Die Möglichkeit sich zu verteidigen

Kapitel 29, Zeitquälerei - Wie die Uhr tickt

Von dem Café, das ich Gabe genannt hatte, war es nur ein kurzer Fußmarsch bis zum Friedhof. Dort sah ich aus der Ferne Mr Wilson und überlegte einen Moment, zu ihm zu gehen und eine Unterhaltung anzufangen, aber ich musste zu Jack. Auf dem Weg zur Kapelle dachte ich dann wiederum darüber nach, doch noch einmal umzudrehen. Ich sehnte mich nach einem Fünkchen Normalität, ein Gespräch mit dem alten Herren würde mir sicher guttun.

Letztendlich stand ich jedoch bereits im düsteren Treppenhaus, als ich die Überlegung aufgab. Mein Handy zu zücken und die Taschenlampe einzuschalten, war zur Gewohnheit geworden, sodass ich nicht mal mehr darüber nachdenken musste.
Am Fußende der Treppe angekommen, ging ich mir mit fünf Fingern durch mein offenes Haar. Die Taschenlampe schaltete ich mit der rechten Hand aus, während ich mit der Linken die Türklinke umklammerte. Ich stand kurz davor, dem ersten Menschen außerhalb Simikolon zu erzählen, dass genau die mich nun als Zeitreisende enttarnt hatten. Eine Unterhaltung, die ich am liebsten einfach überspringen würde, doch das war leider nicht möglich. Ich musste es wohl einfach hinter mich bringen und öffnete mit diesem Gedanken die Tür.
„Wo warst du gestern?“, ohne eine Begrüßung musterte Jack mich intensiv, als spüre er bereits, dass etwas schreckliches geschehen war. Mein Blick wanderte auf den Boden: „Ich habe Mist gebaut!“
„Hausarrest und keine Möglichkeit die Festung unbemerkt zu verlassen?“, riet Jack stirnrunzelnd, aber nicht belustigt, wie es seine Worte vermuten lassen könnten. Ich schüttelte den Kopf und lehnte mich von innen gegen die Tür, sodass sie sich mit einem leisen Klicken schloss. Dabei spürte ich deutlich, dass er nicht allzu gute Laune hatte, denn er trommelte mit den Fingern ungeduldig gegen einen Stapel Bücher.
Tief durchatmend setzte ich zu einer Antwort an: „So wie es aussieht, bin ich jetzt unerwünschtes Mitglied bei Simikolon.“ Eine Sekunde lang herrschte ein beängstigendes Schweigen. „Was?“, entfuhr es Jack dann, sehr an ein Knurren erinnernd. Ich traute mich ihm ins Gesicht zu sehen und bereute es sofort.
Seine Augen und seinen Mund kniff er zusammen, als müsste er eine ungeheure Wut zurückhalten. Dennoch funkelte er mich an, wobei regelrechter Hass, absolutes Bedauern und noch etwas anderes, unidentifizierbares um die Oberhand in seinem Blick kämpften. Unwillkürlich musste ich schlucken. Etwas stimmte da nicht! Ganz und gar nicht!
Dennoch entschied ich mich dazu, etwas präziser zu werden, statt den Kopf einzuziehen: „Die von Simikolon wissen, dass ich das magische Zeitreiseartefakt von Maria habe. Sie haben mich gestern mit in ihr Hauptquartier genommen und entschieden, dass ich Mitglied werden müsste.“
Jack schnaubte wütend, drehte sich zur Wand hinter sich um und sah so aus, als würde er jeden Moment dagegen schlagen. Doch letztendlich tat er es nicht. „Hast du es denen freiwillig erzählt?“, wollte er stattdessen von mir wissen. Sein Tonfall erinnerte mich an unser erstes Gespräch in diesem Kellergewölbe.
Erschrocken trat ich einen Schritt auf ihn zu und verneinte seine Frage mit Nachdruck. Aus irgendeinem Grund wollte ich nicht, dass er das auch nur eine Sekunde lang von mir dachte. Vielleicht weil ich rein gar nichts mit dieser Organisation zu tun haben wollte und seine Frage mich tief traf. Wie kam er nur auf so einen Schwachsinn und wieso reagierte er generell so über?
„Wie haben sie es dann raus gefunden?“, hakte er nach, was mich zum Stutzen brachte. Jetzt war keinerlei Anklage mehr in seiner Stimme. Was war hier bitte los? Wie konnte man nur so krasse Stimmungsschwankungen haben? Irgendetwas schien wirklich alles andere als in Ordnung zu sein!
Dennoch wollte ich erst seine Frage beantworten: „Ich war gestern an dem vereinbarten Ort, aber da hast du dich gerade mit Max unterhalten und ich wollte euch nicht stören. Also habe ich mir von Jua ein Kleid geliehen und bin in dieses Dorf am Fuße des Hügels gegangen, auf dem eure Residenz errichtet wurde. Ich dachte, es wäre interessant, weil ich schon so viel über das Leben einfacher Menschen im 17. Jahrhundert gelesen habe, aber ich habe mich verlaufen und bin nach einer Weile irgendwie in so einer Seitengasse gelandet, in der mich zwei Männer mit Degen bedroht haben.“
Ungläubigkeit zeichnete Jacks attraktives Gesicht seit ich gesagt hatte, dass ich ihn und Max nicht habe unterbrechen wollen. Nun schlug diese jedoch innerhalb von Sekunden in etwas anderes um. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, irgendetwas zwischen Wut und Sorge. Er war nach nur zwei langen Schritten bei mir und sah mich eindringlich an.
„Man hat dich bedroht?“, wiederholte er finster, „Inwiefern? Haben sie etwas zu dir gesagt? Hat dich einer der Typen verletzt?“ „Naja, die beiden sagten, ich solle den Mund halten und mich nicht vom Fleck rühren. Dann ist hinter dem einen noch jemand aufgetaucht und der Kerl hinter mit hat mich beim Umdrehen mit seinem Degen an der Schulter erwischt.“
Sofort zog Jack eine auffordernde Mine. Keine Ahnung, wieso ich dem nachkam, aber ich schob ohne Einwände meinen weit geschnittenen Pulli an meinem linken Arm herunter, um meine Schulter zu enthüllen. Ich drehte mich sogar um 180 Grad, damit er freies Sichtfeld auf die bereits versorgte Verwundung hatte.
Auch ohne ihn sehen zu können, wusste ich genau, dass sich sein Gesicht im Moment noch weiter verdüsterte. Für knapp drei Sekunden herrschte vollkommene Stille, dann hörte ich, wie er etwas aus seiner Hosentasche zog. Beim Umdrehen sah ich dann, dass es sich um sein Handy handelte und er damit scheinbar eine Person anrufen wollte. Ehe ich ihn fragen konnte, wer es war, hielt er sich das Handy auch schon ans Ohr.
„Hey, na, wie geht‘s dir?“, es wurde schnell abgenommen. Jack ließ der Person am anderen Ende der Leitung Zeit zum Antworten, bevor er weitersprach: „Schön zu hören. Also der Grund, wieso ich anrufe, ist folgender. Kannst du dich noch an unser Gespräch letzte Woche erinnern? Du hast gesagt, dass mehr Mädchen Fechtunterricht nehmen sollten und ich stehe hier gerade mit einer Freundin, die es mal versuchen würde. Deswegen wollte ich wissen, ob wir uns vielleicht heute zu einem kleinen Extratraining treffen wollen. Ich könnte sie dir vorstellen, weil du bekanntermaßen viel überzeugender beim Anwerben neuer Schüler bist.“
Der Gesprächspartner willigte offensichtlich ein, denn Jack nannte eine Uhrzeit und legte dann auf. Während er sein Handy in seine Hosentasche zurücksteckte, steuerte er auf die Tür zu. „Du willst mit mir in eine Fechtschule? Wieso?“, ich stand mitten im Raum und hatte nicht die Absicht ihm zu folgen.
„Wenn du dich hättest verteidigen können, dann wäre dir nichts passiert, Alex!“, Jack hielt mir inzwischen die Tür auf, „Also werden wir dafür sorgen, dass das kein zweites Mal passieren kann.“ „Und wer ist wir?“, wollte ich wissen, setzte mich aber langsam in Bewegung. Jack wartete, bis ich die erste Treppenstufe erreicht hatte. Erst dann schloss er die Tür und folgte mir zurück nach oben.
Eine Antwort erhielt ich jedoch erst, als wir die alte Kapelle verlassen hatten und über den Friedhof zurück zur Straße liefen: „Natürlich könnte ich dir auch die Grundlagen beibringen, aber ich halte es für besser, wenn das jemand tut, der sich eher in deine Lage versetzen kann.“
„Du meinst jemanden, der im 17. Jahrhundert von dunkel gekleideten Männern mit Degen bedroht wurde?“, fragte ich mit einem ungewollten Anflug meines trockenen Humors. Jack hingegen blieb ernst: „Nein, ich dachte eher an eine Frau.“ „Autsch! Soll das vielleicht eine als harmlos getarnte Beleidigung sein?“, ich tat entrüstet.
Jack sah mich schockiert an, als würde ihm der Sinn hinter seinen Worten erst jetzt aufgehen: „Was? Nein! Gibt es ein deutlicheres Zeichen dafür, dass ich mich in letzter Zeit zu viel in dieser einen Epoche aufhalte?“
„Naja, noch erwartest du jedenfalls nicht, mit einer Verbeugung begrüßt zu werden.“
„Das wäre sicherlich ein angenehmerer Tick.“
„Nicht für meine Beinmuskulatur.“
Wir beide mussten lachen, wurden aber wieder ernst, als wir am Tor ankamen. „Ich habe mit meiner Fechtpartnerin Frederike telefoniert. Wir treffen sie dann vor Ort“, erklärte Jack, als wir auf den Bürgersteig vor den Friedhof traten. Er schlug die Richtung ein, die uns weiter von dem Haus von Simikolon entfernte.
„Wie kommen wir zu der Fechtschule?“, wollte ich wissen, weil mir nichts anderes einfiel, was ich sagen könnte. Jack wedelte mit einem Autoschlüssel vor meiner Nase herum. Nur wenige Augenblicke später hielt er neben einem dunkelgrünen Pickup-Truck, der so ziemlich das letzte Auto war, das ich ihm zugetraut hätte.
Im Grunde hatte ich erwartet, er würde in einem noch cooleren Schlitten durch die Gegend kurven als mein Bruder. Dieses Auto war zwar gänzlich intakt und sah nicht übermäßig alt oder schrottreif aus, aber ich konnte es einen Moment lang nicht mit dem Bild von Jack in Strumpfhosen und goldverziertem Mantel in Einklang bringen.
Auch die Tatsache, dass er mir galant die Autotür aufhielt, sprach nicht unbedingt für den typischen Pickup-Truck-Besitzer, aber als er dann hinterm Steuer saß und den Motor startete, waren plötzlich all die Zweifel vergessen.
Das hier war definitiv das perfekte Auto für Jack! Er war nun mal weder durchschnittlich, noch jemand, der einen teuren Angeberschlitten fahren würde. Er war cool und bodenständig, genau wie sein Auto!
Dasselbe konnte man auch von der Fechtschule behaupten, vor der wir eine Viertelstunde später hielten. Sie befand sich in einem alten Industriegebäude, das mit seinen roten Backsteinen und fast bodenlangen Fenstern seinen ganz eigenen Charme versprühte. Über der grauen Eingangstür waren einzelne, metallene Buchstaben angebracht, die den Namen der Fechtschule ergaben.
„Tiffany‘s“, las ich vor, „Heißt so die Besitzerin?“ Ich stieg aus dem Wagen und folgte Jack zum Eingang. Er nickte zu den Buchstaben hinauf: „Die Fechtschule gehört den Eltern meiner Fechtpartnerin. Tiff ist Freddys jüngere Zwillingsschwester und paradoxerweise die einzige in der Familie, die nicht mit einem Degen umgehen kann.“
Die Tür war nicht verschlossen und so konnten wir einfach eintreten. Jack führte mich schnurstracks durch die Vorhalle auf eine Flügeltür zu. Es war die einzige Tür, die von diesem Raum abführte und als Jack sie für mich aufhielt, stellte sich heraus, dass sie direkt in eine riesige Halle führte, in der offensichtlich der Unterricht stattfand.
Beim Eintreten zuckte ich unwillkürlich zusammen, denn das Geräusch von aufeinander treffenden Klingen ließ mir schummrig werden. Ich atmete tief durch und zwang mir eine temporäre Ruhe auf, um nicht schreiend zurück auf den Parkplatz zu rennen.
Noch immer auf eine kontrollierte Atmung achtend, sah ich mich in der Halle um. Sie wirkte noch größer als der Ballsaal in der Resident von Jacks Vorfahren. Uns am nähsten stand eine Gruppe etwas jüngerer Kinder, die Holzstäbe in den Händen hielten und die langsamen Bewegung eines Mannes nachmachten, der ihnen gegenüber stand. Es schienen die Anfänger zu sein.
Über die gesamte Länge des Raumes verteilt fochten Leute, die so eine Art Schutzkleidung und Helme trugen. Die Geräuschkulisse ging von ihnen aus und unter das Klirren mischten sich auch andere Laute, die sie bei Vorstößen und einigen Schlägen auszustoßen schienen.
An der rechten Wand standen einige Bänke, auf denen Handtücher und Wasserflaschen lagen. Nur wenige Schüler hielten sich bei diesen auf, um eine kurze Verschnaufpause einzulegen. Dort war scheinbar auch der Weg, um zur anderen Seite der Halle zu gelangen, denn da wollte Jack hin. Mit dem Finger deutete er auf eine Person, die eine weiße Fechtuniform und den typischen Helm dazu trug und alles in allem ziemlich professionell wirkte.
Sie stand allein am hintersten Ende der Halle, wo sie langsam ihren Degen durch die Luft bewegte, wie eine schwerfällige Schildkröte beim Einstudieren eines Schwerttanzes.
Erst als ich zu Jack schielte, bemerkte ich, dass sein Blick wohl schon eine Weile auf mir lag. Er schmunzelte zu mir herunter: „Das ist Freddy und keine Sorge! Sie wärmt sich nur auf. Wenn sie erstmal richtig loslegt, wirst du verstehen, wieso ich sie um Hilfe bitte.“ Damit schob er mich an den Bänken vorbei auf sie zu.
Wir waren jetzt nur noch wenige Meter von seiner Fechtpartnerin entfernt und mein Magen rebellierte. Seit der Begegnung in der Gasse stand ich nicht so auf Degen und schon gar nicht auf das Geräusch, wenn der eine auf den anderen traf. Das erinnerte mich zu sehr an die Bilder, die sich wohl für immer in meinen Schädel gebrannt hatten.
Blut, abgetrennte Hände, tote Männer und maskierte Killer, mit goldbraunen Augen und einer noch geringeren Körpergröße als der meinen… im Grunde all das, was mich die letzte Nacht den Schlaf gekostet hatte.
„Hey, ich habe dir jemanden mitgebracht!“, begrüßte Jack die andere, die mit dem Rücken zu uns stand, und riss mich damit von meinen düsteren Gedanken weg. Das Mädchen schien ihn gehört zu haben, denn sie drehte sich zu uns um und schob ihren Helm nach oben. Erst da fiel mir auf, wie klein sie eigentlich war. Dann sah ich ihr ins Gesicht, direkt in ein Paar goldbrauner Augen, die die fragile Ruhe in meinem Inneren rücksichtslos zunichte machten.

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