Drastische Maßnahmen

Kapitel 22, Zeitquälerei - Wie die Uhr tickt

Gabe wurde gegen Mittag von Simikolon abgeholt. Er hatte mir erklärt, dass er regelmäßig in die Vergangenheit musste, dies aber immer von Simikolon überwacht wurde. Allein durfte er keine Zeitreisen durchführen – eine Regel, an die er sich strickt zu halten schien. Kaum war er gegangen, brachte Granny Berrypie mir eine weitere Schüssel dampfende Suppe, nach deren Verzehr ich dann doch tatsächlich einschlief.

Das Erwachen allerdings war alles andere als erfrischt oder erholt. Ich befand mich noch immer auf der Couch im Wohnzimmer. Die Tür stand weit offen und im Rahmen lehnte Krissy, die mich mit ihren kritischen Augen fixierte, als wolle sie ein Loch durch mich hindurch brennen. Bevor ich jedoch zu einem Gespräch mit ihr mental bereit war, musste ich mich erst einmal gründlich strecken.
„Hast du eine Lehre bei Superman angefangen oder warum starrst du mich so an?“, fragte ich mich in den Schneidersitz setzend. Krissy schenkte mir ein verächtliches Schnauben. Das allein sagte mir schon alles! Gabe war nicht hier, also würde sie nicht länger die unschuldige Freundin spielen, die vorgab helfen zu wollen.
Sie löste sich vom Türrahmen und trat ein paar wenige Schritte in meine Richtung: „Nur weil dein Bruder dir glaubt, heißt das nicht, dass das auch für mich gilt.“ Als ob das nicht offensichtlich wäre! „Wie überaus schade!“, entgegne ich mit einem theatralischen Seufzten, „Und ich dachte, du hättest deine Paranoia inzwischen in den Griff bekommen.“
Noch ein paar Schritte. Nun stand sie direkt vor mir, aber ich sah konsequent auf das Leder hinunter, auf dem ich saß. Unter gar keinen Umständen würde ich mir die Blöße geben, zu ihr hoch zu sehen, denn wir wussten beide, dass ihr das eine ungeheure Genugtuung bescheren würde. Soweit wird es jedoch nicht kommen!
„Du musst gar nicht erst versuchen, weiterhin zu leugnen, dass du im Besitz eines Zeitreiseartefakts bist“, erklärte sie mir hochnäsig, „Ich habe dich auf dem Ball ganz genau erkannt, Alex!“
Natürlich hatte ich das bereits vermutet, aber es stand ihre Aussage gegen meine und solange Krissy keine Beweise vorlegen konnte, gab es für Simikolon hoffentlich keinen Grund, ihr in der Angelegenheit blind zu vertrauen. Da sich der einzige stichhaltige Beweis nämlich sicher verwahrt in der Innentasche meiner Jogginghose befand, konnte ich mir auf jeden Fall schon mal sicher sein, dass bisher noch immer ich im Vorteil war.
Selbstbewusst stand ich von der Couch auf. Ich würde vor ihr garantiert nicht den Kopf einziehen, aber trotzdem wollte ich schleunigst wieder allein sein. In ihrem Beisein fühlte ich mich unwohl und jetzt da ich wieder auf den Beinen war, kam ein leichtes Schwindelgefühl dazu. Ganz zu schweigen von den Kopfschmerzen, die wie ein konsequentes Hämmern auf sich aufmerksam machten.
„Du kannst mir auch noch später von deiner Paranoia erzählen“, erkläre ich entschieden, „Mir geht es heute nicht gut und selbst du dürftest so viel Menschlichkeit zusammenkratzen können, mich ein anderes mal über deine psychischen Missstände aufzuklären.“ Mit diesen Worten ging ich an ihr vorbei. Ich brauchte jetzt ein wenig Privatsphäre und wo wäre ein geeigneterer Ort, als in meinem Zimmer?
Unter der Klappe angekommen, musste ich jedoch zunächst feststellen, dass es sich mit dröhnendem Kopf und Schwindelattacken nicht sonderlich gut klettern ließ. Zu allem Überfluss spürte ich dabei Krissys forschenden Blick im Nacken. Die Kuh beobachtete mich, rührte aber keinen Finger um mir zu helfen!
Als ich schließlich oben angekommen war, schloss ich die Klappe, damit ich sie nicht länger sehen musste. Dann schlenderte ich in mein Zimmer und ließ mich auf das Bett sacken. Seit ich wusste, dass das alles einmal Maria gehört hat, versuche ich es aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Vielleicht hatte sie hier irgendwelche Geheimverstecke, die auch nach ihrem Tod niemand entdeckt hatte. Das würde ich sie definitiv fragen, sobald ich sie das nächste Mal sehen würde!
Beim Umsehen im Zimmer fiel mein Blick auf mein Handy, das auf meinem Nachttisch lag. Auf dem Display sah ich, dass mir jemand eine Nachricht geschrieben hatte. Also angelte ich es mir im Liegen – was von außen betrachtet ganz bestimmt ziemlich lächerlich aussah. Nachdem ich es entsperrt hatte, bemerkte ich, von wem die Nachricht war. Jack!
Er fragte mich, ob wir uns heute in der Vergangenheit treffen wollten. Er schlug mir ein genaues Datum samt Uhrzeit und Ort vor, an dem wir uns auch ohne stilechtes Outfit treffen konnten, sodass ich es ganz einfach in mein Notizbuch schreiben konnte. Meine Antwort bestand aus einem Emoji, der die Form einer Hand hatte und den Daumen nach oben reckte.
Ich musste nicht lange warten, dann erhielt ich von Jack die Rückbestätigung für unser Treffen. Es stand also fest. Jetzt musste ich mich nur noch unbemerkt oder unter einem Vorwand aus dem Haus schleichen und zum Friedhof gehen. Dass das ein wahrer Horrortrip werden würde, versicherte mir mein Zustand jetzt schon. Die Kopfschmerzen wurden immer schlimmer und ich sah ein wenig verschwommen.
Dazu kam dann auch noch das Einbilden einiger seltsamer Geräusche, die aus dem Flur zu kommen schienen. Erst als meine Zimmertür aufgerissen wurde, realisierte ich, dass ich mir die Geräusche nicht nur eingebildet hatte. Erschrocken fuhr ich hoch und sah mich zu meinem Leidwesen schon wieder Krissy gegenüber.
Mit vor der Brust verschränkten Armen und einem entschlossenen Blick sah sie mich herausfordernd an. Ihre Haltung verriet mir unmissverständlich, dass sie mir mein gesamtes Leben lang an den Fersen kleben würde, wenn ich jetzt nichts unternahm. Könnte es auf dieser Welt in irgendeiner Zeit eine grausamere Folter geben?
Ohne mein Zutun ging mein Gehirn meine Optionen durch. Angefangen bei dem Plan, sie auf den Balkon zu locken und von dort herunterzustoßen oder sie zumindest dort draußen auszusperren, bis zu der Behauptung mir wäre speiübel und ich würde mich auf sie übergeben, wenn sie mich nicht auf der Stelle durchließe.
Nach kurzer aber dennoch intensiver Abwägung meiner momentanen Optionen entschied ich mich dann aber wie so oft für den Plan, der mir nur allzu vertraut und sehr simpel war. Er bestand aus nur einem einzigen Schritt und der hieß Improvisation!
Gerade wollte ich beginnen, da ertönte von unterhalb der Klappe die Stimme von Granny Berrypie: „Alex, wieso kletterst du in deinem Zustand wieder nach oben in dein Zimmer zurück? Du bist krank und solltest dich ausruhen. Lass dir auf der Stelle von Krissy wieder nach unten helfen!“
Verdammter Mist! Mein Blick huschte zu Krissy, die selbstgefällig mit den Augen sagte: „Gib dich endlich geschlagen und erzähl mir alles! Du kommst heute eh nicht mehr aus diesem Haus!“ Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich das ebenfalls, doch dann kam mir eine verhängnisvolle Idee, wie mir leider erst auffiel, als ich meinen Phantomplan bereits gestartet habe.
„Ich glaube, mir wird schlecht“, erklärte ich mit kratzender Stimme und schlug mir doch allen ernstes eine Hand vor den Mund. Scheinbar war meine Show überzeugend oder ich sah einfach so übel aus, wie ich mich fühlte – jedenfalls nahm Krissy mir die Sache sofort ab. Mit angeekeltem Blick sah sie sich im Flur um und deutete dann auf die Tür vom Badezimmer.
Statt mir jedoch Platz zu machen, ging sie vor mir her. Ganz wie ich es vermutet hatte. Natürlich konnte sie nicht zulassen, dass ich allein ins Bad ging, denn es gab einen Schlüssel, der ihrer Meinung nach auf der Innenseite der Tür steckte. Wenn sie also verhindern wollte, dass ich mich einschloss, musste sie vor mir das Badezimmer betreten.
Ein fataler Denkfehler für sie, denn in Wahrheit hatte ich den Schlüssel in der Hosentasche. Grund dafür war eine irrationale Angst davor, jemand könnte sich darin verstecken, um mich zu belauschen und sich seiner Identität wegen einschließen, falls ich ihn bemerkte. Das klingt vermutlich so, als sollt ich mir demnächst mal lieber einen Therapeuten suchen, aber war es in meiner Situation denn wirklich so abwegig?
Kaum war Krissy im Bad verschwunden, stieß ich die Tür zu, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn vorsichtshalber so lange, bis es wirklich nicht mehr ging. Dann zog ich ihn wieder heraus, verstaute ihn wieder in meiner Hosentasche und lauschte kurz einer vor Wut kreischenden Krissy, die durch die Tür hindurch nur gedämpft zu verstehen war.
Sie ihm Bad einzusperren, war zwar eine drastische aber eine notwendige Maßnahme. Außerdem muss ich zugeben, dass es eine echt witzige Aktion war.
Weniger witzig fand ich dagegen meinen letzten verbliebenen Fluchtweg. Da Granny Berrypie darauf wartete, dass ich wieder nach unten kam, um mich auszuruhen, war es nun keine Option mehr, diesen Weg zu wählen. Es blieb einzig der „Besuchereingang“ über den Balkon, auf dem ich inzwischen stand. Ich schluckte. Das Schwindelgefühl in meinem Kopf erreichte so langsam mein Sichtfeld. Um mich herum begann sich alles leicht zu drehen, der Boden, die Rosenranken…
„Konzentriere dich, Alex!“, sagte ich zu mir selbst, bevor ich mit mehr Mühe, als gut für mich sein konnte, das erste Bein über die Brüstung schwang. Das andere folgte. Mit den Fingern krallte ich mich an dem kühlen Metall fest, während ich mit dem Fuß eine Stelle zwischen den Rosen und Dornen suchte, die mein Gewicht tragen konnte. Ganz langsam und immer eine Gliedmaße nach der anderen bewegend, ging es schließlich abwärts. Ich mied es, nach unten zu sehen, denn das tat doch wirklich jeder, der in einer vergleichbaren Situation steckte wie ich jetzt und es war noch niemals gut für diejenigen ausgegangen! Gut, die stammten alle aus Büchern,aber trotzdem schien es mir reichlich unklug.
Je weiter ich mich dem sicheren Erdboden näherte, desto langsamer wurde ich größtenteils lag das an dem nun fast übermächtigen Schwindel, der mich zu äußerster Vorsicht zwang. Als ich dann letztendlich unten angekommen war, holte ich zittrig Luft. Meine Knie waren weich und ich musste mich an der Säule abstützte, um nicht einfach umzukippen. Mit jedem Atemzug wurde mir klarer, dass ich es nie und nimmer bis zum Friedhof schaffen würde.
Kurz überlegt ich, Jack eine Nachricht zu schicken, aber dann fiel mir wieder ein, dass er ja bereits im 17. Jahrhundert war und diese daher erst erhalten würde, wenn er wieder in der Gegenwart war. Dann allerdings hätten wir uns bereits getroffen, was es schlichtweg unnötig machen würde. Ich brauchte einen neuen Plan, schleunigst!
Mit den Augen sichte ich kurz meine Umgebung ab, so gut es mit Kopfschmerzen und Schwindel eben ging. Viele Schritte würde ich in meinem momentanen Zustand nicht zurücklegen können, also entschied ich mich für die naheliegendste, wenn auch gefährlichste Lösung: Eine Zeitreise von der schattigen Stelle unter meinem Balkon aus.
Ich wettete, damit würde ich den Zorn jeder einzelnen Person auf mich ziehen, die auch nur im Entferntesten mit Zeitreisen zu tun hatte, aber das war mir im Moment reichlich egal! Wichtig war nur, von hier wegzukommen. Weg von Krissy und Simikolon und dieser seltsamen Dauerüberwachung, die mich allmählich fertig machte.
Es dauerte nicht lang mein Notizbuch und den Füller zu ziehen, die ich vor meinem Abstieg eben noch schnell in eine kleine Tasche gepackt hatte. Ich schrieb Datum, Zeit und Ort auf, befreite mein magisches Zeitreiseartefakt aus seinem Versteck in der Uhr und wurde von dem tintenblauen Strudel in die Vergangenheit gezogen.

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