Der Traum

Kapitel 5, Marendie

Ich wollte eigentlich noch ein paar Geschichten von Opa durchlesen, aber ich war viel zu müde und schlief einfach ein…

Ich schlug die Augen auf. Die Decke meines Zimmers war immer noch weinrot. Na gut, wie sollte sie sich über Nacht bitte ändern? Es klopfte an der Tür und mein Opa kam herein. „Aufstehen, Morgenmuffin!“ Morgenmuffin war Opas Bezeichnung für einen Morgenmuffel und so einer war ich. „Wenn du jetzt nicht mitkommst, dann gehe ich allein in den Wald und du weißt, dass das keine Geschichte bedeutet…“ Das war ein Argument. Genau wie alle anderen aus meiner Familie, brachte Opa gute Argumente. Alle hatten dafür Talent, nur ich war von dieser praktischen Begabung verschont geblieben. Es war nicht das einzige, was mir vorenthalten blieb, aber irgendwie kam ich schon damit zurecht.

In Rekordzeit war ich bereit für die morgendliche Wanderung. Opa wartete schon am Waldrand auf mich. „Na, mit dir habe ich gar nicht gerechnet!“, witzelte mein Großvater. Ich streckte ihm die Zunge heraus. Daraufhin gingen wir los. Eine Weile lang liefen wir wortlos den üblichen Trampelpfad entlang. Ich kannte ihn schon in und auswendig, weil wir fast täglich hier entlang spazierten. Aber heute war etwas anders. Es war ungewohnt ruhig. Nirgends war auch nur ein Tier zu hören, geschweige denn zu sehen. Zudem wehte hinter mir ein kalter Wind und blies mir meine Haare ins Gesicht. Ich sagte es nur ungern, aber es war gespenstisch.

Plötzlich ertönte ein lautes Brüllen. Es kam ganz aus der Nähe. Ehe ich die ganze Sache realisieren konnte, packte mich Opa am Handgelenk und rannte los. „Was war das?“, rief ich im rennen. Opa bliebt kurz stehen: „Es sind Kreats!“ Dann rannte er weiter. Kreats? Ich war überfordert. Ich dachte… nein, ich wusste, dass Kreats fiese Kreaturen aus Opas Geschichten waren. Geschichten, die er sich, meines Wissens, immer ausgedacht hatte. Aber wie konnte das denn möglich sein?

„Mara“, meinte Opa, „Ich weiß, es ist alles etwas seltsam für dich, aber egal was passiert, du darfst nicht stehen bleiben!“ Wir standen vor einem Riss im Waldboden. Ach Quatsch, es war kein Riss, es war eine Schlucht, die sich quer über durch die Bäume schlängelte. Hinter mir hörte ich wieder das Brüllen, diesmal noch viel näher. „Keine Angst!“, schrie mein Großvater. Plötzlich kam aus der Schlucht ein helles Licht. Ich war gezwungen meine Augen zuzukneifen. So gut wie blind stieß mich jemand weiter und weiter. Ich konnte nur erahnen, dass es auf die Schlucht und damit die Lichtquelle zuging. Mit meiner Vermutung lag ich goldrichtig, denn plötzlich spürte ich kein Boden mehr unter den Füßen…

Ich landete unsanft auf harten Waldboden. Nein, nicht mehr unser Waldboden. Verwundert blickte ich mich um. Das Licht war verschwunden. Opa hievte mich auf die Beine und begann dann wieder zu rennen. Keuchend folgte ich ihm. Ich war nicht unsportlich, aber wenn man eine Schlucht herunter stürzt und an einem merkwürdigen Ort landet, kommt man schon mal ins schwitzten. Ich hatte keine Zeit um mich umzudrehen, aber mehrere dumpfe Geräusche verrieten mir, dass uns die angeblichen Kreats gefolgt waren. Opa kramte in seiner Manteltasche herum und zog eine kleine Flöte heraus. In diese blies er viermal. Das höhe Geräusch schallte durch den ganzen Wald. Gespannt horchte ich in den Wald, doch außer dem Brüll der Kreats war nichts zu hören. Ich fragte mich, in was für einem abgedrehten Film ich hier gelandet war, als der trockene Waldboden auf einmal zu zittern begann. Irgendwo in der Nähe war Huf getrappel zu hören. Mein Opa blieb schwer atmend stehen. Ich sank auf die Knie. Meine Beine brannten wie Feuer und… mir blieb die Luft weg und das nicht von dem ganzen Gerenne, nein! Ich sah etwas, was mich an meinem eigenen Verstand zweifeln lies. Es waren Zentauren!

Ich ging die mir bekannten Fakten zu Zentauren durch. Den Unterkörper eines Pferdes, ja. Menschlicher Oberkörper, schien zu stimmen. Weitere Denkfähigkeit, nicht vorhanden. Ich hockte da. Wahrscheinlich stand mein Mund weit offen… Ich bekam nichts in meinem Umfeld mehr mit. Um mich wurde es schwarz…

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