Die Wahrheit

Kapitel 25, Zeitquälerei - Wie die Uhr tickt

„Scheiße, Alex!“, stieß mein Bruder halb erleichtert, halb wütend aus, ehe er mich in den Flur zog und die Tür hinter mir zu schlug, „Du bist immer noch krank verdammt! Was soll denn das andauernd? Wo warst du? Hast du überhaupt eine Ahnung, wie große Sorgen ich mir gemacht habe, als mir Krissy erzählt hat, du hättest sie im Badezimmer eingesperrt und wärst seitdem verschwunden?“

Er sah mich mit diesem Blick an, den ich eben erst bei Maria gesehen hatte. Tausend ungestellte Fragen und ich sollte sie alle umgehend beantworten. Die stummen Fragen kamen jedoch nicht alle nur von Gabe. Der ganze Flur war voll mit Leuten, die mir alle einen ähnlichen Blick zuwarfen und so aussahen, als wüssten sie ausgerechnet auf die wichtigste Frage bereits die Antwort.
Das alles bekam ich jedoch nur am Rande mit. Ich mochte vielleicht körperlich anwesend sein, aber irgendwie fühlte es sich so an, als schwebte mein Geist – ich! – außerhalb meines Körpers und beobachte die Situation von dort aus. Ungerührt! Unbeteiligt!
Weil ich nicht antwortete, packte Gabe mich an den Schultern und rüttelte mich leicht durch. Augenblicklich war ich wieder bei vollem Bewusstsein, denn in der selben Sekunde durchzuckte mich ein scharfer Schmerz. Mein Bruder zog schnell seine Hand weg und starrte diese voller Entsetzen an. Sie war blutig.
Verdammt! So wie es aussah, hatte mein Blut den Hoodie durchtränkt. Gabe bemerkte es auch, strauchelte leicht und sah aus, als würde er vor Schock jeden Moment in Ohnmacht fallen. „Was zum Teufel…“, stieß er aus, sich an der Wand abstützend, um nicht den Halt zu verlieren. Seine Augen waren weit aufgerissen und soweit ich das erkennen konnte, starrten mich auch alle anderen erschrocken an.
Vor mir hatten sich all diejenigen aufgebaut, die ich von Simikolon bereits kannte. Da waren zum einen Jonael Jones, meine Verbündete Talita und ihr Zwillingsbruder Marc Hill, der ältere Herr Arthur Black, Granny Berrypie, eine vor Wut kochende Krissy und natürlich Gabe, der mit einem Mal so bleich im Gesicht war, wie ich mich fühlte. Nur eine war nicht anwesend und das war ausgerechnet Jua, die mir in dieser Situation mit Sicherheit aufmunternd zugelächelt hätte.
„Wo kommt das Blut her, Alex?“, fragte mich Granny Berrypie besorgt, während Marc vortrat. Gabe hatte mir ja bereits erzählt, dass er Arzt war, also wich ich automatisch einen Schritt zurück. Ich hatte eine tiefe Abneigung gegen alles, das Medizin war oder welche verabreichte. Außerdem gehörte er zu Simikolon und ich saß schon tief genug in der Patsche.
Also setzte ich ein falsches Lächeln auf und hob abwehrend die Hände: „Blut? Leute, kommt runter! Das ist nur ein bisschen rote Farbe.“ „Red keinen Stuss!“, fauchte Gabe, der sich in Zwischenzeit wieder gefangen hatte, dafür jetzt aber so aussah, als würde er mich am liebsten erwürgen, weil ich die Sache herunterzuspielen versuchte.
„Es ist Blut“, stellte Marc trocken fest, „Aber ich kann es mir nicht ansehen, solange du diesen Pullover anhast. Am besten gehst du dir erstmal etwas anziehen, was sich mehr dafür eignet, einen Blick darauf zu erhaschen.“ Marc deutete auf meinen Hoodie. Sein Vorschlag löste jedoch bei einigen anderen lauten Protest aus.
Natürlich waren es Krissy und Talita, die es nicht gut hießen, dass ich allein in meinem Zimmer verschwinden sollte, also schlug Talita vor, mich zu begleiten, da Krissy ja am heutigen Tag schon so ihre Erfahrungen damit gemacht hatte allein mit mir oben gewesen zu sein. Ohne auf meine Einwilligung zu warten, schob sie mich in Richtung Treppe und ließ die anderen im Flur zurück.
Kaum dass sie oben in meinem Zimmer die Tür geschlossen hatte, fiel ihre Maske und sie wurde mit einem Schlag zu der Person, die ich in meinem Alter in der Vergangenheit kennengelernt hatte: „Was ist passiert?“
Sie half mir aus meinem Hoodie und starrte entsetzt aber wissend auf meine Verletzung. Mit gerunzelter Stirn formulierte ich die Frage, ob sie denn wüsste, was es damit auf sich hatte und sie nickte. „Du hast es uns damals in Juas Atelier erzählt. Ich hatte aber keine Ahnung, dass das schon so früh geschied.“
Mit „das“ meinte sie definitiv nicht den Schnitt. Mir lief ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter, denn damit bestätigte Talita meine allerschlimmsten Befürchtungen. Dennoch trieb mich ein letzter, kläglicher Rest Hoffnung dazu an, noch einmal nachzufragen, um auch wirklich jeden Zweifel auszuräumen: „Das heißt, Simikolon wird mich enttarnen?“
Als mein Gegenüber nicht sofort antwortete, zerschellte diese unbegründete Hoffnung jämmerlich am Boden meiner Persönlichkeit. Eigentlich war es mir bereits klar gewesen, als ich die erwartungsvollen Gesichter der anderen gesehen hatte. Außerdem könnte ich jetzt im Nachhinein schwören, dass Jones Junior mir beim Betreten des Flures kurz zugenickt hatte. Auch er wusste Bescheid.
„Was soll ich jetzt also tun?“, fragte ich ratlos, weil mich der Umstand, aufgeflogen zu sein, dann doch überrumpelte. Bisher hatte ich nicht damit gerechnet, dass es passieren würde. Oder zumindest nicht so bald. Auch Talita sah für einen Moment nicht so aus, als hätte sie den vollen Überblick über die Situation. Jedoch hielt das nur für einen kurzen Augenblick an, dann änderte sich ihr Gesichtsausdruck völlig.
Während ich in meinem Schrank nach etwas suchte, das entweder Spagettiträger hatte oder schulterfrei war, begann sie, mir einen Schlachtplan zurechtzulegen: „Du hast in den letzten Tagen fast alle davon überzeugen können, du würdest alle für verrückt halten, die Zeitreisen für möglich halten. Mach dir das zu Nutze. Alle außer Krissy glauben, du würdest es für unmöglich halten, du musst also nur so tun, als hättest du rein zufällig einen Ring in deinem Zimmer gefunden. Ich nehme an, wenn dir jemand davon erzählt hat, dass das hier früher das Zimmer von Maria gewesen ist, dann war es vermutlich niemand von Simikolon. Sie werden also glauben der Ring, den sie schon seit ihrem Tod suchen, wäre dir zufällig in die Hände gefallen, ohne dass du einen Verdacht geschöpft hast.“
„Und die Tinte?“, erinnerte ich. Darauf erwiderte Talita ein Grinsen und zog etwas aus ihrer Tasche. Als sie es mir reichte, identifizierte ich es als ein bereits älteres Stück Papier, auf dem in einer ordentlichen Handschrift dieses Zimmer und ein Datum von vor vierzehn Jahren notiert war. Lange brauchte ich nicht, um zu kapieren, dass Maria es geschrieben hatte.
Mein Blick wanderte zurück zu Talita. Aufgrund der Verwirrung, die ich im Moment eindeutig ausstrahlte, war es nicht notwendig, etwas zu sagen. „Sie hat mir das wenige Monate vor ihrem Tod gegeben. Für genau einen solchen Fall“, erklärte sie stolz.
Ich verstand: „Ich soll sagen, dass hätte dabei gelegen und als ich mit dem Finger darüber gefahren bin…“ „Fandest du dich plötzlich in der Vergangenheit wieder“, beendete Talita meinen Satz. Ihr Plan war also zusammengefasst, mich als das überforderte Unschuldslamm auszugeben, das ungewollt in die Sache hinein gerutscht war.
Obwohl ich jetzt schon wusste, dass einer – oder genauer gesagt: eine – in der Runde nicht auf diese Geschichte anspringen würde, war es letztlich die einzige Taktik, die überhaupt in Frage kam. Einzig das Problem mit meiner Schulter bliebe da noch, doch ehe ich auch nur den Mund öffnen konnte, um die Sache anzusprechen, hatte Talita schon die Lösung gefunden.
„Maria war, was ihre Zeitreisenotizen anging, nie besonders ordentlich. Das ist kein Geheimnis. Es wäre also möglich, dass du, während sie dir erklärt hat, was du wissen musst, über die Blätter auf ihren Schreibtisch gefahren bist und eines davon mit der Tinte beschrieben war. Du bist kurzerhand noch weiter in der Vergangenheit gereist, die Leute haben dich komisch angestarrt und dich als Hexe betitelt. Einen Moment später kam Maria und nahm dich wieder mit zurück. Allerdings konntet ihr nichts mit der Wunde anfangen, woraufhin sie dich zurück schickte.“

„Und das sollen wir dir abkaufen?“, fragte Krissy spöttisch, nachdem ich geendet hatte. Man hatte sie vorhin nicht zu Wort kommen lassen. Ich fürchtete, abgesehen davon, dass sie mir nicht im Mindesten glaubte, stand außerdem noch ein unschönes Streitgespräch an, in dem sie mir lauter Vorwürfe wegen dem Zwischenfall im Badezimmer machen würde, wobei sie auch Gabe mal wieder gegen mich aufbringen würde.
Auch Talita hatte einen ungläubigen Gesichtsausdruck aufgesetzt. Sie spielte ihre Rolle ebenso gut wie ich meine, denn niemand außer der ewig skeptischen Krissy stellte eine von uns in Frage.
Zeitgleich hatte Marc sich meine Schulter angesehen. Bevor sich nun ein anderer zu meinem eben geschilderten Dilemma äußern konnte, begann er mit der Diagnose: „Dass es eine Schnittverletzung ist, dürfte jeder bereits erkannt haben. Allerdings sieht es ganz so aus, als hätte irgendwer bereits daran herumgebastelt.“
„Das war Maria, als wir zurück in meinem… also, naja, in ihrem Zimmer waren“, unterbrach ich schnell und mit einem Hauch Verzweiflung in der Stimme, um anzudeuten, ich ginge davon aus, niemand würde mir glauben schenken, weil ich – die Unwissenheit in Person – natürlich selbst nicht alles realisieren und glauben konnte. Von meiner schmerzenden Schulter mal ganz abgesehen. Marc nickte, als wäre diese Erklärung plausibel. Glück gehabt!
Weiter erklärte er, dass er es würde nähen müssen, was mich aufstöhnen ließ, weil ich – die wahre Alex – Arztbesuche, Medikamente und Krankheiten im Allgemeinen, wie bereits erwähnt, nicht ausstehen konnte. Nicht zuletzt deshalb war ich – die bis vor kurzem uneinsichtigste Verfechterin von Logik – noch immer höchst angespannt.
Gespielt eingeschüchtert blickte ich auf meine Füße. Einige Augenblicke herrschte Stille. Ich gab den anderen die Zeit, meine Aussagen im Geiste noch einmal durchzugehen und zu überlegen, ob sie mir glauben schenken wollten.
„Und hast du vorgehabt, es uns mitzuteilen?“, durchbrach Arthur nach einer Weile die Stille. Ich hob den Kopf, um ihn ehrlich anzusehen. Ein Fehler, den viele beim Lügen begingen, war es, sich selbst in Widersprüche zu verstricken, indem sie sich selbst nicht zuhörten und sich auf jede Frage einfach etwas aus den Fingern saugten. Deshalb war ein Funken Wahrheit fester Bestandteil meiner Taktik. An dem Spruch „Bleib immer du selbst“ ist tatsächlich etwas dran, sogar wenn es ums Lügen geht.
„Ich weiß nicht genau“, verunsichert blickte ich nacheinander jeden an, ehe ich den Kopf wieder senkte, „Das alles geht mir zu schnell und außerdem… naja, ich habe darüber nachgedacht, diesen Ring einfach wieder zurückzulegen. Dieses Zeitreisezeug… ich hätte dieses verdammte Ding einfach niemals anfassen sollen!“
Mit einem unfassbar finsteren Blick starrte Talita mich an. Selbst ich hätte ihr um ein Haar abgekauft, dass sie sauer auf mich wäre: „Dafür ist es jetzt zu spät! Nach der ersten Zeitreise gibt es kein zurück mehr, was bedeutet, dass du das magische Zeitreiseartefakt nicht einfach wieder hättest verstecken können. Abgesehen davon, dass das unverantwortlich wäre! Du hast ja überhaupt keine Ahnung, wie wertvoll dieses ‚Ding‘ ist!“
Am Ende zuckte ich bei fast jedem Wort zusammen. Vermutlich wäre es passender, mich als verstört zu bezeichnen, denn das war ich sogar wirklich. Allerdings hatte das natürlich in Wirklichkeit nichts mit Talitas anklagenden Worten zu tun, sondern mit dem Angriff in der Gasse. Man sah schließlich nicht jeden Tag, wie einem Mann ein Degen durch den Thorax gestoßen und einem anderen die Hand abgeschlagen wird.
Bei der Erinnerung wurde mir schlecht und ich versuchte die Bilder aus meinem Kopf zu verbannen. Statt jedoch zu gehorchen, rief mein Hirn nur noch mehr Erinnerungen aus der Gasse hervor. Metallenes Degenklirren. Rotes Blut auf dunklem Stein. Schmerzen in meiner Schulter. Das Geräusch, als die Hand mit einem Schlag vom Rest des Körpers abgetrennt wurde und dann das, als sie auf dem Boden aufkam. Goldbraune Augen, die mir entgegen funkeln, ohne dass ich ein bestimmtes Gefühl darin lesen könnte. Eigentlich gar keins.
Unfähig mich von der Stelle zu bewegen, schlug ich mir die Hand vor den Mund, eine Geste, die ich heute entschieden zu oft machte. Mir war speiübel und für einen Moment fürchtete ich doch tatsächlich, mich hier und jetzt übergeben zu müssen.
Im selben Augenblick legte mir jemand sanft die Arme um die Schultern und führte mich schnell aus dem Wohnzimmer, in dem sich alle versammelt hatten, während Talita und ich in meinem Zimmer gewesen waren. Erst als wir im Badezimmer angekommen waren, realisierte ich, dass es Gabe war.
Noch ehe er die Tür abgeschlossen hatte, hing ich zum zweiten Mal an diesem Tag über der Toilette, mit drei Unterschieden zum letzten Mal. Erstens befand ich mich jetzt in der Gegenwart, zweitens im Badezimmer des zweiten Stocks und drittens war es diesmal mein Bruder, der mir die Haare zurückhielt.

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