Das Hauptquartier

Kapitel 5, Quontos

Ich wusste nicht wieso – noch nicht mal wie genau – aber irgendwie hatte ich mich vor gebeugt und meine Lippen auf Robyns gelegt. Ganz vorsichtig hatte ich sie zu küssen begonnen. Anfangs hatte ich Angst gehabt, ich hätte das ganze Gespräch vielleicht nur geträumt, doch spätestens als Robyn den Kuss erwiderte und mit ihren Fingern durch meine Haare glitt, wusste ich, dass ich damit falsch lag.

Mit einem Mal war mein sonst so gutes Zeitgefühl völlig hinüber. Dauerte dieser Kuss Sekunden an, Minuten oder gar Stunden? Als wir uns voneinander lösten, starrte mich Rob etwas außer Atem an: „Woher hast du das gewusst.“ Nachdem ich mehrmals tief in den Bauch eingeatmet hatte, erzählte ich ihr alles. Rob errötete während meiner Erzählung leicht. „Du hast das also alles mit angehört?“, fragte sie, als ich geendet hatte. Ich nickte verlegen. Auf einmal begannen Robyns grüne Augen zu funkeln und sie strahlte mich an. Dem Anschein nach wollte sie etwas sagen, blieb mit ihrem Blick aber an meinen Lippen hängen und es folgte ein zweiter Kuss. Diesmal gar nicht so zaghaft wie vorhin.
Wir hörten erst auf, als ich am Eingang den rotblonden Pferdeschwanz von Jenn erblickte. Sie stand mit weit aufgerissenen Augen da und starrte uns fassungslos an. Auch Rob hatte sie jetzt gesehen. „Jenn“, mehr brachte sie nicht heraus. Dafür stand sie auf und machte einen Schritt auf ihre Freundin zu. Dann schien sie es sich anders zu überlegen und blieb ruckartig stehen.
Jenn schloss für einen Moment die Augen, als müsse sie sich wieder fassen. „Hätte nicht gedacht, dass das so schnell geht!“, auf einmal grinste sie, „Lasst euch nicht stören! Ich habe nur etwas vergessen.“ Bevor wir noch ein Wort sagen konnten, schnappte sie sich ein Seil und war schon wieder verschwunden. „Wir werden viel zu erzählen haben, wenn die anderen zurück kommen.“, meinte ich und wartete auf eine Reaktion von Robyn.

Es dauerte fast fünf Stunden, bis die anderen wieder zurück kamen. Sky, Amphos und Kyra niedergeschlagen und ziemlich resigniert, Zenn und Jenn verschwörerisch grinsend. Ich sah es schon vor mir: Zenn stellte sich in die Mitte des Hauptquartiers und verkündete laut‚ Ced liebt Rob und sie ihn! Nach jahrelanger Freundschaft haben sie endlich geknutscht!‘ oder so ähnlich. Doch zu meiner Überraschung stellte mein Kumpel es ganz anders an. „Wir müssen unseren Vorrat an Feuerholz aufstocken, die kommenden Nächte werden kalt!“ Ich sprang auf und meldete mich freiwillig, ihm zu helfen, woraufhin er stolz grinste. „Wir erledigen das mal lieber sofort. Ihr anderen erzählt Rob, was wir heraus gefunden haben.“, ordnete Zenn an, bevor er sich vor mir aus dem Hauptquartier schwang.
Das Hauptquartier war eine Höhle am Waldrand. Sie befand sich in einem Felsen in ungefähr sieben Metern Höhe. Nicht weit von dem Felsen standen große Bäume mit Lianen. An solchen schwangen wir uns immer hinaus und kletterten an ihnen auch wieder hinauf. Wie mich die anderen in vor drei Tagen nach dort oben geschleppt hatten, war mir noch immer ein Rätsel. Ich denke, befände ich mich nicht gerade in einem solch chaotischen Gefühlswirrwarr, wäre das ein gutes Thema zum nachdenken gewesen…
Als wir weit genug weg vom Hauptquartier waren, hielt es Zenn nicht mehr aus und ich erst recht nicht. „Kaum sind wir aus der Tür, knutscht ihr wie die Weltmeister?!“, ich konnte nicht genau sagen, ob das eine Frage oder eine Feststellung war. Während ich noch darüber nachdachte, umarmte er mich plötzlich. „Ich freue mich für euch!“ Solche Gesten sahen Zenn überhaupt nicht ähnlich. Was war mit ihm los? „Irgendwelche Nah-Tod-Erfahrungen von denen ich nichts weiß oder warum bist du so anders?“, fragte ich. Zenn sah mich mit gequältem Lächeln an: „Naja, seinen besten Freund halb Tod zu sehen, macht einen nachdenklich!“ Ich wurde still. Wie würde ich reagieren, wenn dasselbe mit Zenn passieren würde, schoss es mir durch den Kopf.

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