Angsthasen und Feiglinge

Kapitel 15, Marendie

Zum zweiten Mal an diesem Tag stand jemand hinter der Tür, von dem ich es nicht erwartet hätte. Es waren Leopolds Geschwister. „Wen haben wir denn hier?“, meinte Benjamin, dem man ansah, dass er schon vorher gewusst hatte, dass wir uns hier drin befanden. Clara kletterte zu uns und zog mich auf die Beine. „Alles in Ordnung?“, fragte sie. Ich schaute an mir herab: „Geht schon!“
Während Clara und ich auf dem asphaltierten Vorplatz der Fabrik standen, fummelte Benjamin an den Fesseln seines großen Bruders herum. „Hab‘s!“, rief er. Als auch beide Jungs neben uns standen, berieten wir, wie wir vorgehen sollten. „Die Fabrikhalle ist ziemlich groß, also schlage ich vor, dass Ihr zwei zusammen reingeht und ich nehme Mara mit.“, meinte Leopold ohne eine Spur Dankbarkeit oder etwas ähnliches in der Stimme. Das schien auch seinen Geschwistern aufzufallen. „Wie wäre es mit einem Danke?“, fragte Benjamin ungläubig. Sein Bruder lächelte ihm ironisch zu. „Die Fesseln waren schon beinah ab und die Tür hätte ich auch von innen öffnen können… Jetzt kommt! Wir haben später für alles Zeit!“

Eingebildeter Affe! Am liebsten hätte ich ihn jetzt zur Rede gestellt, aber die Zeit blieb mir nicht, denn Leopold griff in diesem Moment nach meinem Handgelenk und zerrte mich in die Halle.

Es war ruhig. Zu ruhig. Normalerweise wurde jedes noch so kleine Geräusch von den kahlen Wänden zurückgeworfen, doch nun verschlungen die Wände alle Laute und verbannten sie in die Tiefen der Stille. Nachdem sich die anderen drei wortlos ausgemacht hatten, wer in welche Richtung gehen sollte, winkte mich Leopold zu sich hinter ein Regal, vollgestopft mit leeren Fischkisten. Von da aus schlichen wir uns an einem Bretterhaufen vorbei. Wir bahnten uns unseren Weg immer weiter ins Halleninnere hinein. Mit jedem Schritt wuchs die Angst in mir mehr und mehr. Natürlich, Leopold war bei mir, aber was sollte ich tun, wenn ihm etwas zustoßen würde?
So langsam taten meine Beine weh. Meinem recht guten Zeitgefühl nach, waren wir nun schon seit sieben bis zehn Minuten unterwegs. Bald müssten wir die Rückseite der Halle erreichen… Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht mitbekam, wie Leopold stehen blieb. Ich rannte einfach in ihn hinein. Er fuhr herum. „Sorry! Ich bin nur so aufgeregt. Er hat eine Pistole!“, zeterte ich. Um ehrlich zu sein, hatte ich absolut keine Lust diesem gruseligen Typen nochmal zu begegnen und schon gar nicht mit dem großen Bruder von Benjamin und Clara. Ich spürte erneut die Waffe an meinem Hals. Eine Sekunde lang rang ich nach Atem. Leopold packte mich unsanft an der Schulter. „Hör zu und beruhige dich! Ich weiß jetzt wo Pirth steckt! Siehst du die Tür dort? Sie führt in eine andere Halle, die wesentlich kleiner ist als die hier! Ich gehe da rein und du holst meine Geschwister!“, er bemühte sich nicht mal leise zu sprechen. Hätte ich nur ein ganz kleines bisschen weniger Angst, vor diesem Pirth (woher die anderen ihn auch immer kannten), würde ich den Plan des hochnäsigen Makiders nie annehmen! Es klang einfach nur verrückt, aber wenn Leopold sich unbedingt mit dem Typen und seiner Pistole anlegen wollte, sollte er es meinetwegen tun!
„Okay. dann suche ich deine Geschwister. Tu nichts unüberlegtes… bitte“, das letzte floss ohne meine Erlaubnis aus meinem Mund. Es schien das einzige zu sein, dass bei Leopold ankam, denn ein freundliches Lächeln huschte über sein Gesicht. Nach einem mal Zwinkern war es wieder verschwunden, aber es war da gewesen und das hatte ich genau gesehen. Rasch drehte sich der Junge von mir ab. Es schien ihm etwas peinlich zu sein. „Viel Erfolg!“, murmelte er, „Und trödel nicht!“. Schon war er wieder in den rechthaberischen Ton gewechselt.
Ich lief noch immer zwischen den Regalen hindurch, doch die einzigen Lebewesen, denen ich begegnete, waren Spinnen, Kakerlaken und Fliegen, die auf halb verrotteten Fischresten saßen. Wo waren die nur? „Hallo?“, ich hatte mich schon vor einer kleinen Weile getraut nach Clara und Benjamin zu rufen, doch es kam nie eine Antwort zurück. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich mich nicht weit von der Tür entfernen wollte, jedoch sollte das Echo meiner Rufe unter normalen Umständen durch die ganze Halle schallen. Naja, zumindest glaubte ich das…
„Clara? Benjamin? Ich brauche euch hier!“, rief ich um einiges lauter als zuvor und im nächsten Augenblick ertönte es noch einmal, dann nochmal und nochmal. Es klappte. Die Antwort kam keine zwei Sekunden später: „Mara? Wo bist du?“ Ich atmete erleichtert aus und wollte etwas zurück rufen, doch im nächsten Moment ertönte ein lauter Knall. Unverkennbar. Die Pistole…
Mein Herz pochte so hart in meiner Brust, dass es weh tat. Ich wusste nicht genau wie, aber meine Beine trugen mich vorwärts. Beinahe hätte ich laut Leopolds Namen gerufen, doch ich konnte mich gerade noch beherrschen. Dafür schallte mein Name durch die Halle. Leider war es nur Claras Stimme.
Selbst wenn ich gewollt hätte, würde nichts über meine Lippen kommen, außer dieses eine Wort; Leopold. Das war auch das einzige in meinem Kopf. Erst als ich an der Tür ankam, wurde mir bewusst, dass ich gerannt sein musste. Jedoch war ich kein bisschen außer Atem. Naja, egal! Ich musste nach Leopold suchen! Also stieß ich die Tür auf…
Die faulig stinkende Luft lies mich wieder zu mir kommen. Was tat ich denn hier? Wollte ich mich selbst ausliefern? Auch wenn es womöglich um ein Leben ging, wessen auch immer, konnte ich nicht einfach so durch die Gänge laufen! Leopold hatte recht gehabt, diese Halle war wesentlich übersichtlicher als die andere. Trotzdem musste ich vorsichtig sein! „Dann los!“, sagte ich zu mir selbst und machte einen Schritt in den Raum.
„Hallo? Was hast du vor?“ Ich schreckte herum, doch atmete sogleich wieder aus. Es waren Clara und Benjamin. „Wir sind dem Knall und deinem Schrei gefolgt!“, erklärte Benjamin. Ich hatte also doch geschrien! Wie peinlich… davon lies ich mir natürlich nichts anmerken: „Wir müssen sicher gehen, dass niemand verletzt wurde! Folgt mir!“
Ich drehte mich nicht noch mal zu den beiden um, als ich in den Raum schlich. Dennoch wusste ich, dass sie mir folgten, nachdem sie sich wieder stumme Blicke zugeworfen hatten, die mehr sagten, als ich in meinen ganzen Leben. Das war aber nicht wichtig. Wichtig war, ob sie mir vertrauten und das bewiesen sie mir jedes Mal, wenn sie einen Fuß vor den anderen setzten. Ich war erleichtert, denn der plötzliche Mut hatte mich wieder verlassen. Wäre ich allein, stände ich nicht hier. Ich würde alles tun, außer nach diesem Verrückten mit der Knarre zu suchen. Das kam daher, dass ich ein Angsthase und Feigling war. Vermutlich der Größte, den die Welt jemals gesehen hat…

Ein Kommentar zu “Angsthasen und Feiglinge

  1. Liebe Leserinnen und Leser,
    jetzt ist schon das 15. Kapitel von Marendie online und Mara und ihre neuen Freunde erleben ihr erstes gemeinsames Abenteuer. Natürlich ist es nicht das letzte Kapitel, ich würde mich aber trotzdem über ein paar Kommentare von euch freuen. Egal was, Vermutungen, wie es weiter gehen könnte, Kritikpunkte, Vorschläge, Wünsche… alles ist erlaubt. Damit zeigt ihr mir, wie die Geschichte bei euch ankommt. Nun noch eine Ankündigung: Dieses Jahr wird es wieder einen Weihnachtskalender geben.
    Ich freue mich über jeden Leser und hoffe, bald mal eure Meinungen in den Kommentaren zu lesen.

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