Balkonszene

Kapitel 20, Zeitquälerei

Wie ich an diesem Abend nach Hause kam, war mir ein wahres Rätsel, kaum dass ich vor der Haustür stand. Drinnen erwartete mich ein mies gelaunter Gabriel, der zur Abwechslung mal die Klappe hielt und mir all die Vorwürfe stattdessen mit den Augen machte.

Mein Treffen mit Jack und Max hatte mich etwas aus der Bahn gehauen, weshalb ich auf einen bissigen Kommentar verzichtete. Ich schlüpfte aus meiner Jacke, hing sie ordentlich an einen der dafür vorgesehenen Hacken an die Wand und wollte schon wortlos in mein Zimmer verschwinden, als mich plötzlich jemand am Arm zu fassen bekam.
In Erwartung von meinem Bruder festgehalten zu werden, fuhr ich herum, nun doch einen fiesen Spruch auf den Lippen: „Ich habe dem Massenmörder meine Handynummer gegeben, damit wir das Rendezvous auf einen passenderen Nachmittag verschieben können.“
„Wo hast du gesteckt?“, es war keinesfalls Gabe, der mich wütend anherrschte, wie ein Fleischer einen diebischen Straßenköter. Unwillkürlich musste ich schlucken. Ich hatte keine Ahnung, wo sie herkam, aber vor mir stand Talita! In dieser Zeit war sie das genaue Gegenteil von der freundlichen Person, die mir von Maria in Juas Atelier vorgestellt wurde.
Bei ihrem Anblick zog sich mein Magen schmerzhaft zusammen. Gleichzeitig schrillten in meinem Kopf panische Alarmglocken los. Sie wusste es! Wir hatten bei dem Treffen in der Vergangenheit offen darüber geredet, gescherzt, die drei würden damit Simikolon hintergehen!
Da kam mir ein weiterer Gedanke. Talita, also Ms Hill, hatte es schon bei unserem ersten Aufeinandertreffen an meinem Geburtstag gewusst. War es vielleicht ihr geschuldet, dass ich heute auf dem Heimweg von der Schule verfolgt wurde?
Nein, das ergab keinen Sinn! Der Typ hatte mich zum ersten Mal zu beschatten versucht – er war also definitiv als Vorsichtsmaßnahme nach den Vorfällen auf dem Ball geschickt worden. Oder gab es da womöglich noch andere?
Auch unwahrscheinlich, denn dann hätte man mich sicherlich schon ertappt. Es war also davon auszugehen, dass Talita mich noch nicht verraten hatte. Dieser Umstand verwirrte mich noch um einiges mehr, weil sie als 17-jährige ein nettes Mädchen gewesen war und mich jetzt so hasserfüllt anstarrte, als hätte ich ihre geliebte Katze überfahren.
„Ich frage dich noch ein letztes Mal“, kündigte sie mit drohender Stimme an, „Wo warst du bis jetzt?“ „Ist diese direkte Konfrontation nötig, Lita?“, mischte sich eine andere Stimme ein. Sie gehörte zu einem Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Toll, noch ein neues Gesicht!
Naja, so neu war es im Grunde doch nicht, denn er sah Talita unheimlich ähnlich. Bevor ich meine Gedanken weiterspinnen konnte, fauchte die Angesprochene ihr männliches Duplikat an: „Halt dich da raus, Marc! Ich habe dir gesagt, dass du nur mitkommen darfst, wenn du mir nicht dazwischen funkst!“
„Sie ist doch nur ein Teenager!“, entgegnete dieser Marc mutig. Ich erhaschte einen Blick auf Gabe. Daneben hatte sich zu meinem Unglück auch noch Krissy aufgebaut, die die ganze Szenerie mit einem erhabenen Lächeln kommentierte. Ohne auch nur ein Wort sagen zu müssen, schürte sie den plötzlich aufkeimenden, innigen Drang ihr die Augen auszukratzen. Das ganze trug eindeutig ihre Handschrift.
Mit einem unendlich finsteren Gesichtsausdruck riss ich mich von Talita los. Ihr Kopf schnellte im selben Moment wieder zu mir, sodass sie allen anderen Anwesenden den Rücken kehrte. Sie zwinkerte mir kurz zu – eine Geste von nicht mal einer Sekunde und dennoch so eindringlich, als würde sie mir unsere von meiner Seite aus unerwartete Kooperation in Form eines schriftlichen Vertrags unter die Nase reiben.
Positiv überrascht von meiner eigenen Reaktionsgeschwindigkeit zeterte ich los: „Wieso wollen in letzter Zeit immer alle wissen, wann ich wo stecke? Wenn ihr euch so dermaßen für mein Leben interessiert, dann implantiert mir einen Ortungschip in den Hintern und erfreut euch an den Aktivitäten einer 17-jährigen, die möglichst wenig Zeit mit der Horde durchgeknallter Spinner zu tun haben will, die in ihrem neuen Zuhause ständig herumlungern!“
„Alex!“, zischte Gabe. Krissy verdrehte hochnäsig die Augen und Marc unterdrückte doch tatsächlich ein Kichern.
„Ich denke, über diesen Vorschlag sollten wir ehrlich nachdenken“, Talitas Stimme war keinesfalls harmloser geworden und dennoch spürte ich unterschwellig, dass die darin mitschwingende Feindseligkeit mir gegenüber nur vorgetäuscht wurde, „Vor allem nachdem uns Krissy darüber informiert hat, du wärst im Besitz von Gegenständen, die deine intellektuellen Fähigkeit weit überschreiten und die dir zusätzlich nicht einmal gehören.“
„Wie gründlich muss Simikolon eure Hirne gewaschen haben, dass ihr allen Ernstes an so einen Schwachsinn wie Zeitreisen glaubt?“, stieß ich hervor. Talita drehte sich wieder halb zu den anderen um: „Sie weiß offensichtlich genau, wovon wir reden. Bin ich die einzige, die das seltsam findet?“
Nun trat Krissy vor und wandte sich mit zuckersüßer Stimme direkt an mich: „Wir alle können uns sehr gut vorstellen, dass du verwirrt und verängstigt bist, Alex, aber wir sind auch alle hier, um dir zu helfen.“
„Kurze Zwischenfrage! Fällt dir auf, dass du perfekt das Irrenhaus repräsentierst, in dem ich mich befinde? Genauso war das auch heute morgen beim Frühstück! Ihr fragt euch, wieso ich jeden Tag so lange weg bin? Vielleicht liegt es ja daran, dass ihr alle vollkommen gaga seid!? Ich meine – Zeitreisen? Ihr solltet euch allesamt lieber schleunigst einen verdammt guten Therapeuten suchen oder am besten gleich einen festen Platz in der Klapse!“
Damit drängelte ich mich an allen vorbei zur Treppen. Diese stampfte ich extra laut nach oben und knallte die Luke hinter mir zu. Eigentlich war es mein Plan, etwas schweres von oben darauf zu stellen, aber sie ließ sich dummerweise nach unten öffnen und wenn ich den nächsten unangemeldeten Gast nicht mit einer Gehirnerschütterung davon abbringen wollte, mich zu stören, sollte ich mir etwas anderes überlegen.
Ich entschied mich dafür, einen eisernen Ring zu nutzen, der mir bis dato nur als Griff gedient hatte. Nach kurzem Suchen fand ich eine Stange aus angelaufenem Metall, die perfekt hindurch passte. Jetzt musste ich die Stange nur noch so legen, dass sie jeden daran hinderte, die Klappe von unten aufzuziehen.

Den Rest des Nachmittags nutzte ich für die Schule. Bei dem Berg an Aufgaben war ich versucht, mir den nächstbesten Erwachsenen zu krallen und ihn dazu zu bringen, mir eine Entschuldigung für nicht erledigte Hausaufgaben zu schreiben. Wie sollte ich mich denn bitte auf Rohstofflagerstätten und deren Nutzungen konzentrieren, wo mein Kopf doch gefüllt mit Zeitreisekram war?
Mein kleines Drama nach dem Nachhausekommen hatte offensichtlich Eindruck hinterlassen, denn bis zum Abend wurde noch nicht mal versucht, die Luke zu öffnen. Gerade als ich meinen Erdkundehefter schloss, änderte sich das jedoch. Es klopfte.
Meine Gereiztheit, die von einer mehrstündigen Recherche zum Thema Risiken einer wirtschaftliche Monostruktur herrührte, herunter schluckend, schlurfte ich in den Flur, entfernte den Stab und drückte die Klappe nach unten. Weil ich nicht wusste, wer dort stand, tat ich dies recht langsam.
Gabe wartete geduldig, bis ich ihm ganz geöffnet hatte. Dann zog er sich in einer geschmeidigen Geste nach oben, als würde ihn eine unsichtbare Macht tragen. Nachdem er die Klappe wieder zu gezogen hatte, drehte er sich zu mir um.
Wortlos ging ich zurück ins Zimmer, um mich auf das breite Bett fallen zu lassen. Mein Bruder folgte mir, setzte sich aber wesentlich gesitteter auf den Rand der Matratze. Ich pikste ihm mit dem Fuß in die Seite und mit einem gespielten Seufzen ließ nun auch er sich rücklings sinken, bis wir nebeneinander an die Decke starrten.
Eine Weile lang lagen wir einfach so da, sagten nicht und hingen beide unseren ganz eigenen Gedanken nach. Wir waren uns aber beide bewusst darüber, dass wir viel zu besprechen hatten und so rang sich Gabe dazu ab, anzufangen: „Talita und Marc sind wieder gegangen. Ich habe sie gebeten, dich nicht länger mit unseren Aufgaben in Verbindung zu bringen und sie wollen das mit den anderen besprechen.“
„Wie hast du das denn geschafft?“, fragte ich verwundert, „Du allein gegen drei.“ „Zwei!“, verbesserte er mich. Ich rollte den Kopf auf die Seite, um ihn ansehen zu können. Er tat es mir gleich, sodass sich unsere Blicke trafen.
„Marc war ebenso wenig von Krissys Verdacht überzeugt wie ich und er ist schließlich Talitas Zwillingsbruder. Nur ihm ist es zu verdanken, dass sie sich wieder beruhigt hat, nachdem du deinen Wutanfall bekommen hast“, er rollte sich rechtzeitig zur Seite, um meinem Schlag zu entgegen.
Wir beide lachten und ich mimte die entrüstete: „Was heißt hier Wutanfall? Ich habe eine zivilisierte Unterhaltung mit einer Gruppe Verrückter geführt, soweit das eben möglich war.“ Bei mir war das alles noch Spaß, aber mein Gabes Blick wurde nachdenklich.
„In letzter Zeit bist du oft wütend. Ich kann verstehen, dass die ganze Sache mit Oma und Simikolon schwer für dich ist, aber da ist noch mehr, stimmt‘s?“, ein Schwall ungezügelten Mitleids überrollte mich und wir wussten beide nur zu genau, was er damit meinte.
Ich seufzte: „Magst du sie echt?“
„Alex, sie ist doch auch deine Freundin…“
„Nein, Brüderchen, das war sie nie! Sie hasst mich!“
„Das glaube ich nicht! Sie macht sich Sorgen um dich und drückt sich da eben manchmal etwas unbeholfen aus.“
„Du hast nicht auf meine Frage geantwortet! Magst du sie?“
„Mehr als das!“, er versuchte Blickkontakt zu mir herzustellen, aber ich hatte daran wenig Interesse. Einerseits gehörte Gabe zu den Menschen, die ich am meisten liebte und auch zu dem kleinen Kreis derer, die mich ernst nahmen, aber andererseits hasste ich ihn dafür, dass er etwas mit Krissy anfing und sie dann auch noch in Schutz nahm.
Die anfängliche Belustigung ließ schlagartig nach und ich setzte mich auf. Meinen Blick richtete ich demonstrativ auf den Boden, womit ich Gabe unmissverständlich zu verstehen gab, er solle mich allein lassen. Er verstand es und verließ ohne ein weiteres Wort den obersten Stock.
Circa zwei Minuten nachdem er gegangen war, verriegelte ich wieder die Klappe. Sicher war sicher, denn wer wusste schon wer noch kommen würde, jetzt da Gabe vorerst alles gesagt hatte. Da nur noch eine Person übrig blieb und diese Person Krissy war, überlegte ich einen Moment, ob ich nicht doch auf die Variante mit dem schweren Gegenstand zurückkommen sollte, doch da ertönte der Klingelton meines Handys aus dem Zimmer.
Ich beließ es bei dem Stab und nahm stattdessen das Handy in die Hand. Die Nummer, die auf dem Display prangte, kannte ich zwar nicht, aber ich entschloss mich dennoch dazu, ran zugehen: „Hallo, mit wem habe ich das Vergnügen?“
„Mit dem Prinz aus Euren Träumen, holde Maid“, sein Feixen war Jack selbst über das Telefon anzuhören. Ein breites Grinsen schlich sich auf mein eigenes Gesicht, ohne dass ich es verhindern konnte: „Sehr charmant, doch Ihr seid leider nur ein ärmlicher Kurprinz und nicht der Erbe eines echten Königreichs.“
Keine Ahnung wie es dazu gekommen war, doch irgendwie schien mir unsere Definition von Humor dieselbe zu sein. Noch immer war ihm seine Belustigung problemlos anzuhören: „Vielleicht wusstet Ihr es nicht, aber jeder König versuchte damals ein ausgezeichnetes Verhältnis zu seinen Kurfürsten zu wahren, weil diese ihn entmachten konnten, weshalb er stets auf ihr Wohlbefinden aus war.“
„Ich bin mir über verschiedene Adelstitel und deren Ränge durchaus bewusst, Majestät. Verratet mir lieber, wie Ihr an meine Nummer gekommen seid“, forderte ich schmunzelnd. Seine Antwort kam fast sofort: „Mary hat sie mir gegeben und jetzt bin ich auf dem Weg zu dir.“
Blinzelnd wiederholte ich im Kopf, was er gerade gesagt hatte. „Du bist auf dem Weg hierher?“, fragte ich laut, wobei mir ein kalter Schauer über den Rücken lief, „Aber Gabe und Krissy sind hier! Sie würden dich ganz sicher erkennen!“
„Keine Sorge! Ich werde ja nicht durch die Vordertür hereinspazieren, sondern den Besuchereingang nehmen“, beruhigte er mich. Jedenfalls war das seine Intension, jedoch verursachte das in mir noch mehr Fragen. Dieses Haus besaß einen Besuchereingang? Wieso wusste Jack davon?
Bevor ich auch nur eine meiner vielen Fragen aussprechen konnte, meinte Jack: „Riegel den Dachboden ab. Dann sei so lieb und stell dich auf den Balkon.“ Damit hatte er auch schon aufgelegt. Mir blieb nichts weiter übrig, als seinen Aufforderungen nachzukommen. Da die Klappe bereits gegen weitere Überraschungsgäste gesichert war, trat ich sogleich auf den Balkon hinaus.
Die warme Sommerluft strich sanft über meine Haut. Irgendwo in der Gegend musste gerade eine Grillparty stattfinden, denn es roch herrlich nach gegrilltem Fleisch und Gemüse. Ein Hund bellte. Hinter dem Horizont senkte sich die Sonne bereits gen Boden, während sie die umliegenden Wölkchen in einem faszinierenden Spiel aus den verschiedensten Rot-, Orange- und Gelbtöne einfärbte.
Langsam löste ich meinen Blick vom Himmel und ließ ihn zu der grün blühenden Wiese unterhalb meines Balkons schweifen. Ich hatte mir nicht vorstellen können, was ich hier eigentlich sollte, doch als mir ein selbstbewusster Jack entgegen grinste, ging mir so langsam ein Licht auf.
Zunächst aber ließ er es sich nicht entgehen, sich auf ein Knie fallen zu lassen und mit überdeutlichen Mundbewegungen ein Werk zu zitieren, dass ich auf Anhieb erkannte. Was er mir da stumm vortrug, war die Balkonszene aus Shakespeares „Romeo und Julia“. Ich verdrehte theatralisch die Augen und Jack erhob sich wieder. Nun war sein diebisches Grinsen noch breiter, ja beinahe endlos.
Er legte einen Finger an die Lippen, um mir zu bedeuten, nichts zu sagen. In der Hauswand unter mir waren zwar keine Fenster eingelassen, durch die die anderen Jack womöglich entdecken könnten, aber die lautstarke Vertonung eines Herzstillstandes meinerseits würde die Bewohner wohl auf andere Weise anlocken. Das ganze war kein Witz! Mein Herz machte wirklich einen Satz, als nun kein Zweifel mehr an Jacks Absicht bestand.
An den beiden Ecken, an denen mein Balkon nicht an der Hauswand festgemacht wurde, stützte er sich auf zwei fein gearbeitete Säulen. Daran wuchsen dunkelgrüne Ranken hinauf und verschönerten den Anblick normalerweise. Heute konnte ich jedoch weder in den so hübsch gestalteten Säulen, noch in dem Gewirr aus Pflanzen etwas Schönes entdecken.
Alles was ich nun sah, war wie Jack mühelos in die Ranken griff und sich an der Säule nach oben zog, als sei es ein Kinderspiel. Das hatte er also mit Besuchereingang gemeint…

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