5. Dezember

5. Türchen, Weihnachtskalender

Es klingelt Sturm. „Henry, machst du mal die Tür auf, bitte?“, höre ich meine Stiefmutter aus der Küche rufen. Ich stöhne und werfe einen Blick auf die Uhr. Gerade mal um zehn?! Habe ich etwa eine Verabredung mit jemandem? Ich schaue zum Kalender, der an der Wand neben einigen Familienbildern hängt. Nein, für heute steht da rein gar nichts. Also schlurfe ich halbwegs gespannt zur Tür. Ist am Ende eh nur wieder einer der Nachbarn, die sich immer über irgendwas bescheren wollen!
Doch es kommt anders! Als ich sie öffne, stürmt mir Will entgegen. Im Schlepptau hat er Jack. „Die Zwillinge Grimm! Was verschafft mir die Ehre?“, frage ich. Meine Laune bessert sich schon beim bloßen Anblick der beiden. Will ist augenscheinlich ziemlich aus der Puste. „Es gibt einen Notfall!“, keucht er. Jack steht nur daneben und zuckt – kein bisschen außer Atem – mit den Schultern. Ich nicke nur knapp. Das letzte Mal, als meine Freunde so hier herein marschiert kamen, hatten sie den Postboten dermaßen verärgert, dass er damit gedroht hatte, ihre Geburtstagsgeschenke nicht abzuliefern.
„Ihr zieht erstmal eure Jacken und Schuhe aus!“, befehle ich und bemühe mich nicht mal darum, das Seufzen zu unterdrücken, „Die Schreckschraube hat gerade erst im Flur gewischt und ihr wisst ja, wie Dad ist, seit die Olle da ist!“ Die Jungs gehorchen. Brav stellen sie die Schuhe an die Wand und hängen ihre Mäntel an ihren Hacken. Ähm, ja! Die zwei sind so oft hier, dass praktisch immer ein Hacken an der Garderobe für sie frei ist.

4. Dezember

4. Türchen, Weihnachtskalender

Jack war gerade dabei, einen Redeschwall zu beenden: „Ich kann einfach nicht fassen, dass du Henry bei deinem Bücherproblem helfen lässt, obwohl du genau weißt, dass sie mit mir verabredet war und ich sie toll finde!“ Jack sah aus wie ein beleidigtes Kleinkind. In Will arbeitete es. Sollte er seinem Bruder womöglich sagen, dass er ebenfalls in Henry verliebt war? Er konnte Jack schließlich schlecht etwas vorwerfen, von dem er gar nichts wusste! Allerdings würde daraus vermutlich ein Streit entstehen und in der Weihnachtszeit war das am wenigsten wünschenswert.
Wie immer, wenn es darum ging, einem Konflikt aus dem Weg zu gehen, nahm Will genau das beim Wort. „Hör zu, Jack, es tut mir leid! Kommt nicht wieder vor!“, versprach er, „Ich muss jetzt nochmal dringend weg. Das mit Henry bekommst du wieder hin, ganz bestimmt! Du könntest sie ja anrufen…“ Während des Sprechens war Will rückwärts auf die Tür zu gesteuert und mit dem letzten Satz verschwunden.

2. Dezember

2. Türchen, Weihnachtskalender

Will saß im Schneidersitz in der Mitte des Wohnzimmers auf dem dicken Teppich. Um ihn herum stapelten sich unzählige Bücher. Manche von ihnen waren aufgeschlagen, andere geschlossen. Dazwischen verstreut lagen einzelne, handgeschriebene Blätter und mindestens tausend andere Zettel. Auf Wills Knien lag ein Notizblock und er hatte einen Kugelschreiber im Mund. Im Hintergrund lief klassische Weihnachtsmusik und auf dem kniehohen Couchtisch stand ein Teller voller Lebkuchen, an den er jedoch beim besten Willen nicht ran kommen würde, weil der Weg ja von dieser flächendeckenden Schicht Bücher versperrt wurde. Es würde ihm nicht im Traum einfallen, eines davon zu beschädigen. Ganz anders sah das sein Zwillingsbruder Jack, der gerade den Raum zu betreten versuchte.

1. Dezember

1. Türchen, Weihnachtskalender

Es waren einmal zwei Brüder. Die stammten ab von den berühmten Gebrüdern Grimm. Ihnen wurde eine Aufgabe besonderer Wichtigkeit zuteil: Der Schutz der Märchen! Ihr Leben würden sie geben für die Sicherheit der Arbeit ihrer Vorfahren. Das Erbe war von größter Wichtigkeit, dessen waren sie sich bewusst. Wie ihr Vater und dessen Vater vor ihnen, waren nun sie an der Reihe zu beschützen, was unbedingt zu beschützen war…

Das Osterhasen-Weihnachtslied

Weihnachtskalender

Heute kommt der Weihnachtsmann
Kommt mit den Geschenken
Orcas hat er vorne dran
Vor seinem‘ Bootgespann
Schaut euch seinen Mantel an
Schöner als die Mütze

Dümpelt auf ‘ner Scholle rum
Dieses Jahr war wirklich dumm
Wichtel lassen ihn im Stich
Essen schmeckt ganz fürchterlich
Doch so schrecklich ist es nicht
Hasen kochen Grütze

Feiert euer Weihnachtsfest
Dies Jahr war‘s ‘n harter Test
Trampeltier und Rentierfurz
Und die Zeit war viel zu kurz
Klimawandel ist uns schnurz
Leben auf ‘ner Pfütze