Die einzige Freundschaft

Jack, Kapitel 7, Zeitquälerei - Die Zeiten ändern sich

Zwei Tage! So lange hatte ich inzwischen nichts mehr von Alex gehört! In keiner Zeit! Nach meinem Gespräch mit Greg hatte ich gesehen, dass sie mich versucht hatte, anzurufen. Ich hatte sie daraufhin zurückrufen wollen, doch es kam nicht mal ein Klingeln. Sie musste ihr Handy ausgeschaltet haben und an diesem Zustand hatte sich dann bis jetzt nichts geändert.
Ich wäre ja zum Haus von Simikolon gefahren, doch ich wusste nicht, ob sie überhaupt dort war und außerdem wäre es zu riskant! Die anderen Bewohner des Hauses durften mich unter keinen Umständen zu Gesicht bekommen und ähnlich verhielt es sich natürlich auch mit Simikolons Zentrale.

Mir blieb nichts anderes übrig, als es immer wieder auf ihrem Handy zu probieren und mich so lange es ging auf dem Friedhof aufzuhalten. So saß ich auch jetzt noch hier, obwohl die Sonne bereits fast untergegangen war. Erst hatte ich in dem Raum unter der Kapelle gewartet, war aber bald nach oben zurückgekehrt. Ich hatte mir eine Bank gesucht, von der aus man einen guten Überblick über den Friedhof hatte, die aber etwas versteckt an der Außenmauer zwischen zwei großen Laubbäumen stand.
Wie gern hätte ich meine Suche auf ein paar mehr Orte ausgeweitet, doch außer dem Haus und dem Kellergewölbe wusste ich nicht, wo sie sich aufhalten könnte. Ich wusste nicht, auf welche Schule sie ging, was sie in ihrer Freizeit tat, wenn sie nicht gerade mit Zeitreisen zu tun hatte, mit wem sie für gewöhnlich abhing…
Zusammengefasst: Ich wusste erschreckend wenig über Alex. Sie war Marys Tochter, die Schwester von Gabe – eigentlich sollte ich wirklich mehr von ihr wissen! Worum zum Teufel war es in unseren bisherigen Treffen gegangen, dass wir so wenig voneinander mitbekommen hatten?
„Ich habe nie verstanden, wieso man freiwillig auf einem Friedhof abhängen sollte!“, plötzlich schwang sich Freddy über die Rückenlehne der Bank, auf der ich saß. Statt sich normal hinzusetzen, beließ sie ihre Füße allerdings auf der Sitzfläche und stützte ihren Hintern auf der Lehne ab, während sie meinen verdutzten Blick ignorierend über den Friedhof blickte.
„Was machst du hier?“, fragte ich überrascht. Freddy sah mich ungeniert an. Jeder andere Mensch hätte von ihrer Sitzposition aus auf mich nieder geschaut, doch meine Freundin maß gerade genug, um jetzt mit mir auf einer Augenhöhe zu sein.
Sie zuckte mit den Schultern, als hätten wir uns schon hundertmal hier getroffen: „Man hat mir gesagt, du wärst auf diesem Friedhof.“ „Wer hat dir das gesagt?“, forderte ich zu wissen. Ich hatte niemandem anvertraut, dass ich heute hier war. Es gab in der Gegenwart nicht viele Menschen, die das überhaupt interessieren würde.
Ohne mir zu antworten, sprang Freddy auf die Beine. Ihr Gesicht zierte ein überlegenes Lächeln, das sie immer dann aufsetzte, wenn sie beim Fechten kurz davor war, einen finalen Schlag zu erzielen. Ich wurde misstrauisch und fragte noch einmal, von wem sie die Information hatte, ich sei hier anzutreffen.
„Und wieso hast du überhaupt nach mir gesucht?“, setzte ich hinterher, „Kannst du mir verraten, was das soll? Du hättest einfach anrufen können!“
„Da hat sich wohl jemand die Geduld nicht gut eingeteilt…“
„Hör auf mit deinen Witzen! Falls du es nicht mitbekommen haben solltest: Alex ist verschwunden! Seit zwei Tagen ist sie nicht mehr erreichbar. Sie ist weder hier, noch habe ich in einer anderen Zeit etwas von ihr gehört.“
Freddy winkte ab. Alex Verschwinden war offensichtlich nichts Neues für sie, aber was hatte das zu bedeuten? Während sie an der Friedhofsmauer entlang schlenderte, spannte mich meine Freundin weiterhin auf die Folter. Ich hätte sie liebend gern gepackt, geschüttelt und all meine Fragen wiederholt, doch nur einige Meter weiter, neben dem Ausgang, stand ein älterer Mann und beobachtete uns.
„Dachtest du wirklich, du wärst der einzige Zeitreisende, der Kontakte in anderen Zeiten pflegt?“, fragte Freddy mit einem ehrlichen Auflachen, „Nur hast du leider den Fehler begangen, keine Informanten in der Gegenwart zu haben.“ Sie winkte dem Mann am Tor zu und augenblicklich drehte er sich um und ging.
„Das ist Mr Wilson, ein guter Freund der Familie“, das Grinsen war aus Freddys Stimme unmissverständlich herauszuhören. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, da sie weitergegangen war. Ich dagegen war stehengeblieben, um dem Mann hinterher zu blicken.
Bisher war Freddy stets die talentierte Fechterin mit dem besonderen Humor, den man entweder liebte oder ihn hasste. Es gab nichts dazwischen! Es gab für sie immer nur das Fechten oder ihr schrottreifes Motorrad. Ich kannte sie seit meinem sechsten Lebensjahr und hatte sie niemals ernst erlebt. Immer hatte sie Witze gerissen oder überheblich ihren Degen geschwungen, weil sie es einfach drauf hatte.
In dem Moment, in dem sie sich als Zeitreisende geoutet hatte, war Bilder an meinem inneren Auge vorbei gerattert. Wir beide. Manchmal mit Greg. Immer lachend!
Die Freddy, die jetzt vor mir her lief, war nicht das Mädchen, das ich praktisch mein Leben lang kannte! Diese Freddy hatte Geheimnisse, deren Ausmaße ich vermutlich nicht mal ansatzweise raffte. Sie war nicht nur eine Eingeweihte, sie war Zeitreisende und so wie es aussah, eine, die verdammt genau wusste, wie man mit dieser Fähigkeit umging.
Ein riesiger Kloß bildete sich in meiner Kehle, als ich ihr folgte. Etwas an der Stimmung, die normalerweise zwischen uns herrschte, hatte sich in dem Moment von Grund auf verändert, als sie mir offenbarte, mich mein Leben lang belogen zu haben. Es war nicht länger ausgelassen, fröhlich und verrückt.
Für gewöhnlich war ich mit Freddy unterwegs, weil mich ihre Gegenwart von allem anderen in meinem Leben ablenkte. Von den Dingen, die mit dem Zeitreisen zu tun hatten. Heute wurde ich das Gefühl nicht los, dass ich mir das alles nur eingebildet hatte.
Auch früher hatte Freddy bereits gewusst, wer und zu was ich fähig war. Von ihrer Seite aus war alles nur gespielt und ich Idiot hatte wirklich geglaubt, dass es auch nur eine einzige Person in meinem Umfeld gab, die nicht damit zu tun hatte.
Egal wohin ich ging – egal was auch immer ich tat – alles hatte mit Zeitreisen zu tun! Mit Freddy und Greg abzuhängen… das war für mich dreizehn Jahre lang die einzige Normalität, die es in meinem gesamten Leben gab.
Nachdem wir den Friedhof verlassen hatten, steuerte Freddy geradewegs auf meinen Wagen zu. Sie wusste, dass ich ihn einige hundert Meter weiter abgestellt hatte und wartete geduldig und schweigend, bis ich mit dem Autoschlüssel die Türen entsperrt hatte. Ungefragt ließ sie sich auf den Beifahrersitz fallen.
„Ich werde dich jetzt an einen Ort navigieren, der unser aller Geheimnis bleibt!“, verkündete Freddy, als ich hinterm Steuer saß und den Motor startete. Plötzlich kam es mir so vor, als reagierte mein Körper auf den scheinbaren Verlust meiner besten Freundin mit einem Totalausfall all meiner Muskeln und Nerven. Matt fragte ich: „Wer ist wir?“
„Ebenfalls geheim! Du wirst es aber noch früh genug erfahren“, mit der flachen Hand schlug sie aufs Armaturenbrett – eine Geste, die ihre übliche Ungeduldigkeit zum Ausdruck brachte. Automatisch startete ich den Wagen, als würde mein Körper nur auf etwas reagieren, an das er sich klammern könnte, um nicht vollends an der einzigen Freundschaft zu zweifeln, die aus meiner Sicht nichts mit Zeitreisen zu tun hatte.
Damit war es offiziell. Die beiden allerbesten Freundschaften, die ich jemals gehabt hatte, waren von der Zeit selbst zerstört worden. Die erste schon vor drei Jahren und nun auch noch diese hier. Der einzige wirkliche Freund, der mir blieb, war Max. Mit ihm hatte ich aber seit der Sache mit der Verlobung kein Wort mehr gewechselt.
Fantastisch! So wie es aussah, gab es da momentan niemanden, der mir den Rücken stärkte.

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