Der Junge aus der Bibliothek

Kapitel 28, Zeitquälerei - Wie die Uhr tickt

Überrascht stellte ich fest, wie vertraut und tröstlich Gabes Auto doch war. Er hatte mich damit unzählige Male von der Schule abgeholt, als alles noch normal gewesen war. Hier drin hatten wir tausende banale Gespräche geführt, über Schule oder die letzten Geschichtsbücher, die wir gelesen hatten.

Schon immer hatten mein Bruder und ich die Leidenschaft für Geschichte geteilt. Anfangs fand ich deshalb sein Geständnis, ein Zeitreisender zu sein, ziemlich spannend, doch er wich stets all meinen Fragen aus, sodass ich schließlich überzeugt davon war, er würde nur flunkern.
Wenn ich so an diese vergangenen Tage zurückdachte, wurde mir schwer ums Herz. Damals lag stets so eine gewisse Leichtigkeit in der Luft, wenn er und ich allein waren. Ich konnte ihm immer alles anvertrauen, hatte ihn sogar hier in seinem Auto in mein Geheimnis eingeweiht, neben den historischen Romanen auch ab und an einige Romanzen oder Fantasy-Reihen zu lesen. Außer ihm wusste bis heute niemand davon, abgesehen von der Bibliothekarin.
Jetzt hingegen war alles anders. Es standen so viele Dinge zwischen uns. Riesige Geheimnisse, irgendwie die Zeit selbst, Simikolon natürlich, aber vor allem Krissy mit ihrer manipulativen Art. Sie war es gewesen, die mir meinen Bruder in den letzten Tagen Stück für Stück weggenommen hatte. Nun saß ich hier und fasste zu meinem eigenen Bedauern den Entschluss, Gabe nichts von meinen Erlebnissen anzuvertrauen. Ich würde ihn einfach aus meinem wahren Leben ausschließlich und ab jetzt tagtäglich belügen. Ich wusste einfach nicht, ob ich ihm trauen konnte.

Das Schweigen im Auto war so unerträglich gewesen, dass ich aus dem Wagen sprang, noch ehe Gabe ganz eingeparkt hatte. Erst als ich auf die Haustür zusteuerte, bemerkte ich, dass es inzwischen dunkel war. Wolken bedeckten den Himmel, sodass einzig die Laternen auf dem Gehweg Licht spendeten.
Kaum dass Granny Berrypie mir die Tür geöffnet hatte, drückte ich mich an ihr vorbei und verschwand ohne auch nur ein Wort nach oben in die zweite Etage. Ich versperrte die Klappe im Flur, um sicherzustellen, dass mich niemand mehr stören würde. Als das erledigt war, ging ich in mein Zimmer und verschloss auch dort die Tür.
Beim Betrachten der Einrichtung fiel mir auf, dass die Möbel dieselben waren, wie zu Marias Jugend. Augenblicklich fühlte ich mich unglaublich fremd hier drin. Das war nicht mein Zimmer, sondern das meiner Freundin oder Mutter oder was auch immer ich in ihr sehen sollte. Einzig die Kisten, in denen sich noch immer meine Bücher befanden, spendeten mir ein wenig Trost.
Ich nahm mir vor, heute Abend etwas zu tun, zu dem ich in den letzten Tagen aus diversen Gründen nicht gekommen war. Ich wollte etwas lesen!
Bevor ich jedoch die oberste Kiste öffnen konnte, fiel mein Blick auf mein Handy. Es lag auf meinem Nachttisch, wo ich es vor meiner Flucht zurückgelassen hatte. Auf einmal kam mir etwas in den Sinn: Ich hätte mich eigentlich vorhin mit Jack treffen sollen! Er hatte mich jedoch nicht gesehen und fragte sich sicherlich, wieso ich die Verabredung versäumt hatte.
Schon ein kurzer Blick auf das Display bestätigte meine Vermutung. Sieben verpasste Anrufe und dreizehn ungelesene Nachrichten. Normalerweise bekam ich so viele Anrufe nur im Zeitraum eines halben Jahres und um auf dreizehn Nachrichten zu kommen, müsste mindestens genauso viel Zeit vergehen.
Seufzend las ich mir durch, wie Jack immer wieder schrieb, ich solle ihn endlich zurückrufen. Nur die erste und die letzten beiden Nachrichten waren anders. Erst wollte er wissen, wieso ich nicht gekommen war und am Schluss informierte er mich darüber, dass wir uns morgen Nachmittag unter der Kapelle treffen würden, da er bis dahin keine Zeit mehr hatte, ein Telefonat zu führen.
Einen Moment lang war ich versucht, das Handy gegen eine Wand zu schleudern und diese dann mit meinen bloßen Händen einzureißen. Mir wuchs die ganze Sache über den Kopf! Ich hatte nie mit Vertrauen um mich geworfen, doch nicht mal Gabe, Jua oder Talita all meine Probleme anvertrauen zu können, hieß, dass ich in dieser Zeit nur noch mit einer einzigen Person reden konnte.
Ich hatte nichts gegen Jack. Er war eigentlich sogar ziemlich cool, seit er mich nicht mehr angiftete, doch im Grunde wusste ich nichts über ihn, außer dass er von einer adeligen Familie abstammte, die im 17. Jahrhundert ein wunderschönes Anwesen besessen hatte. Entgegen der Norm gehörte ich bisher nicht zu diesen Mädchen, die unbedingt eine allerbeste Freundin brauchten, der sie einfach alles erzählen konnten, doch nun wünschte ich mir genau das.
Noch vor wenigen Tagen hatte ich geglaubt, dass wenigstens Maria dies für mich war, wenn nicht auch noch Talita und Jua, doch nun wusste ich nicht, ob ich zwei von ihnen noch trauen konnte und die andere war meine Mutter, die sich jedoch in der Gegenwart niemals um mich gekümmert hatte. Zudem gingen scheinbar eine Menge Leute davon aus, ich hätte Schuld an ihrem Tod!
Das alles war zu viel auf einmal! Ich brauchte eine Pause von meinem Leben, in dem momentan das reinste Chaos herrschte. Also öffnete ich die oberste Kiste und entdeckte unter dem dicken Wälzer über die französische Revolution mein absolutes Lieblingsbuch. Es beinhaltete einige interessante Fakten über meine Lieblingsepoche: die Antike.
Alles was wir heute kannten, hatte seinen Ursprung irgendwie in dieser Zeit, als die Menschen ganz öffentlich nach Wissen und Macht strebten. Kriege, Intrigen, Verrat, Korruption – wer brauchte schon eine fiktive Geschichte, wenn es all diese Dinge in der Vergangenheit zu finden gab?
Wie immer vollkommen gefesselt von meiner Lektüre, versank ich in meiner Leidenschaft für Geschichte, während ich Worte las, die mir so unendlich vertraut waren, da ich dieses Buch schon mindestens zwanzig Mal gelesen hatte. Für eine gewisse Zeit konnte ich alle das vergessen, was mich im wahren Leben belastete. Als ich schließlich einschlief, war ich völlig entspannt und zuversichtlich, all die Dinge mit ein wenig Zeit unter Kontrolle bekommen zu können.

Erste Zweifel an diesem Entschluss kamen mir tatsächlich erst am nächsten Tag, als ich meine letzte Unterrichtsstunde in der Schule absaß. Zwar hatten mir Granny Berrypie und Gabe angeboten, zuhause zu bleiben, doch auch bei Tag hatte ich mich enorm unwohl in dem Zimmer gefühlt, dass vor mir Maria bewohnt hatte.
Nun stand ich vor einem ganz anderen Problem. Während Mrs Jensen ihren Vortrag über die Entstehung der englischen Nationalhymne beendete, um nicht zu überziehen, begannen all meine Mitschülerinnen zu tuscheln und starrten entrüstet aus dem Fenster. Auf englisch bat uns die Lehrerin um Ruhe, doch im selben Moment beendete das Klingeln die Stunde.
Beim Aufstehen erhaschte auch ich einen Blick aus dem Fenster. Am liebsten hätte ich mich auf der Stelle in Luft aufgelöst oder aber übergeben. Definitiv eher letzteres! Als dann auch noch Miriam mit ihrem Gefolge vor mir aufragte, war meine Laune vollends im Keller.
„Sag mal, Alexandria, hast du gewusst, dass Krissy jetzt mit deinem Bruder zusammen ist?“, sie hatte eine filigran nachgezogene Augenbraue gehoben und die Arme vor der Brust verschränkt. Innerlich konnte ich ihr also nur danken. Das klang jetzt womöglich schräg, aber es war eben viel einfacher eine Klette wie sie loszuwerden, wenn diese ihre Arroganz ungezügelt zur Schau stellte.
Ich schwankte kurz zwischen dem unwissenden Dummchen oder meinem angepissten selbst, doch in Anbetracht meiner Lage, wurde mir gleich klar, dass ich im Augenblick wohl auf ein Schauspiel verzichten musste: „Glaub mir, du hasst sie dafür nicht ansatzweise so sehr wie ich! Das heißt aber nicht, dass du irgendeine Chance bei ihm hättest, wenn er auf mich hören würde. Ihm liegt nämlich etwas an Intelligenz und die wirst du nicht mal besitzen können, wenn du von Google erfahren hast, was das ist.“
Ohne ein weiteres Wort ließ ich sie einfach stehen. Ihren empörten Laut nahm ich fast nicht wahr, als ich aus dem Raum eilte und mich mit dem Gedanken abfand, mit wem ich gleich nach Hause fahren würde. Auch die schmachtenden Blicke der Mädchen, die sich auf dem Schulhof befanden und eifersüchtig Krissy anstarrten, ignorierte ich geflissentlich.
Am Auto angekommen, hatte Krissy bereits ein falsches Lächeln aufgesetzt. Sie breitete die Arme für eine Umarmung aus und mir blieb nichts anderes übrig, als mitzuspielen. Schließlich hatte ich damit angefangen.
„Und? Passen die Kleider, die Jua dir zeigen wollte?“, fragte ich in einem Tonfall, den wirklich jedes Mädchen drauf hatte. Krissy ließ mich los und spielte mit einer ihrer blonden Locken: „Ja, sie passen recht gut und sind eigentlich ganz hübsch, aber ich wäre viel lieber mit euch nach Hause gefahren.“
Mir ist klar, dass ‚recht gut‘ und ‚eigentlich ganz hübsch‘ bedeuten, dass die Kleider atemberaubend schön sind und passen wie angegossen. Nur würde mein Gegenüber das natürlich niemals zugeben. Ich dagegen sehe es als Beleidigung, eine so fabelhafte Arbeit wie die von Jua nicht zu würdigen. Leider kann ich das Krissy aber nicht sagen, denn erstens habe ich bisher nur das wenige gesehen, was im Atelier erkennbar war – zumindest müsste ich das laut den Infos, die ich meinem Bruder und seiner Freundin gegeben hatte – und zweitens waren wir ja jetzt wieder ‚Freundinnen‘.
„Ja, das hätte ich auch schön gefunden“, entgegnete ich also mit einem tiefen Seufzer, der eigentlich da herrührte, dass ich mit tiefgründiger Verzweiflung wissen wollte, womit ich das nur verdient hatte. Krissy lächelte mich breit und mit dem Hauch einer Drohung an: „Dann wird es dich sicher freuen, dass wir jetzt gemeinsam mit Gabriel zu Simikolon fahren und heute Abend von dort aus auch alle gemeinsam wieder zurück.“
„Zu Simikolon?“, entfuhr es mir ungehalten. Ich konnte da jetzt nicht hin! Ich war mit Jack verabredet. Ein zweites Mal konnte und wollte ich ihn ganz sicher nicht sitzen lassen. Krissys Mine zeigte nichts als selbstgefällige Genugtuung, jedoch nur so lange bis sie sich an Gabe wandt, der mich mit einem Gesichtsausdruck musterte, den ich noch nie zuvor gesehen hatte und erst recht nicht deuten konnte.
Mit einem leisen Säuseln in der Stimme, das mich Galle schmecken ließ, murmelte Krissy meinem Bruder etwas zu, wobei sie so tat, als solle ich es nicht hören, aber laut genug sprach, damit ich das auch ja tat: „Ich habe dir doch gesagt, dass das zu viel für sie ist.“
„Alex, es tut mir leid“, selbst seine Stimme klang seltsam, „Aber wenn du nicht bald eine Zeitreise unternimmst, dann wird es dir echt schlecht gehen.“ Zugegeben – er hatte allen Grund das zu glauben. Niemand wusste, dass ich heute in der großen Pause bereits einen Abstecher in die Vergangenheit unternommen hatte, um zu verhindern, dass es mir wieder so mies ging, wie gestern.
Es war schon ziemlich komisch. Konnte das wirklich gestern gewesen sein? Fühlte sich eher an, als wäre es schon mehrere Tage her, aber das war es nicht. Egal, wie stressig alles seitdem auch war – ich durfte mich nicht aus dem Konzept bringen lassen und musste im Moment dringend verhindern, mit zu Simikolon zu müssen.
Ich musste nur kurz grübeln, dann war mir eine plausible Geschichte eingefallen. Eingeschüchtert wanderte mein Blick auf meine Schuhe: „Es ist wirklich nichts gegen dich, aber könntest du vielleicht kurz im Wagen warten, Krissy?“ Die Zeitreisende starrte mich misstrauisch an. Dann bemerkte sie, dass Gabe sie auffordernd ansah, öffnete die Beifahrertür und setzte sich gekränkt auf meinen Platz.
Mein Bruder sah mich wieder mit diesem komischen Gesichtsausdruck an. Dieser verwirrte mich für eine Sekunde, dann jedoch begann ich mit der Show: „Ich weiß nicht genau, wie ich es dir beibringen soll, also sage ich es einfach direkt.“ Ich holte tief Luft, als müsse ich allen Mut zusammennehmen. Ein bisschen stimmte das auch, denn ich wollte ihn wirklich nicht anlügen.
Leider hatte ich keine andere Wahl. „Der Grund, wieso ich in letzter Zeit so oft weg war, ist der, dass ich mich mit jemandem getroffen habe“, es folgte ein kurzer Blick in seine karamellbraunen Augen, nur um dann beschämt wegsehen zu können, „Es ist ein Junge, den ich vor zwei Wochen in der Bibliothek kennengelernt habe. Wir wollen uns heute treffen, weil er mir bei meinem Chemietest helfen will, den ich morgen schreibe und ich gehe mit ihm Geschichte durch, weil er bald eine mündliche Prüfung hat… wenn ich mich heute nicht mit ihm treffe, kann ich den Test morgen vergessen!“
Morgen stand zwar wirklich ein Test in Chemie an, aber den würde ich auch ohne fremde Hilfe mit Bravur bestehen. Auch das konnte Gabe nicht wissen, doch er glaubte mir. Da wir früher so ein enges Verhältnis hatten, wusste er, dass mir mein Schulabschluss wichtig war und ich mich in meinen letzten beiden Jahren nicht mit Noten zufriedengeben wollte, die nur befriedigend waren. Interessanter war also, wie er auf die Halbwahrheit mit dem Jungen ansprang.
Eine Weile lang starrte ich auf meine Füße. Er sagte nichts, doch ich hielt es für authentischer ihn nicht zu einer Reaktion zu drängen. Schließlich kam von ihm ein Seufzen: „Na gut, Schwesterchen. Wir verschieben die Zeitreise auf heute Abend. Sag mir, wo ihr euch trefft und ich fahre dich hin. Anschließend fahre ich Krissy zu Simikolon, damit du später nicht allein in die Vergangenheit musst.“
Ehrlich verwundert hob ich den Kopf, um ihn anzusehen: „Ist das dein Ernst?“ „Es ist traurig, dass du das fragst“, erwiderte er ebenfalls ehrlich. Resignation sprach aus seiner Stimme und es versetzte mir einen Stich, zu wissen, dass ich ihn seit Tagen die wichtigsten Dinge verschwieg und ihn nun zum wiederholten Mal angelogen hatte.

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