Der weitere Verlauf der Zeit

Kapitel 16, Zeitquälerei

Während ich Maria verzweifelt nachblickte, lächelte mich Lady Anna verständnisvoll an: „Ist dies Euer erster Ball?“ Ich nickte verlegen. Sie tätschelte mir daraufhin mütterlich die Schulter. Wenn sie nur wüsste!

„Eure Schwester erzählte bereits, dass Ihr noch nie zuvor einen Ball besucht habt“, meinte Lady Anna, wobei sie ihren Blick an mir hinab und wieder hinauf gleiten ließ. Ich stellte fest, dass ich zu meinem Glück in der Haltung erstarrt war, die Maria mir am Wochenende beigebracht hatte. Sie schien einer Dame dieser Zeit würdig zu sein, glaubte man dem zufriedenen Blick von der Lady.
Auch das feine Lächeln, das ich mir von Maria abgeschaut hatte, verankerte sich fest in meinem Gesicht. Ich riskierte einen schnellen Blick in die Menge, doch natürlich konnte ich Maria nirgends ausmachen. Wäre ja auch zu einfach gewesen.
Meinen Blick hatte Lady Anna natürlich bemerkt und sie reagierte darauf mit einem Schmunzeln, welches ich in diesem Jahrhundert garantiert nicht vermutet hatte: „Keine Sorge, Liebes! Ihr macht auch ohne Eure Schwester eine vortreffliche Figur, die in keinster Weise auf Eure Unerfahrenheit hindeutet.“
„Sagt mir, Lady Anna, diese junge Dame soll niemals zuvor auf einem Ball gewesen sein?“, eine Stimme erklang direkt hinter mir und ich musste mich mächtig zusammenreißen, um nicht vor Schreck hysterisch auf zu kreischen. So langsam spürte ich einen Herzstillstand immer näher kommen.
Ich versuchte mich möglichst würdevoll umzudrehen, bereute es aber gleich wieder. Da! Wie erwartet: Der Herzstillstand! Es war nämlich natürlich nicht irgendein Typ, der plötzlich hinter mir aufgetaucht war, sondern der von Nahem noch viel besser aussehende Jacob. Sein rabenschwarzer Lockenschopf viel ihm über das rechte Auge, doch das schien ihn nicht weiter zu stören.
Er unterzog mich einer genauen Musterung, während ich nur dastand und ihn wortlos anglotzte. Um ihm in die Augen – beziehungsweise in das linke Auge, das frei lag, – sehen zu können, musste ich ein Stück nach oben schauen, denn er überragte mich um mindestens eine Kopflänge.
Sein athletischer Körperbau war trotz des zeitgemäßen Outfits schwer zu übersehen. Ich fragte mich, welch einer Sportart die jungen Männer dieser Generation wohl nachgingen, doch dann erwischte ich mich dabei, wie ich nun schon seit satten drei Sekunden seinen offensichtlich gut trainierten Oberkörper anstarrte und das war doch nun wirklich nicht nötig.
Meine Güte, der Kerl war eben ein 19-jähriges männliches Wesen, wie es sie in jedem Jahrhundert zu Hauf gab. Da brauchte ich gar nicht so blöd zu gaffen! Wann war ich bitte zu einer meiner hormongesteuerten Klassenkameradinnen mutiert, die jede Form von Testosteron vergötterten und bei diesem Anblick vermutlich angefangen hätten zu sabbern?
Moment! Sabberte ich vielleicht? Ich fuhr mir mit der Zunge über Lippen und Mundwinkel, doch zum Glück war das alles bis dahin keinesfalls benetzt von meinem Speichel gewesen. Schwein gehabt und jetzt höchste Konzentration, wenn ich bitten durfte!
Ein Blick in sein Gesicht verriet mir, dass er sich ebenfalls Zeit für eine genaue Inspektion meiner Person genommen hatte. Dabei fiel mir rein zufällig auf, dass seine Iris am Rand dunkelbraun war und nahe der Pupille in ein strahlendes grün überging. Vermutlich ein seltenes Phänomen, das mich sehr faszinierte.
„Verzeiht, ich glaube, wir wurden uns noch nicht vorgestellt“, erklärte Jacob plötzlich und widmete mir ein freundliches Lächeln, das dafür sorgte, dass ich mich seltsam ertappt fühlte. Wo zum Teufel blieb Maria? Ich wette, dass sie gerne bei meinem ersten Treffen mit diesem Kerl dabei gewesen wäre und selbst wenn nicht – wenn nicht hier und heute das Geheimnis rund um die Zeitreisen gelüftet werden sollte, dann sollte sie schleunigst zurückkommen!
Trotz meiner panischen Gedanken wahrte ich die Haltung und das Lächeln, während ich ihm nickend zustimmte. Allerdings hatte ich keinerlei Ahnung, wie so etwas in dieser Zeit von statten ging. An der Stelle trat zu meiner Erleichterung Lady Anna vor und übernahm.
„Das, Eure königliche Hoheit, ist Gräfin Alexandria von Nott“, meinte sie höflich, bevor sie sich an mich wandte, „Meine Liebe, Ihr steht vor Kurprinz Jacob von Rose, zweiter Erbe von Kurfürst Magnus und Kurfürstin Cecilia von Rose.“
Jacob deutete eine Verbeugung an und ich machte automatisch einen Knicks. Maria hatte mir auch das beigebracht, allerdings nicht erwähnt, wann ich es genau tun sollte. Groß gewundert hatte es mich nicht, da ich ja davon ausgegangen war, dass ich es einfach dann tun würde, wenn sie es tat.
Mal abgesehen von meinen unausgesprochenen Vorwürfen, die ich ihr machte, vermittelten mir die wenig auffälligen Reaktionen des Kurprinzen und der Lady das Gefühl, mich richtig verhalten zu haben. Andernfalls hätte mich einer der beiden vermutlich zumindest mit einem Blick darauf aufmerksam gemacht.
Stattdessen wurde jedoch eine Unterhaltung begonnen, die sich in meinen Ohren nach einer ganz gewöhnlichen für diesen Anlass anhörte. Lady Anna fragte gerade: „Wart Ihr bereits in der Grafschaft Nott, eure königliche Hoheit?“
„Noch nicht, aber Maria hat es mir bereits des Öfteren angeboten“, antwortete Jacob und mir fiel auf, dass er meine Fake-Schwester nicht bei ihrem Fake-Titel nannte. Ich war mir nicht ganz sicher, ob es wirklich eine so gute Idee war, sich in das Gespräch mit einzumischen, aber schließlich siegte meine Neugierde und ich formulierte meine Frage: „Kennt Ihr meine Schwester denn gut?“
Autsch! Ganz offensichtlich war ich gerade in ein metertiefes Fettnäpfchen getreten, denn die beiden sahen erst mich leicht skeptisch an und dann einander, bevor Lady Anna die Stille nach einigen Sekunden auch schon wieder beendete, um zu sagen: „Kindchen, man sollte meinen, Ihr wüsstet von der engen Freundschaft zwischen den Kurprinzen und Eurer werten Schwester.“
„Natürlich erzählt sie mir von ihren Reisen, aber wir haben oft nur wenig Zeit füreinander“, bemühte ich mich zu erklären. Dabei hoffte ich inständig, gerade einen plausiblen Grund angegeben zu haben, wieso ich eine scheinbar so dumme Frage gestellt hatte.
Beruhigenderweise nickte die Lady verständnisvoll: „Eure Schwester erzählte mir bereits davon, dass Sie liebend gern mehr Zeit mit Euch verbringen würde.“
„Sagt mir, Gräfin Alexandria, wieso verweilt Ihr derartig oft in Nott, während Eure Schwester in andere Grafschaften reist und einige Bälle besucht?“, fragte Jacob und dabei lag ein seltsamer Unterton in seiner Stimme, der mich aufhorchen ließ. Irgendetwas sagte mir, dass ich auf der Hut sein musste, doch ich wusste nicht ganz genau weshalb.
Erneut musste ich mir einen guten Grund ganz spontan aus den Fingern saugen: „Es ist leider so, dass ich recht anfällig für allerlei Krankheiten bin und es daher einfacher für mich ist, in der Nähe unseres Arztes zu bleiben.“
„Doch nun seid Ihr hier“, bemerkte Jacob, das Auge ein wenig verengt, als wolle er die Lügen in meinen Worten durchschauen. Lady Anna dagegen schüttelte mitleidig den Kopf: „Das ist ja furchtbar! In so jungen Jahren bereits derartig eingeschränkt.“
„Es muss beängstigend für Euch sein“, entgegen der Bedeutung seiner Worte klang der Kurprinz fast ein wenig spöttisch, „So viele neue Eindrücke. Ich nehme an, Ihr seid so viel Trubel noch gar nicht gewohnt. Alles läuft bestimmt ganz anders ab, wo Ihr herkommt.“
Nun war es für mich beinahe überdeutlich. Dieser Jacob hatte Lunte gerochen und war Misstrauisch geworden. Ein Teil in mir fragte sich, was mich als Lügnerin enttarnt hatte, während ein anderer dafür sorgte, dass ich noch immer eine junge Adelige mimte.
Mit einem aufgesetzten, verlegenen Lächeln antwortete ich gekonnt: „Ich schätze, dass hier wirklich einiges anders von statten geht, als ich es von zuhause gewohnt bin, aber diese neuen Eindrücke sind dennoch überwältigend.“
Der junge Mann warf mir erneut einen seltsamen Blick zu, lächelte dann aber verständnisvoll Lady Anna zu, die noch immer an meiner Seite klebte, wie ein abgemagertes Schoßhündchen. Sie schien es sich zur persönlichen Mission gemacht zu haben, mich den ganzen Abend über zu begleiten und es gab nur zwei Möglichkeiten wieso. Entweder sie sah mir meine Nervosität an und war sich darüber bewusst, wie ausgesprochen beruhigend ihre bloße Anwesenheit wirkte oder Maria hatte sie im Voraus hierum gebeten.
Gerade als Jacob wieder etwas sagen wollte, ertönte eine vertraute Stimme hinter mir: „Mir scheint, als hättest du meine Schwester bereits kennengelernt, Jack!“ Ich fuhr zu Maria herum, gleichzeitig unendlich dankbar für ihre Rückkehr und wütend, weil sie es überhaupt so weit hatte kommen lassen.
Sie zwinkerte mir ausschließlich kurz zu und umarmte dann den jüngeren der beiden Kurprinzen zur Begrüßung. Sie schienen sich besser zu kennen, als ich nach meinem Fauxpas angenommen hatte. Ach und übrigens, apropos Kurprinzen, der andere tauchte plötzlich neben Maria auf. Das nahm Lady Anna nun zum Anlass, sich zu verabschieden.
Als sie gegangen war, wandte sich Jacob auch sogleich an meine Freundin: „Mal ehrlich, Maria! Du hast keine Schwester, also wer ist sie?“ Weder sein Tonfall noch seine Art, sich auszudrücken, erinnerte nun noch an dieses Jahrhundert.
„Das würde ich aber auch sehr gerne wissen!“, bestätigte Maximilian auch sogleich und die beiden Jungs sahen Maria gleichermaßen abwartend an. Sie griff grinsend nach meinem Arm, um mich näher an sich zu ziehen, aber damit änderte sich meinen Blickwinkel auf den restlichen Saal und mein Blick fiel auf zwei mir nur allzu gut bekannte Personen, die höchstens zwanzig Meter von uns entfernt standen und ungefähr in unsere Richtung schauten.
„Verdammt!“, fluchte ich nicht weiter auf meine Wortwahl bedacht und rüttelte Maria leicht an der Schulter, um ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, „Wir müssen hier weg!“ „Ganz ruhig, Alex. Bisher ist doch alles gut und die beiden…“, wollte sie mich beruhigen, doch hier ging es nicht länger um meine anfängliche Panik!
Aus diesem Grund unterbrach ich sie und wies möglichst unauffällig auf die beiden Personen, die mich unter keinen Umständen hier sehen durften. Maria verstand nur langsam: „Sind das…“ „Gabe und Krissy!“, beendete ich ihren Satz hektisch, „Und wenn die mich hier und jetzt sehen, dann bedeutet das gewaltigen Ärger!“
Maximilian und Jacob wollten bereits zu einer Frage ansetzen, da drehte Krissy den Kopf in unsere Richtung. Maria reagierte sofort. Ohne eine Verabschiedung packte sie mich am Arm und zog mich mit schnellen Schritten zurück zum Ausgang. Sie verbot mir strikt mich noch einmal umzusehen, während wir den Weg zurückgingen, den wir gekommen waren.

Am liebsten hätte ich mich auf mein Bett fallen lassen und wäre in einem tiefen Schlaf versunken, aber vorher sah ich mich im ganzen Raum gründlich um und überprüfte die Tür. So wie es aussah, hatte ich es tatsächlich geschafft, unbemerkt in der Zeit zu reisen. Jedenfalls hatte niemand mitbekommen, dass ich es von hier aus getan hatte.
Seit ich von Maria im Eilzugtempo durch die Korridore zurück zum zweiten Saal mit der Treppe gezogen worden war, litt ich unter einer furchtbaren Angst, Krissy könnte mich erkannt haben. Sie hatte direkt zu mir herüber gesehen und so wie ich sie kannte, hätte sie mich definitiv erkennen müssen.
Danach waren Maria und ich so schnell es uns möglich war in den Raum der Zeit zurückgekehrt und von dort aus wieder in Juas Designstudio in Marias Zeit gesprungen, um uns dort aus den Kleidern, den Schuhen und den Metallgestellen für die Röcke zu schälen. Die Stimmung war im Keller gewesen. Wir wechselten nur wenige Worte und kaum trug ich wieder meine normale Kleidung am Körper, verabschiedete ich mich halbherzig von den dreien und kehrte hierher zurück.
Und so stand ich nun mitten in meinem neuen Zimmer und könnte mich nach dem gefährlichen Misserfolg des heutigen Tages reichlich übergeben. Ich hatte sowohl Grund dazu, als auch das ungute Rumoren im Magen.
Vorher war es mir nicht derartig bewusst gewesen, aber nun, da es beinahe und vielleicht sogar wirklich dazu gekommen war, verstand ich, dass ich mit allen Mitteln verhindern musste, dass eines der Mitglieder von Simikolon von der Tatsache Wind bekam, dass ich in der Lage war, in der Zeit zu reisen. Andernfalls würden sie mich vermutlich einer Befragung unterziehen und mir im Anschluss womöglich sogar mein magisches Zeitreiseartefakt entziehen, schließlich gehörte es eigentlich ihnen.
Ich verfluchte mich jetzt schon zum millionsten Mal, dass ich nicht auf diesen Umstand vorbereitet gewesen war, aber woher sollte ich bitteschön auch wissen, dass mein Bruder und meine ehemals einzige Freundin genau auf diesem einen verdammten Ball auftauchten mussten? An Karma glaubte ich nicht und selbst wenn wüsste ich nicht, was mir diesen Umstand einbringen sollte.
Außerdem verrückt werden ließ mich die Tatsache, dass ich keine Ahnung hatte, wann die Zeitreise für die beiden anderen stattgefunden haben wird. Oder womöglich schon hatte? Was, wenn das ganze für sie schon geschehen ist, bevor ich überhaupt an die Zeitreisen geglaubt hatte? Hieß das, ich war in Sicherheit?
Wurde ich vielleicht überwacht? Oma hatte doch in unserem Telefonat so etwas angedeutet! Wusste sie womöglich, dass das hier passieren würde und hatte mich nicht vorwarnen können, weil sie es nicht verhindern durfte? Man hörte im Zusammenhang mit Zeitreisen ja in so ziemlich jedem Buch und jedem Film von Ereignisketten, die sich quer über alle Jahrhunderte erstreckten und allesamt wichtige Grundlagen für etwas großes waren. War das hier etwas ähnliches und verantwortlich für den weiteren Verlauf der Zeit?

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