Der Übergang

Kapitel 20, Quontos

„Sind alle bereit?“, vergewisserte sich Falk. Unser Nicken war die Antwort. Nona hatte ihre Teamkollegen überreden können, uns zu unterstützen. Jeder trug mehrere Rauscher im Arm. Entschlossen machte Robyn einen kleinen Schritt nach vorn. Nicht so weit, dass sie im direkten Blickfeld der Höheren war, nur gerade so, dass sie die Schlucht überblicken konnte. Es herrschte eine tödliche Stille. Diese unterbrach Jenn indem sie es Rob gleich tat. Zenn und ich schlossen uns ihr an und es folgten alle anderen.

Den ersten Rauscher warf tatsächlich eine der Adleraugen. Sie hatte rote Haare, weshalb sie von Zenn und mir im geheimen den Spitznamen Kaminköpfchen bekommen hatte. Wir beobachteten gespannt, wie der Rauscher auf den Boden der Schlucht zuraste.
Das Geräusch war nicht zu überhören. Jetzt würde sich zeigen, ob auch dieser Plan funktionieren würde. Mein Blick haftete auf der Gruppe Tiere, die noch immer begierig vor der Höhle standen. Das Rauschen schien sie nur leicht zu verunsichern. „Mist!“, entfuhr es mir. Amphos legte mir eine Hand auf die Schulter: „Das war der allererste, Ced! Es wird klappen!“ Er nickte mir zuversichtlich zu. Ich holte tief Luft, dann warf ich selbst einen meiner Rauscher.
Anscheinend sahen die anderen das als Zeichen, ebenfalls zu werfen. Fünf Rauscher gleichzeitig flogen durch die Luft. An den steinernen Wänden der Schlucht hallte das Zischen wieder und wurde noch verstärkt. Meine Mundwinkel hoben sich. „Deine Pläne sind einfach die besten!“, jubelte Ally und sah aus, als wolle sie gleich einen Luftsprung vollführen, „Phos hatte recht! Es klappt!“ Ich wollte glücklich etwas erwidern, doch dazu kam ich nicht mehr.
Auf einmal ging alles furchtbar schnell! Ein Pfeil schoss knapp unter meinem linken Arm hindurch. Instinktiv schaute ich dahin, wo vorher die Höheren gestanden hatten. Sie waren nicht mehr da! Mit gezückten Waffen standen sie einige Meter weiter und starrten uns an. „Verdammt!“, fluchte Zenn mit weit aufgerissenen Augen. Kyra rief: „Verteilt euch! Wir müssen…“ Weiter konnte sie nicht sprechen, denn nur wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht, wurde ein Messer von einem Rauscher aus der Bahn geworfen. Robyns grüne Augen funkelten.

Ohne Zeit zu verlieren, machten wir es, wie Kyra vorgeschlagen hatte. Wir teilten uns auf. Zenn, Falk, Sky und Kaminköpfchen folgten mir. Wir steuerten auf eine Stelle zu, wo man über die Schlucht hinweg auf die andere Seite gehen konnte. Die beiden Seiten waren nämlich verbunden durch eine Art natürliche Brücke aus Stein.
Dort angekommen zögerte ich nicht lange. Ich setzte erst einen Fuß auf den Stein, um zu prüfen, ob der Übergang stabil war, dann den zweiten. Vorsichtig schob ich mich weiter. Zu unserem Glück hatten sie Willi Arnlo, den kleinen Bruder von Igor Cuze und Milo auf uns angesetzt. Die drei standen gut 25 Meter unter uns und schauten verärgert nach oben.
„Kommt schon!“, ich winkte den anderen zu. Meine Kumpels ließen sich nicht zweimal bitten. Kaminköpfchen hingegen sah ängstlich in die Tiefe. „Am besten nicht nach unten schauen.“, riet Sky. Überraschenderweise reichte das aus. Völlig widerspruchslos schob sie einen Fuß vor den anderen.
Der Übergang wäre breit genug, dass zwei von uns nebeneinander laufen könnten, aber wir entschieden uns für den Gänsemarsch.
Ehe ich mich versah, war ich schon auf der anderen Seite. Die anderen drei waren dicht hinter mir gewesen, nur Kaminköpfchen stand noch in der Mitte des Übergangs. Das bemerkte ich erste, als ich mich umsah. Die hatte doch nicht etwa Höhenangst?! Toll! Mit einem tiefen Seufzer versuchte ich die Wut zu unterdrücken, die in mir aufstieg. Es war ein Schweigen zu viel! „Du hast es gleich geschafft!“, versicherte ich ihr. Sie bewegte nicht einen Muskel. Zenn schnaubte: „Vier Schritte noch und du bist da!“ „Leute!“, Sky zeigte auf die Stelle, wo Kaminköpfchen stand. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie ebenfalls mit verstörtem Blick dahin starrte. Verständlicherweise, dass musste ich zugeben!
Es breitete sich ein Riss aus, der verriet, dass der Stein unter ihren Füßen jeden Moment in die Tiefe stürzen würde. Ohne genauer darüber nachzudenken, war ich mit nur wenigen Schritten bei ihr. „Keine Sorge, du fällst nicht! Gib mir deine Hand!“
„Ced!“, ich hörte Zenn hinter mir rufen, konnte mich aber nicht herumdrehen, denn im gleichen Moment gab der Boden nach.

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