Freier Fall und Tarnzauber

Kapitel 20, Marendie

Ich sollte Leopold vertrauen? Wie stellte er sich das vor? Er war fast durchgängig fies zu mir und im Gegensatz zu seinen Geschwister nicht mein Freund. Ich blickte zwischen ihm und dem Himmel hin und her. Wie konnte ein Nachkomme von Jupter Gentie nur so ein Feigling sein, schoss es mir plötzlich durch den Kopf.
„Es ist einfach Angst zu haben, die Verlockung nachzugeben ist groß, aber man muss dem widerstehen und ich bin mir sicher, dass du das kannst.“ Was? Ich starrte Leopold fassungslos an. Woher hatte er das? Ich schloss kurz die Augen um mich zu sammeln, ein Donnergrollen lies mich wieder aufsehen. Leopold war verschwunden. Er war von einem Blitz erfasst worden…
Einen Moment lang blieb ich stehen, dann schluckte ich die in mir aufsteigende Angst hinunter. „Du kannst das!“, sagte ich zu mir selbst und ging entschlossen auf die Mitte der Lichtung zu. Das Unwetter über mir tobte, wie eine Herde wild gewordener Nashörner. Die Luft war heiß und erfüllt von allerlei gruseligen Geräuschen, doch ich lief einfach weiter. Vor meinem inneren Auge sah ich sie. Die zwei Menschen die mir auf der Welt am meisten bedeuteten. Opa und Carlos, mein im Koma liegender Bruder. Die beiden hatten mir schon immer Kraft gegeben, warum sollte es dieses Mal anders sein?
Ich hatte die Lichtung noch nicht mal erreicht, da hörte ich schon das Donnern. „Egal was passiert, du darfst nicht stehen bleiben!“, kam mir auf einmal in den Sinn. Das hatte Opa gesagt, als er mit mir auf die Schult zu gerannt war. Die Schlucht… jetzt wurde es mir klar. Die Schlucht damals war ein Portal gewesen und der merkwürdige Wald war in der Makiderwelt gewesen. Es machte alles einen Sinn…
Donnergegroll und weißes Licht ließen mich zusammenfahren. Es hatte mich umschlossen, war überall um mich herum. Ich konnte die Elektrizität in dem Licht sowohl sehen, als auch spüren, doch schien es einem Tornado ähnlich zu sein. Egal wie stark der Wind außen auch war, im Auge des Sturmes herrschte Windstille und Sicherheit. Genau so fühlte sich das auch an. Natürlich stand ich noch nie im Auge einer solchen Naturkatastrophe, aber das war ja auch nur ein Vergleich. Lange konnte ich eh nicht darüber nachdenken, denn kaum hatte mich der Blitz gepackt, zog er mich auch schon in die Luft.