Leider gegen die Regeln

Kapitel 8, Zeitquälerei

Auf dem Couchtisch stand inzwischen die himmelblaue Torte, die ich bereits bei einem kurzen Blick in die Küche erspäht hatte. Die Bäckerin dieses Meisterwerks stand an der Tür und lächelte mich strahlend an. Sie war die einzige, die einen freundlichen Gesichtsausdruck machte. Alle anderen sahen eher aus, als wollten sie die Angelegenheiten schnell hinter sich bringen.
Etwas sagte mir, dass mal wieder alle in etwas eingeweiht waren, von dem ich rein gar keine Ahnung hatte. Was das allerdings mit meinen Geschenken zu tun haben sollte, war mir noch immer mehr als schleierhaft.

Zum Geburtstag alles Gute

Kapitel 7, Zeitquälerei

Auf der Fahrt wurde nur wenig geredet. Ich spürte ganz deutlich, wie sich eine gewisse Anspannung breit machte, die ich nicht genauer definieren konnte. Der geräumige Innenraum des Wagens wurde erfüllt von meinem eigenen Unwohlsein, Gabes aus meiner Sicht nicht ganz nachvollziehbaren Nervosität und den verschiedenen Empfindungen der drei anderen.
Jo, der jetzt einen Anzug trug, tippte unentwegt Nachrichten in sein Handy, während Miss Hill den Blick schon beim Starten des Motors von uns abgewendet hatte, um stattdessen aus dem Fenster zu sehen. Der einzige, der ab und an mal etwas sagte, war Arthur, aber auch ihm merkte man deutlich an, dass er sich nicht sonderlich auf das freute, was nun folgte, da wir die Limousine nach einer halben Stunde Fahrzeit wieder verließen.
Ich fand mich inmitten einer hübschen Wohnsiedlung wieder. Der Bürgersteig war mit seinen fast weißen Steinplatten ein interessanter Kontrast zu dem dunklen Straßenbelag. Links und rechts von mir waren Grundstücke säuberlich umzäunt. Dahinter lagen gepflegte, kleine Rasenflächen auf denen ein individueller Steinpfad zu idyllischen Einfamilienhäusern führte.
Die meisten Grundstücke besaßen auch eine Garage, aber nur in einer der Auffahrten stand auch wirklich ein Wagen. Ich erkannte ihn ohne jeden Zweifel als Gabes Auto, mit dem er Krissy und mich vor wenigen Tagen auf dem Nachhauseweg aufgegabelt hatte.
Als mein Blick zu dem dazugehörigen Haus schweifte, blieb mir kurz der Atem weg. Während die umliegenden Häuser allesamt nur zwei Stockwerke einschließlich Dachboden besaßen, erstreckte sich dieses über drei Etagen und hatte statt eines Rechtecks einen eher verwinkelten Grundriss.
Neben diesen modernen Schachtelhäusern stach es ungemein heraus, da es ein wenig altmodisch wirkte. Nicht, dass es nicht absolut super aussähe – denn das tat es – aber irgendwie war es den anderen Häusern überlegen.
In diesem Moment ging die Haustür auf und eine ältere Dame watschelte einige Schritte heraus. Als sie uns erblickte, begann sie so aufgeregt zu winken, dass ihre grauen Löckchen durch die Luft sprangen wie Federn. Dann ging es jetzt wohl los…

Überraschung

Kapitel 6, Zeitquälerei

Wie immer, wenn das Sehnen nach Schulschluss übermächtig war, krochen die Stunden extra langsam dahin. Das einzige, was ich aus den fünf Stunden mitnahm, die bereits hinter mir lagen, war die Neuigkeit unserer Klassenlehrerin Mrs Clarke, dass Krissy die Schule gewechselt hatte und deshalb weder heute noch gestern anwesend war.
Zufällig sollte also ihr letzter Tag an dieser Schule der gleiche sein, an dem sie auch das magische Zeitreiseartefakt bekommen hatte? Sie hatte mir weder von dem einen, noch von dem anderen erzählt und sich auch seitdem nicht mehr gemeldet. Es wäre höchst verdächtig, wenn ich mir sowas nicht schon vorgestellt hätte. Als Freundin würde ich sie spätestens ab jetzt definitiv nicht mehr bezeichnen!

Letzte Warnung

Kapitel 5, Zeitquälerei

„Ich verspreche dir, dass das hier nur vorübergehend sein wird, Alex!“, versicherte Mrs Jones und lächelte mir zuversichtlich entgegen. Nur mit Mühe konnte ich etwas von der alten, herzensguten Frau in ihr wiedererkennen. Ihre mehr als aufrechte Haltung und der herrische Tonfall verliehen ihr eine ungewohnte Autorität, die mich ehrlich gesagt ein wenig einschüchterte.

Zauberei

Kapitel 4, Zeitquälerei

Mit einem Aufatmen sah ich mich um. Ein dumpfer Schmerz in meinem Inneren sagte mir, dass ich mich nun wohl von diesem Ort verabschieden musste. Für immer – was das auch bedeuten mochte.
Innerhalb dieser Wände war ich aufgewachsen. Dieser Raum hatte sich über die Jahre genauso verändert wie ich, hatte jeder Laune standgehalten, allen Experimenten, Lernphasen und Lesenächten einen sicheren Veranstaltungsort geboten und so viele Erinnerungen beheimatet, wie es sonst kein anderer Ort auf der Erde jemals vermochte.
„Fertig?“, der Mann fragte nicht mich das, sondern drehte sich zum Flur. Ich vermutete dort Mrs Jones und nutzte die Gelegenheit, ein letztes mal über meine Möbel zu streichen. Erst das Bett, dann der Kleiderschrank neben dem Fenster…

Schweigen

Kapitel 3, Zeitquälerei

Zuhause angekommen war meine erste Feststellung, dass außer mir niemand da war. Nichts deutete auch nur im Geringsten daraufhin, dass Oma noch einmal hier gewesen war, nachdem sie und Gabe vor nun schon fast acht Stunden gegangen waren.
Im ersten Moment wollte ich sauer darüber sein, doch dann fielen mir die Bücher wieder ein und so ein klein wenig Privatsphäre war für mein nächstes Vorhaben doch eigentlich ganz nützlich. Ich konnte mich problemlos ins Wohnzimmer auf unsere kuschelige, weinrote Couch setzen, die bei weitem gemütlicher war, als alle Stoffbezogenen Dinge in meinem eigenen Zimmer zusammen.
Eines der beiden Bücher packte ich aus dem Karton und legte es auf den gläsernen Couchtisch. Es hatte gerade mal 250 Seiten, während das andere noch dünner war. Beim Aufschlagen musste ich sofort die wunderschöne Schrift bewundern, die klein und filigran die Seiten füllte. Erst beim zweiten Mal hinsehen, bemerkte ich, dass es nicht etwa am Computer abgetippt worden, sondern stattdessen handgeschrieben war.
Sofort kam mir meine eigene ‚Sauklaue‘ in den Sinn. Für das ungeübte Auge sahen alle meine Worte aus wie einfache, waagerechte Striche, was zugegebenermaßen auch mehr oder weniger der Wahrheit entsprach. Ich hatte eineinhalb Jahre daran gearbeitet, doch die unzähligen Krämpfe in der rechten Hand hatten sich schließlich gelohnt. Wollte ich mir eine persönliche Notiz machen, konnte ich sie anschließend ungestört irgendwo liegen lassen, denn lesen konnten es wirklich niemand.
Diese Schrift hier war jedoch eine reine Augenweide. Tatsächlich konnte ich nicht behaupten, jemals eine so unfassbar ordentlich leserliche Schreibschrift gesehen zu haben, zumindest bis jetzt! Jedes Wort war problemlos zu erkennen und im Stillen wunderte ich mich, dass diese meisterhaft gestalteten Seiten in der Bibliothek verstaubten, anstatt in einem Museum ausgestellt zu werden.