Die herzzerreißende Liebesgeschichte

Jack, Kapitel 4, Zeitquälerei - Die Zeiten ändern sich

Max sank auf einen der gepolsterten Stühle und sah von den neuen Informationen ziemlich mitgenommen aus. Unsere Eltern – Kurfürst Magnus und Kurfürstin Cecilia von Rose – sahen mich mitfühlend an. Sie wussten alles und konnten deswegen zumindest ansatzweise nachempfinden, wie schwerwiegend das Wissen für mich war, dass es ausgerechnet mein zweites Heimatjahrhundert war, in dem Mary ermordet wurde. An einen Zufall glaubte ich dabei nicht.

„Und Alex ist sich bei dieser Information ganz sicher?“, hakte Max nach, vermutlich in der Hoffnung, sie könne sich geirrt haben. Ich seufzte: „Sie hat es von Gabriel erfahren. Er würde sie nicht anlügen!“
Schweigen. Eine Weile lang hing jeder seinen Gedanken nach. Klar, wir waren von vorn bis hinten verwickelt in all das, was momentan so abging, aber keiner von uns war sich den wirklichen Ausmaßen bewusst.
Ich wollte Alex wirklich gern helfen und das nicht nur, weil sie Marys Tochter war und ich irgendwie das Gefühl hatte, dass ich dieser das nach allem, was sie schon für mich getan hatte, schuldig war. Als ich Alex das erste Mal auf diesem Ball gesehen hatte, war sie sichtlich nervös gewesen. Mir war schnell klar, dass dies einer ihrer ersten Zeitsprünge gewesen sein musste, doch dafür schlug sie sich wirklich tapfer.
Wäre ich erst mit 17 Jahren in die Existenz von Zeitreisen eingeweiht worden und müsste dann vollkommen allein damit fertig werden… nein, diese Vorstellung ließ sich nicht weiterspinnen. Dafür war bei mir zu viel anders gewesen.
Ich war mit dem Wissen über Zeitreisen aufgewachsen. Erst bei meinen Eltern und später woanders, aber überall sprachen die Leute so offen darüber, wie über den vergangenen Schultag oder das Mittagessen. Mein magisches Zeitreiseartefakt bekam ich, als ich gerade einmal vier Jahre alt gewesen war. In der Gegenwart gab es zu dem Zeitpunkt zwar auch niemanden, der sich hätte um mich kümmern können, aber dafür hatte ich mich hierher geflüchtet.
Es wäre nicht richtig, zu sagen, dass diese Zeit einfach gewesen wäre, aber es war nicht so kompliziert wie bei Alex! Ich hatte bald darauf zwei Zuhause – eines hier bei Max, meinem Bruder, Magnus, meinem Vater, und Cecilia, meiner Mutter, und das andere in der Gegenwart. Dabei meine ich nicht das Waisenhaus, in das ich nach dem plötzlichen Tod meiner Eltern gesteckt wurde, sondern das… naja, das danach!
Da man auf Bällen jedoch nicht einfach so ungestört reden konnte, war es zu dem Treffen in der Gegenwart gekommen. Mary hatte mir die Information zugespielt, Alex wüsste von ihrem Lieblingsort, dem Kellergewölbe unter der Kapelle auf dem Friedhof. Ich nahm mir also vor, dort hinzugehen, doch kurz davor befand ich mich noch im 17. Jahrhundert bei meiner Familie hier.
An dem Tag sprach mein Vater zum ersten Mal ein Thema an, um das ich vorher tunlichst herumgeschlichen war. Die Begründung für mein ausweichendes Verhalten dagegen ging weit über eine einfache Unlust hinaus, aber es war ja nicht so, dass ich eine Wahl hätte. Das war mir auch zu diesem Zeitpunkt bereits klar gewesen und so kam es, dass ich missgelaunt und wütend in der Gegenwart auf Alex getroffen war.
Bei dieser Begegnung bewies sie eine beeindruckende Schlagfertigkeit und schließlich hatte ich mich wieder im Griff gehabt. Nun allerdings kochte der Zorn wieder auf, als ich in das Gesicht meines Vaters blickte.
„Was hat das eine denn mit dem anderen zu tun?“, fragte ich, noch bevor er auch nur ein Wort hatte sagen müssen. Meine Mutter legte den Kopf leicht schräg. Kein gutes Zeichen! Für gewöhnlich bedeutete das nämlich, es käme nun zu einem Kommentar ihrerseits, den ich gefälligst zu akzeptieren hatte. Sie war eine irre freundliche Frau, konnte aber auch erstaunlich herrisch sein.
„Die Aufmerksamkeit Simikolons liegt nun auf diesem Jahrhundert. Wir müssen uns so unauffällig wie möglich benehmen, damit wir nicht in ihren Fokus geraten“, erklärte sie streng, wurde dann aber sanfter, „Sie ist wirklich nett, Jack. Wir haben viele Kontakte spielen lassen, um das Treffen mit ihr zu arrangieren und sind überzeugt davon, dass…“
„Mir egal!“, unterbrach ich mutig. Kurfürstin Cecilia von Rose zu unterbrechen, war nichts, was man einfach so tat. Man hatte in einem solchen Fall mit Konsequenzen zu rechnen, die einem in den wenigsten Fällen gefielen, doch das war mir im Moment wirklich schnuppe!
„Ich werde mich nicht mit einem Mädchen verloben, das dreieinhalb Jahrhunderte älter ist als ich, nur weil es die Etikette verlangt und sie nett ist!“, stellte ich klar, „Außerdem ist es unüblich, dass sich der Zweitgeborene zuerst verlobt. Wenn ihr aber unbedingt Simikolons Misstrauen auf euch richten wollt…“
Ich hoffte mit dieser durchaus lückenhaften Argumentation meinen Standpunkt soweit verdeutlicht zu haben, dass meine Eltern das Thema einfach würden fallen lassen, doch darauf würde ich noch dreieinhalb Jahrhunderte später vergeblich warten.

Zurück in der Gegenwart stellte sich heraus, dass ich leider recht behalten hatte. Das Thema Zwangsverlobung stand nicht zur Debatte. Es war vermutlich bereits beschlossene Sache gewesen, bevor es überhaupt angesprochen worden war.
Wie immer wenn mich etwas wirklich wütend machte, fuhr ich zur Fechtschule. Ich konnte dort aufkreuzen wann immer ich wollte und nicht selten war Freddy dann auch da. Zwar konnte ich immer noch nicht fassen, dass sie mir in all den Jahren unserer Freundschaft verschwiegen hatte, dass auch sie eine Zeitreisende war, aber wir hatten da so eine Routine, wenn etwas zwischen uns vorgefallen war.
Wann immer der eine sauer auf den anderen war, konzentrierten wir uns einfach voll und ganz auf das Fechten. Für gewöhnlich sprachen wir miteinander über alles mögliche, während wir die Degen schwangen, das ließen wir jedoch an Tagen wie heute aus.
Ich stellte meinen Wagen auf dem Parkplatz ab und ging schnurstracks ins Gebäude. Auf dem Weg in die Halle kamen mir zwei Leute entgegen. Erst beachtete ich sie nicht weiter, weil ich mich wirklich dringend abreagieren musste und das nun mal am Besten durchs Fechten möglich war. Doch als ich schon an den beiden vorbeigegangen war, sprach mich einer der beiden plötzlich an.
„Hey, du willst nicht zufällig zu Freddy, oder?“, ich erkannte die Stimme sofort. Sie gehörte zu Greg, Freddys älterem Bruder. Als ich mich zu ihm umdrehte, bemerkte ich schnell, dass der zweite Kerl ebenfalls der Familie angehörte. Sein Name war Adrian, jünger als Greg und älter als Freddy und Tiff.
Ich kannte die ganze Familie und sie mich. Es war keinesfalls unüblich, Greg und Adrian in der Fechtschule ihrer Eltern anzutreffen, da sie hier fast täglich Kurse gaben.
„Freddy ist heute nicht hier. Vermutlich schraubt sie in der Garage mal wieder an ihrer Maschine herum“, erklärte Adrian schulterzuckend, „Dieses Motorrad ist ein echter Schrotthaufen, aber das will sie ja nicht hören.“ Ich seufzte. Mit anderen Worten hieß das: Kein Fechttraining für heute!
Greg war zwei Jahre älter als ich und damit knapp vier Jahre älter als Freddy, trotzdem hingen wir des öfteren mit ihm ab. Adrian dagegen verbrachte weniger Zeit mit uns. Wenn er nicht in der Fechtschule war, hielt er sich oft in der Bar auf, die ihm zur Hälfte gehörte.
Und so verabschiedete er sich auch jetzt von uns, nachdem Greg mich wieder zurück auf den Parkplatz gezogen hatte. Während sich Adrian in sein Auto setzte und losfuhr, nahmen Greg und ich auf der Ladefläche meines Trucks Platz. Meist saßen wir hier gemeinsam mit Freddy, doch auch Greg wusste über mein Leben Bescheid – das hieß, ich vertraute ihm Dinge an, die nichts mit Zeitreisen zu tun hatten, doch wenn es in seiner Familie zwei magische Zeitreiseartefakte gab…
Als hätte er meine Gedanken gelesen, rieb Greg sich auf einmal den Nacken: „Hör zu, ich weiß von der Zeitreisesache! Freddy hat es mir gesagt und heute Morgen hieß es dann, dass du jetzt auch alles wüsstest. Also, dass Tiff und Freddy auch in der Zeit reisen können, meine ich.“
Ich nickte. „Und Adrian und du?“, wollte ich wissen. Greg hob abwehrend die Hände: „Keine Ringe für uns, Kumpel! Die magischen Zeitreiseartefakte wurden von unseren Großeltern an die Mädels weitergegeben und ganz ehrlich? Ich bin froh, nicht andauernd hin und her springen zu müssen.“
Verständlich! Manchmal hatte ich ja selbst keine Lust darauf, immer nur ein paar Stunden am Stück in der Gegenwart verbringen zu können, ehe ich wieder in die Vergangenheit musste. Wieder entfuhr mir ein Seufzen. Momentan hatte ich ja noch nicht mal Lust auf mein eigenes Leben und daran war vor allem das Wissen schuld, dass ich mich im 17. Jahrhundert bald mit einem Mädchen verloben müsste, das seit Jahrhunderten tot war.
„Du siehst nicht gerade glücklich aus, Jack!“, stellte Greg fest und riss mich damit aus meinen Gedanken. Einen Moment überlegte ich. „Wie viel weißt du übers Zeitreisen?“, fragte ich dann. Greg streckte die Beine aus und überschlug sie an den Knöcheln, ehe er antwortete: „Meine komplette Familie besteht aus Eingeweihten. Wir alle kennen die Gesetzmäßigkeiten, aber Freddy erzählt mir zusätzlich von so ziemlich jeder Zeitreise, die sie und Tiff so machen. Ich würde also sagen, dass ich mich recht gut mit dem Thema auskenne.“
„Dann weißt du sicher, dass sich die meisten Zeitreisenden eine Zeit aussuchen und sich dort ein zweites Leben aufbauen“, begann ich zu erklären, bemüht darum, nicht meinen ganzen Frust in meine Worte zu legen, „Ich habe meine zweite Identität im 17. Jahrhundert bei meinen Vorfahren. Sie sind über die Jahre wirklich zu meiner Familie geworden, aber die damaligen Sitten legen mir jetzt Steine in den Weg.“
Greg knirschte mit den Zähnen: „Du bist 19 Jahre alt, also tippe ich mal, dass es ums Heiraten geht.“ Verwundert sah ich ihn an. „Was? Ich war immer Klassenbester im Geschichtsunterricht und außerdem spricht dein Gesicht Bände! Ein Haufen unterdrückter Wut und eine Brise Verzweiflung, dass es um ein Mädchen geht, ist offensichtlich. Jetzt noch die Tatsache, es habe etwas mit dem 17. Jahrhundert zu tun und fertig ist die herzzerreißende Liebesgeschichte.“

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