Damals

Kapitel 2, Marendie

Mein Vater schmiss den Schlüssel geräuschvoll auf den Tisch. Auf der Nachhausefahrt hatte keiner auch nur ein Wort gesprochen. Es war durchgängig still gewesen und das eine knappe halbe Stunde lang. Auch jetzt sprach keiner. Ich deutete an, dass ich auf den Dachboden gehen wollte. Das wunderte meine Eltern nicht, denn da sie immer auf Dienstreise waren und ich früher bei meinem Opa gewesen bin, brauchte ich kein extra Zimmer in meinem Elternhaus. Daher stand auf dem staubigen Dachboden ein Bett, für das ich ehrlich gesagt schon lange zu groß war und eine Art Schrank. Gerade bei diesem sogenannten Schrank zweifelte ich daran, dass meine Eltern reich waren, aber das waren sie… Leider!

Ich saß also auf meinem Bett. Meistens saß ich da und telefonierte mit Opa, doch das ging jetzt nicht mehr… Da viel mir auf, das ich meine Jacke noch anhatte. Sofort zog ich sie aus und pfefferte sie mit Tränen in den Augen in eine Ecke. Da! Etwas war aus meiner Jackentasche gefallen. Ich hob es auf. Es war der Zettel, den mir Tante Lucy gegeben hatte. Einen Moment überlegte ich, dann beschloss ich, die Nummer anzurufen.

Ich schlich mich die schmale Holztreppe hinab. Ich selbst besaß kein Handy, doch im Wohnzimmer stand immer das schnurlose Telefon. Das wollte ich mir jetzt möglichst unbemerkt holen, denn ich wusste genau, dass wenn ich meinen Eltern erzählen würde, dass ich Tante Lucy anrufe, sie es mir verbieten würden und dann wäre die winzige Chance doch noch zu meiner Tante ziehen zu dürfen, sofort verflogen. Woher ich weiß? Aus dem Grund, dass ich früher mal eine Freundin angerufen habe. Klingt erstmal nicht schlimm, aber das ändert sich, wenn man dazu sagt, dass meine Eltern mir Kontakt mit ihr verboten hatten. Daraufhin habe ich drei Wochen Hauserrest bekommen. Sowas nenne ich sinnlos. Ich meine es ist nur ein Telefonat, aber das ist ja nur meine Meinung… Ich ging also leise zu der offenen Wohnzimmertür. Mist! Beide saßen drinnen, Mama und Papa! Was sollte ich tun? Die beiden raus locken, ihnen sagen, wen ich anrufen wollte? Nein, ich wählte einen anderen Weg. Mein Plan war nicht kompliziert, aber dafür riskant! Sehr riskant…

Mein Plan sah so aus: Zuerst wollte ich mich hinter dem Sessel, der genau neben der Tür stand, verstecken. Von dort aus würde ich problemlos hinter den Tisch kriechen können. Wenn ich da wäre, würde ich blitzschnell hinters Sofa und dann zum Schrank flitzten. Im Schrank stand die Station des Telefons. Da stand es meistens drauf. Das war mein Plan. Ich konnte nicht länger warten. Also begann ich sogleich mit Phase 1; hinter den Sessel kriechen. Kurz darauf hockte ich schon neben dem Sofa, auf dem meine Eltern lagen. Vorsichtig streckte ich meine Hand nach oben aus und tastete nach den Telefon. Plötzlich kam mir etwas in den Sinn! Wenn meine Mutter und mein Vater mich jetzt erwischen würden, dann würde ich verdammt Ärger und Hausarrest bekommen… Doch noch machte es nicht den Anschein, dass meine Eltern irgendetwas bemerken würden. Sie schauten nämlich gerade ihre Lieblingsserie mit dem Titel „Weg des Brin“. Ich tastete immernoch nach dem Telefon auf der Station. Ja! Gerade fühlte ich die Station, doch wo war das, was ich eigentlich suchte, das Telefon? Oh nein! Das Telefon war nicht auf der Station! Es war alles umsonst gewesen! Na toll und was sollte ich jetzt unternehmen?

Auf einmal merkte ich, dass das ein verdammt dummer Plan gewesen war. Was ich machen sollte? Keine Ahnung! Das hätte ich mir früher überlegen müssen, aber bevor ich anfangen sollte, mich selbst zu schlagen, wäre es wohl sinnvoller hier, hinter dem Sofa zu warten. Ich wusste genau, dass meine Mum nach der, nebenbei bemerkt brutalen, Abschlachtserie immer auf die Toilette ging. Mein Vater ging dann in die Küche und beauftragte Charo, unser Küchenmädchen, das Essen zu machen. Das war meine einzige Chance.

Ich schaute auf meine Armbanduhr. Fast hätte ich laut geseufzt. Die Serie lief noch eine halbe Stunde. Gerade sagte meine Mutter, immer noch sauer wegen Tante Lucy, zu meinem Vater: „Mach mal den Fernseher lauter! Man versteht ja gar nichts!“ Ehrlich gesagt war ich sehr froh gewesen, dass man keinen Ton von dieser schrecklichen Serie verstanden hatte, denn seitdem ich zwölf Jahre alt gewesen war, hatte ich panische Angst vor Filmen in denen Jeder Jeden abmurkste. Damals hatte ich mit meinem älteren Bruder Carlos mal einen Horrorfilm angeschaut. Er hatte nicht gewusst, dass ich mich hinter einem Regal versteckt hatte. Danach, also seit zwei Jahren, hatte ich furchtbare Albträume.

In dem Film ging es darum, dass die Hauptfigur in einem Gruselhaus Ferien machte. Er traf jede Nacht auf mega gruselige Monster und eines Mitternachts auf ein Geistermädchen, dass ihn verfluchte und plötzlich kamen alle Monster dazu und eines riss ihm den ganzen linken Arm ab. Er flüchtete zum Flughafen und nahm den nächsten Flieger. Plötzlich stürzte das Flugzeug ab. Er war der einzige, der überlebte und wurde am Ende doch von den Monstern gefressen, die ihn verfolgt hatten.

Genau fünf Wochen später ist das Flugzeug abgestürzt, mit dem Carlos nach Albanien fliegen wollte. Viele Menschen starben, doch mein Bruder hatte überlebt. Zumindest so halb. Er lag seitdem im Koma. Als wir bei ihm waren, hatte Opa mir erklärt, dass er mich hört. Ich hatte ihm gesagt, dass er schnell aufwachen sollte, doch das ist er bis heute nicht. Zu der Zeit lebte ich noch bei meinen Eltern. Ich ging auch hier zur Schule. Dort haben mich alle nur ausgelacht und gesagt Carlos wäre schon lange tot. Ich hatte dort nie Freunde gehabt. Dann begannen meine Eltern immer in andere Länder zu fahren und ich durfte zu meinem Opa ziehen. Er unterrichtete mich selbst. Da konnte mich keiner auslachen. Immer wieder versicherte mir Opa, dass, wenn ich Carlos am meisten brauchen würde, er aufwache und meinen Namen sagen würde. Um ehrlich zu sein glaubte ich nicht mehr daran, denn die Ärzte meinten, Carlos würde eher sterben als wieder aufzuwachen. Es machte mich traurig. Ich konnte mich noch an ihn erinnern, er war… Plötzlich war ein Schuss zu hören. Ein Schuss und ein Schrei.

Ich hatte ganz vergessen, dass ich hier im Wohnzimmer saß. Hinter dem langen Ledersofa. „Endlich!“, rief mein Vater lauthals, „Endlich fangen die an zu kämpfen! Es war doch fast überfällig das Brin und Lola bei Mikel kämpfen!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*