Leopold

Kapitel 9, Marendie

Kurze Zusammenfassung: Ich wurde von einer Gruppe Skateboarder verfolgt, dann kam ein fremder Junge, der ungefähr zwei Jahre älter aussah als ich und hat mich einfach so geküsst. Bin ich die Einzige oder klingt das für noch jemanden seltsam?

„Komm mit!“, sagte der Junge jetzt. Er packte mich unsanft am Arm. Ich riss mich los: „Moment mal! Wer bist du? Warum hast du mich geküsst? Ich meine, ich kenne dich doch nicht mal! Warum sollte ich dann mit dir mitkommen?“ „Ich habe dich von diesen Jungs befreit!“, sagte er und wirkte plötzlich ein wenig eingeschnappt. Vermutlich folgte jedes andere Mädchen ihm ohne zu murren.

„Vielleicht willst du mich ja entführen!“, schon bereute ich es wieder, die Gabe, die sonst jeder in meiner Familie hatte, nicht zu besitzen. Was hatte ich mir dabei gedacht? Entführen? Also, bitte! Wieso sollte man mich entführen? Meine Eltern waren reich, klar, aber ob sie für mich jemals Lösegeld bezahlen würden? Fraglich!
„Nachmittags? Nachdem ich dich geküsst habe?“
„Warum hast du das denn getan?“
„Warum stellst du so viele Fragen?“

Einige Minuten lang schauten wir uns nur stumm an. Diese Zeit nutzte ich, um nach irgendwelchen Verstecken (für Waffen) an ihm zu suchen. Nichts. Ich atmete erleichtert auf. Da er keine Anstalten machte, das Schweigen zu brechen und mir die Worte ausgegangen waren, musterte ich ihn einfach erneut von oben bis unten. Jedes mal, wenn ich ihn mir so ansah, wurde er noch hübscher und noch perfekter. Aber wenn ein Junge perfekt aussah, dann gab es irgendeinen anderen Haken, das wusste ich auch aus den Filmen. „Na gut, du hast gewonnen!“, knurrte der Typ, „Ich wurde geschickt! Es geht um deinen Großvater!“

Augenblicklich flossen Tränen über meine Wange: „Er ist…“ „Ich weiß!“, meinte der Junge, „Deswegen bin ich hier! Mein Name ist Leopold! Ich wurde geschickt von… ach verdammt!“ „Was ist?“, ich wischte mir mit dem Handrücken die Tränen aus meinem Gesicht. Leopold beugte sich zu mir herunter (er war zwei oder drei Köpfe größer als ich). „Ich kann es dir hier nicht sagen! Du musst mitkommen!“ Ich nickte, doch dann viel mir Nanny Nini wieder ein. „Wenn ich jetzt mitkomme, sucht die Polizei nach mir, wenn sie das nicht schon tun…“, ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen, als ich Leopolds verdatterten Gesichtsausdruck sah.

„Die Polizei? Wieso das denn?“, fragte er. Ich antwortete: „Meine Eltern haben mir eine Nanny an den Hals gehetzt, die denkt, ich würde keine Schere in der Hand halten können, ohne mich zu verletzen! Sie denkt vermutlich jetzt schon, dass ich mich verlaufen habe oder in der Kanalisation von Ratten zerfleischt werde… Wenn es so wichtig ist, können wir uns morgen treffen!“ Leopold schien innerlich mit sich zu ringen. Es war seltsam mit ihm zu reden. Das mit der Kanalisation und den Ratten hatte ich eigentlich nur erzählt, um die Stimmung etwas aufzulockern, doch bei Leopolds Anblick war ich mir unsicher, ob er überhaupt zugehört hatte. Typisch Jungs, erst fragen und dann nicht zuhören…

„Na gut!“, presste er hervor, „Ich hole dich von der Schule ab! Wenn jemand fragt, bin ich einfach wieder dein Freund! Du darfst niemandem sagen, wer ich wirklich bin!“ „Ich weiß ja selbst nicht, wer du wirklich bist!“, merkte ich an. Leopold lächelte, aber irgendetwas in seinem Gesicht verriet mir, dass ich ihm mächtig auf die Nerven ging. Ich tat so, als würde ich es nicht merken. Was ich von diesem… naja, sagen wir merkwürdigen Jungen halten sollte, wusste ich nicht. „Ich muss wieder gehen! Sag deiner Nanny, dass du weder heute, noch morgen von Ratten zerfetzt wirst und das du dich mit Freunden im Kino triffst… oder sowas!“, Leopold schaute auf seine Armbanduhr. „Bis morgen!“ Er bog mit langen Schritten in eine Seitenstraße ein und lies mich einfach stehen.

„Bin wieder da!“, schrie ich und lies die Tür hinter mir ins Schloss krachen. Sofort stand Nanny Nini vor mir. „Endlich! Ich dachte schon, du wärst in die Kanalisation gerutscht und Pest-infizierte Ratten hätten dich gejagt… in zwei Minuten hätte ich die Polizei angerufen…“ Ich rollte mit den Augen, aber innerlich lachte ich mich schlapp! Mit meiner blutrünstige-Ratten-Theorie lag ich also doch nicht so falsch. Doch so konnte es nicht weitergehen! Ich bemühte mich, so zu klingen, wie meine Mutter, wenn sie dem Personal eine Strafpredigt hielt: „Nanny Nin… Miss Nirina Nirgel, ich freue mich, dass sie sich um mich sorgen, aber ich bin 15 einhalb und muss deshalb darum bitten, dass sie mir etwas mehr zutrauen! Ich werde vermutlich auch die nächsten Tage später kommen! In der Zeit wo ich weg bin, könnten sie sich anderweitig nützlich machen…“ Die kleine Frau sah mich mit großen Augen an. Wenn sie mich jetzt nicht verstanden hatte, würde ich einen Ausraster bekommen. Es war in jüngster Vergangenheit einfach zu viel passiert!

Nanny Nini murmelte eingeschüchtert: „Entschuldigung!“ „Schon gut!“, hatte ich geantwortet, bevor ich in meinem Zimmer verschwunden war. Nein, nicht der Dachboden! Mir war ja jetzt eines der Gästezimmer zugeteilt. All meinen Krempel, inklusive dem Koffer meines Opas, hatte ich schon hineingetragen. Es war ungewohnt. Der komplette Raum war weiß gestrichen. An einer Wand gab es ein großes Fenster. Die Möbel (ein Bett, ein riesiger Schrank und ein Schreibtisch) waren aus Holz. Sehr hellem Holz. Das Zimmer bei meinem Opa hatte weinrote Wände gehabt und die Möbel waren ziemlich unnormal. Mein Bett war Beispielsweise rund gewesen, war bedeckt von unzähligen Kissen und Decken und hatte an dünnen Seilen, die an der Decke befestigt waren, über einer kleinen Bühne gehangen, die man nur über eine schmale Treppe betreten konnte! Das Bett hier war viereckig, schmal und stinklangweilig! Einen Schreibtisch hatte ich in meinem alten Zimmer nicht gehabt und als Kleiderschrank hatte mir ein kleines Nebenzimmer gedient! Kurz gesagt, war mein Zimmer bei Opa cool und das hier… gewöhnungsbedürftig (um nicht fürchterlich hell und auch sonst dämlich zu sagen).

Eindeutig zu viele Jungs für einen Tag

Kapitel 8, Marendie

Was ich nach der Schule tat? Essen natürlich. Letztendlich war es zwar nur ein Salat aus einem kleinen Eckladen und ein trockenes Brötchen vom Bäcker, aber wenigstens etwas. Mit Brötchen und Salat setzte ich mich in einen Park. Genauer, auf eine niedrige Steinmauer, die sich über eine große, grüne Wiese schlängelte. Bäume gab es keine. In unmittelbarer Nähe war eine steinerne Treppe, deren Geländer mich stark an einen Fahrradständer erinnerte. Dort standen ein paar Jungs, allesamt mit Skateboard und schwarzem Gangster-Pulli. Dank reichlicher Erfahrung, wusste ich, dass solche Typen nie von der guten Sorte waren. Solche Cliquen stahlen alten Damen die Handtaschen und baggerten Mädchen an, die alleine oder in Gruppen irgendwo herumhockten. Ach, Mist! Ich saß ja alleine hier… Ich meine, meine Erfahrung hatte ich zwar nur aus zahlreichen Filmen, aber irgendwas war da doch immer dran, oder?

Der Albtraum beginnt

Kapitel 6, Marendie

Schweißgebadet schreckte ich hoch. Dieses Erlebnis… jetzt verfolgte es mich sogar in meinen Träumen! Für alle Realisten, ja es ist passiert! Wirklich, echt, real passiert! Ich wusste ja selbst nicht genau wie, aber wie sollte ich denn auch, wenn alles so unwirklich schien. Unwirklich, so nannte ich es! Die anderen behaupteten, es sei völliger Humbug… Quatsch, es sei verrückt. Ich sei verrückt. Doch ich hatte mir das nicht eingebildet oder gar ausgedacht! Ich war nicht verrückt! Wütend, verwirrt und traurig, ja, aber nicht verrückt!

Nanny Nini

Kapitel 4, Marendie

Schuldbewusst blickte ich in das Gesicht meines Vaters. Dadurch erhoffte ich mir eine Strafminderung, doch damit sah es heute schlecht aus. „Mara, um dir ein für alle mal klar zu machen, dass du nicht stehlen darfst, haben deine Mutter und ich beschlossen dich hier zu behalten. Du wirst hier wohnen bleiben und auch wieder hier zur Schule gehen.“ Ich wusste nicht genau, was ich sagen sollte. Einer Seits war ich belustigt über die Wortwahl meines Vaters. Stehlen! Aber anderer Seits war ich geschockt. Meine alte Schule? Nein, danke! Ich musste mir schleunigst etwas ausdenken… aber was?

Damals

Kapitel 2, Marendie

Marendie
Kapitel 2: Damals
Mein Vater schmiss den Schlüssel geräuschvoll auf den Tisch. Auf der Nachhausefahrt hatte keiner auch nur ein Wort gesprochen. Es war durchgängig still gewesen und das eine knappe halbe Stunde lang. Auch jetzt sprach keiner. Ich deutete an, dass ich auf den Dachboden gehen wollte. Das wunderte meine Eltern nicht, denn da sie immer auf Dienstreise waren und ich früher bei meinem Opa gewesen bin, brauchte ich kein extra Zimmer in meinem Elternhaus. Daher stand auf dem staubigen Dachboden ein Bett, für das ich ehrlich gesagt schon lange zu groß war und eine Art Schrank. Gerade bei diesem sogenannten Schrank zweifelte ich daran, dass meine Eltern reich waren, aber das waren sie… Leider!

Tod?

Kapitel 1, Marendie

Die Wolken waren grau. Sie passten genau zu der Stimmung, hier auf dem Friedhof. Ich wusste nicht so recht, warum meine Mutter mir ins ganze Gesicht schwarze Schminke geschmiert hatte, denn die zerlief eh nur. Alle weinten und schauten auf das dunkle Grab, in das vor wenigen Minuten der Sarg meines Opas gelegt wurde. Da entdeckte ich einen von den Typen, die immer das Testament vorlassen. „Jupter Mike Gentie ist vor wenigen Tagen von uns gegangen. Mein herzliches Beileid. Bevor ich nun sein Testament verlese, halten wir eine Schweigeminute ab.“, sagte der Mann und auf einmal waren alle Still. Ich war noch nie auf so einer Beerdigung gewesen. Es machte mich alles hier sehr traurig und diese merkwürdige Schweigeminute kam mir vor, als wäre es in Wirklichkeit eine Schweigestunde. Endlich begann der Mann wieder zu sprechen. Er las das Testament vor.