht habe ich gar nichts, Schätzchen! Ich habe die letzten Nächte natürlich etwas maßgeschneidert!“ Mit diesen Worten lief sie auf einen Vorhang hinter dem Tisch mit der Nähmaschine zu, der mir vorher nicht aufgefallen war. Jua packte die eine Hälfte des roten Stoffes und Talita die andere und bevor Maria oder ich irgendwelche Einwände äußern konnten, zogen sie sie auseinander.
Dahinter zum Vorschein kamen zwei schier atemberaubende Kleider. Beide mit weiten Röcken und kunstvollen Verzierungen. Das eine war fliederfarben mit edler Spitze und Rüschen und das andere himmelblau mit funkelnden Perlen und einem Rankenmuster, an welchem ein paar echte, weiße Rosen befestigt waren.
Sie passten perfekt zusammen, obwohl die Details und Schnitte komplett unterschiedlich waren. Der Anblick ließe sich nur mit dem Wort traumhaft beschreiben, wären da nicht diese Schuhe, die direkt daneben standen und mir ins Gedächtnis zurückriefen, dass ich mich nicht von der Schönheit der Kleider blenden lassen durfte. Der Anlass blieb derselbe: Ein Ball im 17. Jahrhundert!

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