Chaos

Alex, Kapitel 5, Zeitquälerei - Die Zeiten ändern sich

Nachdem mich Jack vorhin von Simikolon abgeholt hatte, war er ganz aufgekratzt. Die Tatsache, dass Maria zu Lebzeiten seiner Familie im 17. Jahrhundert ermordet worden war, machte ihn ganz aufgeregt. Offenbar war ich nicht die einzige, die in diesem Zusammenhang nicht an einen Zufall glaubte, aber als er dann gesagt hatte, er müsse es sofort Max und seinen Eltern erzählen, hatte ich dennoch abgelehnt, ihn zu begleiten.

Zwar hatte ich Max schon einmal außerhalb der feinen Gesellschaft des Balles getroffen und ihn sympathisch gefunden, aber bei dem Gedanken, nun auch noch die Kurfürsten von Rose zu treffen und mit ihnen allen über meine ermordete Mutter zu sprechen, die ich nur als Teenager kennengelernt hatte… nein, danke! Außerdem war mir nicht wohl bei der Vorstellung, der damaligen Zeit geschuldet womöglich ungewollt einen Degen zu Gesicht zu bekommen.
Also hatte Jack mich stattdessen am Friedhof abgesetzt. Ich war schnurstracks zur Kapelle gegangen und befand mich nun im Kellergewölbe darunter, wie schon so oft in der letzten Woche. Einer spontanen Eingebung folgend kritzelte ich ein Datum auf die letzte Seite meines Notizbuches. Mein magisches Zeitreiseartefakt hatte ich während der Autofahrt zurück in die Taschenuhr gesteckt und holte beides nun wieder hervor.
Kaum steckte der Ring an meinem Finger, legte ich diesen auf die Tinte. Die Welt um mich herum verschwand hinter dem blauen Schleier und ehe ich mich versah, stand ich an derselbe Stelle wie eben noch, nur 21 Jahre früher.
„Alex? Was machst du denn hier?“, erklang Marias Stimme ungewohnt überrascht. Es hörte sich beinahe so an, als fühle sie sich irgendwie ertappt. Aufgrund dieser Tatsache ebenfalls verwundert, drehte ich mich zu ihr um. Sie saß an dem hölzernen Schreibtisch hinter der Bücherwand und sah mich blinzelnd an. Keine herzliche Begrüßung, kein wissendes Lächeln.
„Was machst du hier?“, wiederholte sie, als ich nicht antwortete. Ich schluckte: „Ich wollte einfach ein bisschen mit dir quatschen. Es gibt brisante Neuigkeiten…“
Erst jetzt fiel mir auf, dass die feinen Äderchen in Marias Augen gerötet waren. Sie hatte geweint! Vor ihr auf der Tischplatte lag ein zerknittertes Taschentuch. Vergeblich versuchte Maria ein Schniefen zu unterdrücken, aber es half nichts. Ich hatte es bereits bemerkt.
„Wieso weinst du?“, wollte ich wissen und ging einen Schritt auf sie zu, doch Maria hob eine Hand, stand von ihrem Stuhl auf und kam ihrerseits auf mich zu. Dabei wischte sie sich mit dem Ärmel ihrer Strickjacke über die Nase. Von ihrer üblichen Fröhlichkeit war nicht das geringste zu erkennen, so als gäbe es sie gar nicht!
„Es ist kompliziert“, versuchte sie auszuweichen, doch ich legte ihr meine Hände auf die Schultern und sah sie direkt an. „Erzähl das wem anders!“, forderte ich, „Was ist passiert? Warum sitzt du hier unten und weinst?“
Von ihr aus gesehen war mein überstürztes Aufkreuzen in ihrem Zimmer nach den Geschehnissen in der Gasse erst gestern gewesen. Ich hatte das hier für den perfekten Moment gehalten, nachdem ich heute Morgen die kleine Hofpause dazu genutzt hatte, Maria, Jua und Talita – letztere war bei meiner Ankunft bereits anwesend gewesen und es hätte zu viele Fragen aufgeworfen, sie aus Juas Atelier zu bitten – darin einzuweihen, was alles geschehen war. Angefangen bei dem Überfall, bis hin zu meiner Entdeckung durch Simikolon.
Wobei ich gestehen muss, dass ich Freddy aus meiner Erzählung herausgehalten hatte. Ich wusste nicht genau wieso, aber irgendetwas sagte mir, dass ich den dreien nicht verraten sollte, dass ich meinen Retter in der Gegenwart aufgespürt hatte, sie eine Zeitreisende und zusätzlich auch noch eine Freundin von Jack war.
Für Maria hatte dieses Gespräch gestern Abend stattgefunden, weshalb ich nicht so recht verstand, was in der Zwischenzeit geschehen war, dass sie jetzt weinend unter dem Friedhof saß. Gut, ich kannte sie nicht sonderlich lang – eigentlich überhaupt nicht – aber allein und traurig in einem Kellergewölbe zu hocken, sah der jüngeren Version meiner Mutter nicht ähnlich.
Ebenfalls als unähnlich befand ich ihre Reaktion auf meine Frage: „Wieso ich weine, ist unwichtig!“ Sie fuhr sich mit den Handballen unter den Augen entlang. Ihr Blick ruhte dabei durchgängig auf mir.
„Es ist etwas passiert! Mehr kann ich im Moment nicht sagen“, sie schniefte noch einmal, auf ihren Lippen ein gequältes Lächeln, „Es wäre für alle Beteiligten besser, wenn du dich nicht länger mit mir triffst.“ Mit diesen Worten wandte sie sich ab, schnappte einen Rucksack, der bis eben an dem Schreibtisch gelehnt hatte, und verschwand durch die Tür.

Unglauben und Irritation erfüllten mich gleichermaßen, als ich auf dem Weg zum Haus von Simikolon war. Was zur Hölle war passiert? Wieso wollte Maria sich nicht mehr mit mir treffen? Heute Morgen hatte sie mich noch besorgt in die Arme geschlossen, als sie von den Angreifern im 17. Jahrhundert gehört hatte. Was war geschehen?
Zu meinem Pech tat sich mir die Antwort nicht in Form eines Gedankenblitzes auf. Es ergab einfach keinen Sinn! Als ich schließlich am Haus ankam, war ich daher nur noch mehr verwirrt als vorher. Auf dem Weg hatte ich versucht, Jack anzurufen, aber der befand sich vermutlich noch bei seiner Familie. Und so kam es, dass ich ziemlich neben der Spur die Haustür aufschloss und unwissentlich den ersten Schritt mitten in mein Verderben machte, als ich im Hausflur die Tür hinter mir schloss.
„Wen haben wir denn da?“, spottete Krissy unverhohlen, die mir von der Treppe aus entgegen funkelte, „Du weißt aber schon, dass die Bushaltestelle in der anderen Richtung liegt, oder? Nur für den Fall, dass du mal wieder eine Lüge erfindest, um dich sonst wo herumzutreiben.“
„Wo sind Gabe und Granny Berrypie?“, fragte ich ungerührt. Meine Stimme hörte sich an, als hätte eben jemand einen Eimer voller Eiswasser über mir ausgekippt und mich somit in einen Eisklotz verwandelt. Krissy störte sich nicht daran. Es stichelte sie offensichtlich nur dazu an, noch feindseliger drein zu schauen: „Granny Berrypie ist einkaufen und Gabe wurde noch einmal zu Simikolon gerufen. Wir sind allein.“
Ungerührt ließ ich meine Tasche fallen, schälte mich aus meiner Jacke und hängte sie an die Garderobe. Dann bückte ich mich, hob die Tasche wieder auf und wollte mich gerade auf den Weg zum Dachboden machen, als plötzlich Krissy genau vor mir aufragte.
„Ich weiß zwar nicht, was du im Schilde führst, aber das finde ich heraus und dann wird nicht mal mehr Gabe auf deiner Seite stehen! Das schwöre ich dir!“, sie sprach die Drohung so giftig aus, dass ich kurz fürchtete, der Blick aus ihren eisblauen Augen würde mir zwei Löcher in den Schädel ätzen.
Für gewöhnlich hätte ich jetzt einen bissigen Kommentar abgefeuert, doch dafür herrschte einfach ein zu großes Chaos in meinem Kopf. Statt mich also zu verteidigen brachte ich nur heraus: „Lass gefälligst meinen Bruder aus dem Spiel!“
„Oh, er ist dir also nicht scheißegal?“
„Verwechselst du da nicht etwas?“, ich merkte selbst, dass mein Konter nicht so schlagfertig wie sonst war, „Dich interessiert er nicht!“ Krissy lachte höhnisch auf: „Ich glaube, du hast da mal wieder etwas nicht ganz mitbekommen, Alex. Wir sind zusammen!“
„Was ja nicht unbedingt etwas zu bedeuten hat“, erwiderte ich trocken. Krissy zuckte seelenruhig mit den Schultern: „Glaub was immer du willst, aber Gabe hat in Wahrheit sogar eine ziemlich große Bedeutung für mich.“ Ich bemerkte erst, dass sie mich durch konsequente, kleine Schritte auf mich zu gegen die Wand drängte, als ich mit dem Rücken dagegen stieß.
„Wenn du ihm wehtust…“, fauchte ich, nun fokussierter. Ich würde Gabe vor jedem Menschen beschützen, der sich mit bösen Absichten an ihn heranschlich, aber was Krissy anbelangte, würde ich mich besonders ins Zeug legen. Er war schließlich mein Bruder!
Ich kam allerdings nicht dazu, meine Drohung zu beenden, da Krissy mich mitten drin unterbrach. Ihre Worte waren wie die Klinge des Degens, die ich noch vor wenigen Tagen auf meiner Haut gespürt hatte, nur dass sie sich diesmal direkt in mein Herz bohrte. Das musste ich ihr lassen: Krissy verstand sich blendend darauf, exakt den Punkt ausfindig zu machen, der am meisten schmerzte.
„Wie sollte ich ihn je tiefer treffen, als du es gerade tust? Du merkst ja nicht mal, wie verzweifelt er versucht, dich aus deiner Blase herauszuholen, um weiter ein Teil deines Lebens sein zu können, aber du stößt ihn immer und immer wieder vor den Kopf“, ein völlig unangebrachtes Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht, „Vielleicht machst du es ja nicht mit Absicht, aber du treibst ihn immer weiter in meine Richtung. Jedes Geheimnis, das du vor ihm hast, macht ihn auf ein neues fertig und mit wem spricht er darüber?“
„Bilde dir ruhig so etwas ein!“, konterte ich, doch die Wut in meiner Stimme sollte nur die Verletzlichkeit verdecken, die unter meiner Haut alles mit tiefen Rissen versah. Ich wollte – nein, ich konnte mir das nicht weiter anhören! Gabe war momentan alles, was mir von meiner Familie geblieben war! Ihn zu verlieren kam nicht in Frage, doch Krissy hatte recht. Es war nicht etwa sie, die einen Keil zwischen uns trieb.
Schuld an allem war ich selbst! Statt mich Gabe anzuvertrauen – dem einzigen Vertrauten, den ich eigentlich überhaupt hatte – beredete ich alle Vorkommnisse mit einem Jungen, den ich im Grund nicht einmal kannte.
Was wusste ich denn schon von Jack? Er war Zeitreisender, hatte faszinierende Augen, die außen braun und nahe der Pupille eine grüne Färbung hatten, lebte ein zweites Leben im 17. Jahrhundert bei seinen Vorfahren und besuchte eine Fechtschule in der Gegenwart. Ich wusste, welches Auto er fuhr, dass er ein Freund meiner Mutter gewesen war und irgendwelche offenbar unschönen Erfahrungen mit Simikolon gemacht hatte, so wie er sich bei der bloßen Erwähnung dieser Organisation verspannte.
„Denk was immer dir beliebt, aber wenn du glaubst, du hättest ein so leichtes Spiel, an meinen Bruder ran zu kommen…“, begann ich und diesmal war ein Hauch mehr von meinem Talent der gepfefferten Worte herauszuhören, doch wurde ich wieder mitten im Satz unterbrochen. Es war jedoch nicht Krissy, sondern das Klicken des Schlosses der Haustür.
Im nächsten Moment wurde diese von Granny Berrypie aufgeschoben, die uns sofort erblickte: „Ihr seit schon zuhause?“ Mit einem falschen Freudestrahlen trat Krissy einige Schritte von mir zurück und damit auf Granny Berrypie zu. Sie deutete auf die zwei prall gefüllten Einkaufstaschen, die die Haushälterin in den Händen hielt.
„Darf ich dir beim Tragen helfen?“, bot Krissy an, auf einmal wieder mit honigsüßer Stimme. Die Antwort bekam ich allerdings nicht mehr mit. Ich nutzte die Gelegenheit und stürmte die Treppe nach oben, ehe Krissy mir folgen konnte.
Mir schwirrten tausend Dinge durch den Kopf. Meine Beziehung zu Gabe, Marias merkwürdiges Verhalten eben und… Jacks Augen!? Verwirrt versuchte ich das Bild seines Gesichts aus meinem Gedächtnis zu verbannen. Nicht nur, dass diese Augen wahnsinnig einprägsam waren, sie wurden auch noch von den rabenschwarzen Locken betont, die sich wild über Jacks Stirn kräuselten und…
Vermutlich hätte ich noch eine ganze Weile einfach nur darüber nachgedacht, wie gut Jack aussah, wenn ich nicht in diesem Moment das Zimmer betreten hätte, das ich momentan bewohnte. Ein erschrockener Aufschrei blieb mir einfach in der Kehle stecken, als ich so in der Tür stand und mir mit einem einzigen, harten Schlag ein unbekanntes, vorherrschendes Chaos entgegenschlug.

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