Die Wahrheit über Nanny Nini

Kapitel 17, Marendie

„Alles in Ordnung? Du blutest ja!“, stellte die Prinzessin – einem hysterischen Anfall nah – fest. Wie bitte? Beim letzten mal haben sich Leopold und Tüllkrönchen noch gesiezt! Hatte ich irgendwas verpasst? Außerdem war das ja wohl eine Frechheit! Ich hatte soeben das Leben von Benjamin und Leopold gerettet (meins, Claras und fälschlicherweise das von Tüllkrönchen vermutlich auch), stand nun unter Schock und alles woran diese eingebildete Ziege dachte war das wenige Blut, das Leopold über Stirn und Arm lief? Clara riss mich aus meinen Gedanken: „Wir müssen raus hier!“ Sie hob den Dolch auf und griff nach meiner Hand.

Als wir wenig später vor der Fischhalle standen und sich meine Lungen mit frischer Hafenluft füllten, dachte ich, ich hätte den Schock überwunden, doch natürlich lag ich falsch.
Schuld daran war ein näher rasendes, großes Auto. Es kam nur ein paar Meter vor uns zum stehen. Die Scheiben waren verdunkelt. Aus den hinteren Türen stürmten drei Männer und eine Frau, mit exotischer Hochsteckfriesur. Sie trugen allesamt schwarze Overolls. Eindeutig Makider!
„Wo ist er?“, fragte die Frau uns. Clara warf ihr einen winzigen Gegenstand zu. Leider konnte ich nicht erkennen was es war. Kaum hatte die Fremde das Ding gefangen rannte sie mit den Männern im Schlepptau in die Halle.
Wieso wusste ich nicht, aber ich musste sie die ganze Zeit anstarren. Da war mir gar nicht aufgefallen, dass auch die Fahrerin das Auto verlassen hatte. Bei ihrem Anblick brannten auch meine letzten Nerven durch. Es war… „Leute, ist alles in Ordnung? Ben, Leo, ihr Blutet ja und was habt ihr mit Mara gemacht? Sie hatte doch mal Farbe im Gesicht…“ …Nanny Nini!
„Du?“, fragte ich ungläubig. Sollte das ein schlechter Scherz sein? Die war doch nie und nimmer ein Makider! Jeder andere, jeder, aber nicht sie…
Clara legte mir ihre Hände auf die Schultern und lächelte entschädigend. „Nirinia ist nicht der einzige Makider, den du kennst. Da wären noch dein Opa, deine Tante Lucy, wir natürlich und zum Beispiel Mrs Miller.“ Wieder schaute ich fassungslos in die Runde: „Unsere ultra strenge Geschichtslehrerin soll ein Makider sein?“ Alle nickten.
„Und meine Eltern?“, fragte ich nach einigen Minuten. Benjamin antwortete zögernd: „Es ist etwas kompliziert! Jupter und Lucy sind Makider, deine Oma nicht. Deine Mutter kommt nach ihr. Umso erstaunlicher ist es, dass du ein Makider bist. Normalerweise muss mindestens ein Elternteil einer von uns sein, du bist die einzige bekannte Ausnahme.“ Ich versuchte es zu verstehen, aber die Worte schwebten quer durch meinen Kopf und ließen mich ihren Sinn nicht erfassen.
Ich wurde von Nanny Nini unterbrochen. „Ich weiß, dass es viel zu bereden gibt!“, sagte sie mit ungewohnt selbstbewusster Stimme, „Hier ist aber nicht der richtige Ort dafür! Außerdem werden Zynalie und die anderen gleich mit Pirth raus kommen und dem möchte ich nicht unbedingt begegnen.“
„Wir auch nicht!“, sprach Clara unser aller Gedanke aus. Sie drängte mich in das Auto. Nanny Nini fuhr, Leopold, der seit wir aus der Halle gekommen waren nicht mehr geredet hatte, setzte sich auf den Beifahrersitz und Benjamin, Clara und ich nahmen auf der Rückbank Platz. In dem ganzen Trubel hatte ich gar nicht mitbekommen, wo Tüllkrönchen abgeblieben war, doch das interessierte mich auch gar nicht…

Wir waren bei mir zuhause angekommen. Meine Nanny hatte das Auto ordentlich eingeparkt, sodass man beim einfachen Betracht nicht auf die Idee gekommen wäre, sie würde fahren wie eine Irre ohne Führerschein. Doch mein Magen konnte genau das bestätigen. Jetzt saßen wir alle schweigend am Küchentisch.
„Wieso seit ihr eigentlich hier?“, unterbrach ich die Stille auf einmal. Die vier tauschten Blicke aus. Nanny Nini antwortete verlegen: „Dein Großvater war eine ganz spezielle Person in unserer Welt. Du weißt vielleicht nicht so genau, was ein Makider ist. Eigentlich heißt es ‘magische Kinder der Erde‘, weil wir Menschen mit jeweils drei besonderen Fähigkeiten sind. Diese drei Fähigkeiten variieren bei allen. Am Anfang ist man unbestimmt. Die Makiderkräfte müssen sich erst noch entwickeln.“
„Das hat mir Leopold schon erklärt.“, unterbrach ich sie, „Und du weichst meiner Frage aus! Warum seit ihr hier?“
Ich sah schon, niemand wollte mir antworten. Also begann laut ich zu schlussfolgern: „Mein Opa war ein sehr guter Kämpfer und hat euch oft gerettet. Jetzt ist er Tod und deshalb sucht man einen neuen Dödel, der diese Aufgabe übernimmt, richtig? Ihr seit bei mir gelandet, weil ich die Enkelin eures Helden bin. Logisch!“
Benjamin schluckte. Er wollte anscheinend etwas sagen, doch brachte kein Wort hervor und nickte stattdessen nur. „So ungefähr!“, Clara kaute auf ihrer Unterlippe herum.
„Ich verstehe nur nicht, wer dieser Pirth ist und was er von Tüllkrönchen wollte.“, meinte ich, als sich der Raum wieder mit Stille zu füllen drohte. Benjamin räusperte sich um ein Lachen zu unterdrücken. Clara und Nanny Nini grinsten breit. Ich hatte vergessen, dass nur ich die Prinzessin Tüllkrönchen nannte.
„Pirth ist der kleine Bruder von einem Bösen, der unsere Welt bedroht. Die beiden sind wohl aus irgendeine Grund davon ausgegangen, dass Prinzessin Gultara die neue Heldin ist. Das oder sie wollten sie entführen!“, sagte Leopold sachlich, „Zum Glück hat Pirth nicht gewusst wer du bist. Noch besser ist aber, dass dein geschmackloser Versuch ihn auszuschalten nicht nach hinten losgegangen ist!“
Er funkelte mich intensiv an. Es schüchterte mich etwas ein, doch ich starrte einfach zurück, bis er sich Clara an wandt. „Zeig Nirinia den Dolch!“, forderte er seine Schwester auf. Diese legte den Kopf schief. Genervt fügte Leopold ein ‚Bitte‘ an. Sofort zog Clara den goldenen Dolch hervor und reichte ihn meiner Nanny. Sie drehte ihn ein paar mal in den Händen, begutachtete die Klinge sorgfältig und legte die Waffe auf den Tisch. „Der Dolch hat James gehört.“
„James?“, fragten die Geschwister verwirrt. „James?“, fragte ich, die sich fühlte wie im falschen Film. Noch ein neuer Name. Wer konnte das nun wieder sein? Vielleicht ein Riese oder etwas ähnliches?! „James ist ein magischer Postbote. Das heißt, er bringt allen Lebewesen – außer Menschen – die Post. Außerdem ist er unser Freund.“, erklärte Benjamin.
„Wieso war? Was ist mit James passiert?“, wollte Clara wissen. Sie schien Benjamins Bemerkung überhört zu haben. Nanny Nini schaute die drei anderen besorgt an: „Ihr wisst es nicht?“ – eine retorische Frage – „Er wurde von den Kreats umgebracht!“

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