Schweigen

Kapitel 3, Zeitquälerei

Zuhause angekommen war meine erste Feststellung, dass außer mir niemand da war. Nichts deutete auch nur im Geringsten daraufhin, dass Oma noch einmal hier gewesen war, nachdem sie und Gabe vor nun schon fast acht Stunden gegangen waren.
Im ersten Moment wollte ich sauer darüber sein, doch dann fielen mir die Bücher wieder ein und so ein klein wenig Privatsphäre war für mein nächstes Vorhaben doch eigentlich ganz nützlich. Ich konnte mich problemlos ins Wohnzimmer auf unsere kuschelige, weinrote Couch setzen, die bei weitem gemütlicher war, als alle Stoffbezogenen Dinge in meinem eigenen Zimmer zusammen.
Eines der beiden Bücher packte ich aus dem Karton und legte es auf den gläsernen Couchtisch. Es hatte gerade mal 250 Seiten, während das andere noch dünner war. Beim Aufschlagen musste ich sofort die wunderschöne Schrift bewundern, die klein und filigran die Seiten füllte. Erst beim zweiten Mal hinsehen, bemerkte ich, dass es nicht etwa am Computer abgetippt worden, sondern stattdessen handgeschrieben war.
Sofort kam mir meine eigene ‚Sauklaue‘ in den Sinn. Für das ungeübte Auge sahen alle meine Worte aus wie einfache, waagerechte Striche, was zugegebenermaßen auch mehr oder weniger der Wahrheit entsprach. Ich hatte eineinhalb Jahre daran gearbeitet, doch die unzähligen Krämpfe in der rechten Hand hatten sich schließlich gelohnt. Wollte ich mir eine persönliche Notiz machen, konnte ich sie anschließend ungestört irgendwo liegen lassen, denn lesen konnten es wirklich niemand.
Diese Schrift hier war jedoch eine reine Augenweide. Tatsächlich konnte ich nicht behaupten, jemals eine so unfassbar ordentlich leserliche Schreibschrift gesehen zu haben, zumindest bis jetzt! Jedes Wort war problemlos zu erkennen und im Stillen wunderte ich mich, dass diese meisterhaft gestalteten Seiten in der Bibliothek verstaubten, anstatt in einem Museum ausgestellt zu werden.