Die Bewahrer der Himmelslichter

Kapitel 1, Quontos

Atemlos blieb ich stehen. Ich wollte weiter hinauf, doch waren meine Beine auf einmal so schwer wie Blei. Statt den schmalen Trampelpfad also weiter hinauf zu rennen, schleppte ich mich mit letzter Kraft hinter einen dicht bewachsenen Busch, hinter dem ich unbemerkt zusammenbrechen konnte. Um mich herum, begann sich alles zu drehen. Sogar die Geräusche schienen in einer Art Spirale an meinen Ohren vorbei zu rauschen. Ein paar Vögel zwitscherten, der Wind wehte durch die Baumkronen und erzeugte ein gleichmäßiges Rauschen der Blätter, in der Nähe knackte ein Ast, Schritte… Schritte? Augenblicklich presste ich die Hand auf meinen Mund. „Weit kann er nicht sein!“, schrie Dan Polker – der Anführer der „Höheren“. Es folgte zustimmendes Grölen seiner Gefährten. Sie verfolgten mich bereits seit vier Stunden. Anfangs waren sie zu neunt gewesen, aber Spex war vor unseren Augen von einem Berglöwen zerfetzt worden und der kleine Bruder von Igor Cuze – ich wusste weder wie er hieß, noch wie er es in dem Alter zum Quontos geschafft hatte – war in ein Erdloch gefallen, sodass es nur noch sieben Verfolger waren, die Nutzen aus unseren Fortschritten ziehen wollten. Ich sollte wohl entweder als Geisel dienen oder gefoltert werden, bis ich sprach. Wobei das natürlich niemals passieren würde! Ich würde nie im Leben meine Leute verraten, das hatte ich geschworen und würde es auf ewig durchziehen!

Ich – Cedric Tukk – hatte gehofft, dass die Höheren weiter gehen würden, doch schienen auch sie den Berg zu kennen. „Das ist der einzige Weg nach oben, also bleiben drei von uns hier, falls er zurückkommt…“ Ich hörte wie Dan sich mit drei anderen aufmachte, den Berg zu erklimmen. Als ich mir ganz sicher war, dass er weg war, lugte ich hinter meinem Versteck hervor, um zu ermitteln, wer meinen Fluchtweg versperrte. Toll, es waren der Riese, dessen wahren Namen niemand kannte, Paula Crimes, deren fliegenden Messern noch nicht mal eine Ameise in zwei Metern Entfernung entkommen konnte und Willy, der trotz seines lächerlichen Namens beträchtliche Taten vollbrachte. Ganz offensichtlich saß ich fest. Jetzt war die Fragen, sich gleich zu stellen oder zu warten bis Dan und die anderen zurück kamen und mich fanden.
Langsam beruhigte sich mein Atem wieder, doch für einen erneuten Sprint reichten meine Kräfte dennoch nicht aus. Während ich also so vor mich hin wartete, versuchte ich die drei Höheren zu belauschen. „Dieses Jahr ist der Quontos wirklich schwierig! Das Levelorium ist voller Gefahren…“, Paula war hörbar aufgeregt. Es hörte sich beinah so an, als fände sie das gut. Der Riese lachte. Seine Stimmlage war mindestens drei Oktaven tiefer als die, der anderen Jungen. Auch er schien an der Tatsache, nichts auszusetzen zu haben, dass es in diesem Jahr bedeutend mehr Tote gab, als in den letzten Jahren.
Ganz anders ging es den Leuten aus meinem Team, den Bewahrern der Himmelslichter. Wir selbst hatten drei Mitglieder verloren, seit wir angekommen waren. Der größte Schock war das Aufwachen ohne Ally, die liebenswerteste unter uns. Sollten wir jemals aus diesem verdammten Levelorium herauskommen, würde es am schwersten werden, ihrer Mutter von ihrem Tod zu berichten.
Meine Eltern hatten es mir ja gesagt: Quontos ist nicht mehr das, wofür es vor Jahrhunderten eingeführt worden war. Der Gedanke dahinter war einst gewesen, junge Leute für etwas zu begeistern, dass sie Teamgeist, Stärke und Selbstbewusstsein lehrte. Heute war es purer Nervenkitzel und Leichtsinn, der junge Makider, wie uns, zum Quontos trieb.
Zuerst teilten sich die Teilnehmer in Teams auf und gaben sich einen Namen. Dann schickte man sie in dieses Levelorium (ein riesiges Areal, in dem verschiedene Gebiete, wie zum Beispiel Wälder, Gebirge oder Wüsten vorhanden waren) und überließ sie sich selbst. Der einzige Weg wieder herauszukommen, bestand darin, verschiedene Aufgaben zu lösen, die das Levelorium an einen stellte. Löste man alle – ohne zu sterben – war man frei und konnte zurück nach Hause. Schaffte man es nicht, steckte man so lange hier drin fest, bis man starb. Regeln gab es nicht. Nur einen Rat, den jedes Team kurz vor dem Start erhielt: „Bleibt am Leben!“ Das war der Quontos!

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