Durchbruch

Kapitel 9, Zeitquälerei

Stumm lief ich neben Gabe her, die Straße entlang. So langsam kam mir diese Wohnsiedlung eher vor wie ein eigenständiges, kleines Dorf, denn es gab hier sogar eine kleine Kirche. Auf genau diese steuerte mein Bruder zu.

Genauer: Er ging darum herum und betrat den erstaunlich großen Friedhof, der sich dahinter erstreckte. Bäume mit dicken Stämmen spendeten Schatten und die Wiese rund um die gut erhaltenen Gräber wucherte in einem wundervollen Grün. Alles wirkte eher wie ein Park, in dem man in regelmäßigen Abständen Reihen von Steinen aufgestellt hatte, vor denen wenigstens Blumen oder Kerzen lagen, aber vor den meisten noch mehr.
Ich blieb zögernd vor dem schmiedeeisernen Tor stehen. Als Gabe sagte, er wolle mit mir zu einem ruhigen Ort, dachte ich nicht gerade an diese Art von Ruhe. Zudem schrillten in diesem Moment meine inneren Alarmglocken los.
Als Gabe bemerkte, dass ich wie angewurzelt stehen geblieben war, winkte er mich noch immer stumm hinter sich her und ging dann einfach weiter. Wäre er nicht so komisch drauf, würde ich jetzt wütend auf ihn sein, denn das – wortlos weitermachen ohne auf den anderen zu achten – war normalerweise meine Taktik.
Natürlich wollte ich wissen, was mein Bruder mir zu sagen hatte. Mir blieb also gar nichts anderes übrig, als ihm über die schmalen Wege zwischen den reichlich geschmückten Gräbern hindurch zu folgen.
Erst kurz vor der gegenüberliegenden Friedhofsmauer blieb er stehen. In meinem Magen hatte sich inzwischen ein mulmiges Gefühl breit gemacht, das nichts Gutes verheißen ließ. Um herauszufinden, was genau es war, das mich zu beunruhigen hatte, brauchte ich nur knapp drei Sekunden.
Mein Blick wanderte fast automatisch zu einem weißen Grabstein, auf dem mit schwarzer, verschnörkelter Schrift der Name unserer verstorbenen Mutter stand. Unwillkürlich musste ich schlucken. Ich war niemals zuvor an diesem Grab gewesen und ehrlich gesagt, hatte das auch seit jeher reichlich Gründe gehabt.
„Was tun wir hier?“, fragte ich deshalb mit etwas Mühe, mein Unbehagen zurückzuhalten. Gabe steckte beide Hände in die Hosentaschen und sah sich unauffällig zu allen Seiten um, bevor er eine Antwort gab: „Es tut mir wahnsinnig leid, Alex! Ich dachte, was jetzt kommen wird, kann nicht noch komplizierter werden, aber dieser verdammte Anruf hat mir das Gegenteil bewiesen!“
Er musterte mich von oben bis unten, als wolle er überprüfen, ob ich dem Folgenden auch wirklich gewachsen war. Das Unbehagen in mir verwandelte sich auf einmal in kochende Wut. Zornig funkelte ich meinen Bruder an.
„Mein gesamtes Leben wurde eben mal mir nichts dir nichts auf den Kopf gestellt!“, fauchte ich gereizt, „Wenn du etwas zu sagen hast, dann tu es einfach! Kein dämliches Geplänkel, keine Ablenkungen oder Verschönigungen der Situation mehr! Ich will endlich ein paar Fakten geliefert bekommen!“
Ich sah Gabe an, dass er innerlich mit sich rang. Einerseits verstand er, in welch vertrackter Lage ich mich befand, aber andererseits war er nun einmal mein großer Bruder und gegen seinen Beschützerinstinkt anzukommen, fiel ihm offensichtlich nicht leicht.
Schließlich atmete er mit geschlossenen Augen tief durch. Er hatte einen Entschluss gefasst. Als er die Augen wieder öffnete, wusste ich instinktiv, wofür er sich entschieden hatte. Was ich allerdings nicht wusste, war, was er mir gleich sagen würde. Hätte ich im Vorfeld auch nur den leisesten Schimmer gehabt, was er mir eigentlich schonend beibringen wollte, dann hätte ich ihn definitiv nicht so unter Druck gesetzt! Das stand glasklar fest!
Ein letztes Mal sah sich mein Bruder um, dann seufzte er tief, bevor er endlich mit der Sprache herausrückte: „Wir haben vorhin einen Anruf aus der Zentrale erhalten, der uns die Nachricht übermittelt hat, dass Oma entführt wurde.“
Es musste Stunden dauern, bis ich endlich meine Stimme wiederfand. Solange stand ich nur starr da und versuchte mir über den Sinn dieser Worte klar zu werden. Vergeblich!
„Oh“, mehr brachte ich nicht hervor. Mein Kopf war gleichzeitig vollkommen leer und so unendlich voll, dass er augenblicklich platzen müsste! Oma sollte entführt worden sein? Was sollte das bitte bedeuten? Jemand hielt sie irgendwo gefangen? Wer und vor allem wieso? Wollte man womöglich etwas besonderes im Austausch für sie oder…
„Es wurden noch keine Forderungen gestellt. Laut der anderen sagte sie nur, wir sollen vorsichtiger mit der Macht der Zeitmanipulation umgehen und uns für alles bereit halten, was auf uns zukommt. Solange keine Forderung eingeht, wird Oma am Leben bleiben…“, Gabe schluckte, den Blick auf das Grab unserer Mutter gerichtet.
So langsam bekam ich meine Gedanken wieder unter Kontrolle: „Wer hat bei Simikolon angerufen? Du hast eben gesagt, es sei eine sie gewesen.“ „Man hat Oma dazu gezwungen, selbst anzurufen!“, erklärte mein Bruder mir, „Ich werde noch heute selbst in die Zentrale fahren, um mir den Mitschnitt anzuhören. Vielleicht… ich meine, unter Umständen hilft uns irgendetwas bei der Suche.“
„Man sucht nach ihr?“
„Ja, da sie meine Großmutter ist, geht Simikolon davon aus, dass jemand mich mit ihr erpressen möchte.“
„Und die Polizei?“
„Wir haben sehr gute Ermittler in unseren Reihen. Alles darüber hinaus wäre zu riskant!“
Gabe versuchte für uns beide Haltung zu bewahren, statt mutlos zusammenzusacken und in der nächsten Sekunde einen verzweifelten Schrei auszustoßen, wie er es vermutlich gerne getan hätte. Es klappte. Er stand aufrecht vor mir und ließ mich nicht eine Sekunde aus den Augen.
Vermutlich sorgte er sich, ich könnte plötzlich das Bewusstsein verlieren und der Länge nach auf die Erde zu sausen. Doch auch das passierte nicht! Ich stand felsenfest auf beiden Beinen und hatte nun sogar meinen Kopf wieder vollkommen im Griff.
„Wenn ich nicht mehr zurück nach Hause kann, wo soll ich dann hin?“, fragte ich gefasster, als ich wahrscheinlich hätte sein sollen. Das schien auch Gabe für eine Sekunde zu irritieren. Dann antwortete er jedoch ebenso ernst: „Du wirst natürlich bei uns einziehen! Jo kümmert sich um all deine Sachen, während Arthur mit mir zurück zur Zentrale fährt und Granny Berrypie wird dich in Empfang nehmen, wenn du zurückgehst.“
Ich kam nicht um ein Schlucken umher. Das sorgte für einen Riss in Gabe so geschickt errichteten Fassade. „Ich hätte dir wirklich früher davon erzählt, was…“, er fand offensichtlich nicht die richtigen Worten, was daran liegen dürfte, dass sie nicht existierten. Weder in dieser, noch in einer beliebigen anderen Sprache!
Offensichtlich kehrte nun sogar schon der üblicher Sarkasmus in meinen Kopf zurück. Keine Ahnung wieso ich nicht derartig erschüttert von den Neuigkeiten war, dass ich heulend in mich zusammensackte. Etwas in mir hielt mich aufrecht und machte mir begreiflich, ich könne mir derartige Aussetzer in nächster Zeit einfach nicht leisten. Zumindest nicht unkontrolliert.
„Kein Grund zur Tomate zu mutieren, Bruderherz!“, erklärte ich trocken, „Du bist erwachsen und ich seit heute 17 Jahre alt. Weder ich, noch sonst wer kann dir vorschreiben, mit wem du zusammenkommen darfst und mit wem nicht. Wenn du etwas in Krissy siehst, dass dich anzieht, dann will ich dir nur ungern im Weg stehen.“
Verlegen kratzte er sich im Nacken. Seit Blick wanderte erst auf den Boden, dann huschte er blitzschnell den Weg zurück, den wir gekommen waren. „Es tut mir schrecklich leid, aber ich muss zurück!“, meinte er bedrückt, doch ich winkte ab. „Geh ruhig! Ich komme schon zurecht.“
„Findest du auch ganz sicher den Weg zurück?“, erkundigte er sich, bemüht darum, nicht allzu aufdringlich zu klingen. Ich schaffte es zu lächeln: „Wir sind gut eine viertel Stunde lang eine Straße geradeaus gegangen, Gabe! Ich werde mich schon nicht verlaufen, wenn ich später zurückgehe!“

Es dauerte noch einige Minuten, bis mein Bruder auch wirklich gegangen war. Er ließ mich sichtlich ungern allein auf diesem Friedhof zurück, aber ihm blieb letztendlich nichts anderes übrig, wenn er heute noch zu der ominösen Zentrale von Simikolon fahren wollte.
Als ich mich mit meinen eigenen Augen davon überzeugt hatte, dass Gabe auch wirklich den Rückweg antritt, schlenderte ich zurück zu dem weißen Grabstein. Jeder Ort auf der Erde, der nicht dieses vermaledeite Haus war, kam mir im Moment bequem vor. Natürlich könnte ich auch durch die Siedlung streifen, aber etwas zog mich einfach zurück zu dem Grab von Maria Mails, meiner Mutter.
Vielleicht war es die Stille, die ich herbeisehnte. Daraus wurde jedoch nichts, denn als ich wieder an der hinteren Friedhofsmauer ankam, stand dort ein älterer Mann. Seine Haare waren grau und seine Haltung leicht gebückt.
Das Gesicht ohne eine erkennbare Emotion darin erinnerte im Allgemeinen an einen gewöhnlichen Großvater, doch die Art, wie seine dunkelbraunen Augen mich von oben bis unten scannten, ließ das mulmige Gefühl in meinen Magen zurückkehren. Um ehrlich zu sein, jagte mir dieser Typ sogar ein wenig Angst ein.
„Folgen Sie mir, Miss Mails“, meinte er so plötzlich, dass ich zusammenzuckte. Natürlich rührte ich keinen Muskel, aber der Alte ebenso wenig. Er faltete die Hände auf dem Rücken zusammen und musterte mich weiterhin mit seinen scharfsinnigen Augen, denen nichts zu entgehen schien.
Erst jetzt fiel mir auf, dass er eine Brille trug. Sie besaß einen schmalen, silbernen Rahmen in der Form zweier Ovale. Sie thronte mittig auf seinem Nasenrücken und als er nun den Kopf ein wenig senkte, um mich über den Rand anzusehen, erinnerte mich dieser Blick nicht mehr an einen furchterregenden Fremden, sondern an einen mehr als klischeehaften Lehrer, wie sie in diversen Filmen mitspielten.
Doch mein Verstand sagte mir, dass er kein Lehrer war. Er trug einen schlichten, schwarzen Anzug und noch immer war keine Emotion seinerseits zu erkennen.
„Mein Name ist Mister Walter Wilson“, erklärte er, den Blick nicht abwendend, „Ich wusste, dass Sie früher oder später den Weg hierhin finden würden.“ „Ach ja?“, entfuhr es mir und um nicht unhöflich zu wirken, setzt ich hinzu, „Woher wussten Sie das?“
Der Mann winkte mich hinter sich her: „Ihre werte Mutter hat es mir zukommen lassen. Deshalb warte ich nun schon seit Jahren darauf, dass Sie einen Fuß auf den Friedhof setzen, Miss Mails.“
„Sie kannten meine Mutter?“, fragte ich neugierig und folgte ihm einen schmalen Weg entlang. Mister Wilson kam mir auf einmal gar nicht mehr angsteinflößend vor, sondern eher wie ein ganz normaler, älterer Mann.
Noch immer verzog er keine Mine: „Maria war zu ihren Lebzeiten des Öfteren hier. Vermutlich sind Ihnen die wenigsten Leute bekannt, mit denen Ihre Mutter verkehrte, Miss Mails. Sie wissen vermutlich nur das Nötigste von ihr.“
Trotzdem nichts konkretes aus seinen Worten herauszuhören war, nickte ich gebannt. Er schien eindeutig mehr zu wissen, als ich zu diesem Zeitpunkt vermutete. Bevor ich allerdings eine weitere Frage stellen konnte, waren wir in der hintersten Ecke des Friedhofes angekommen. Hier stand eine kleine Kapelle im Schatten von drei großen Eichen.
Mister Wilson zog einen rostigen Schlüssel aus der Tasche seines Jacketts und schloss damit die Tür auf. Dahinter kam ein kleiner, gefliester Raum zum Vorschein. Wir traten ein. Sowohl Wände, als auch Boden und Decke waren dunkel gehalten worden und durch die Scheibe in einer Tür konnte man in einen kirchenähnlichen Raum schauen.
Doch statt mich dahinein zu geleiten, deutete der Alte auf eine weitere Tür, die unauffällig in die Wand eingelassen war. Als ich die Klinke nach unten drücke, ließ sie sich ganz einfach öffnen. Ich trat in einen engen Raum, der ausschließlich eine hölzerne Treppe beherbergte, die nach unten führte.
„Das war einer der Lieblingsplätze Ihrer Mutter“, erklärte Mister Wilson sachlich, „Von ihm wussten nur sie und ich. Deshalb hat sie dort unten ihre wertvollsten Besitztümer aufbewahrt, die bis heute noch da liegen. Leider kann ich Sie nicht begleiten, Miss Mails, da meine Knochen nicht mehr die jüngsten sind, aber Sie dürfen gerne so lange dort unten bleiben, wie sie möchten.“
Er reichte mir einen Schlüssel: „Aber schließen Sie bitte ab, wenn Sie erst nach zwanzig Uhr gehen sollten.“ Ohne ein weiteres Wort verschwand er wieder auf dem Friedhof und ließ mich allein zurück.
Aufregung überkam mich. Ich konnte nicht länger über den komischen Kauz nachdenken oder über Oma, Gabe oder sonst jemanden. Vorsichtig zog ich die Tür hinter mir zu und lief über die Treppe nach unten.

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