Abgemacht!

Kapitel 11, Zeitquälerei

Hart wurde ich durch ein blaues Nichts geschleudert. Ein Strudel in der Farbe von Tinte umwirbelte mich so schnell, dass mir schwindelig wurde. Nach nur einer Sekunde verschwand das Blau auch schon wieder aus meinem Blick und stattdessen mischten sich viele verschiedenen Brauntöne hinein.

Ehe ich mich recht versah, landete ich bäuchlings reichlich unsanft und mit einem kurzen, erschrockenen Aufschrei auf festem Holzboden. Ich versuchte den Aufprall noch mit Händen und Füßen abzufedern, aber es half nicht. Ich knallte erbarmungslos hin.
Kaum war ich gelandet, rappelte ich mich auch schon wieder hoch. Adrenalin pumpte durch meine Adern und Schwindel hatte sich in meinem Kopf festgesetzt. Ich schwankte leicht und griff nach dem nächstbesten Gegenstand, um daran Halt zu finden, doch dieser Versuch ging dermaßen in die Hose, dass ich über meine eigenen Füße stolperte und wieder auf dem Boden landete.
Meine noch immer offenen Haare versperrten mir die Sicht. Ich strich sie mir unbeholfen hinter die Ohren, nur um mir eine Sekunde später zu wünschen, dass ich es nicht getan hätte. Jetzt, wo ich mein Umfeld klar sehen konnte und das Schwindelgefühl langsam aus meinem Kopf verschwand, erkannte ich eine Person, die mich bisher nur erschrocken gemustert und keinen Ton von sich gegeben hatte.
Ihre Augen hatten die Farbe von Karamell, die Haare waren nussbraun und auch alles andere – sie sah Gabe und mir unglaublich ähnlich! Da ich mich selbst jedoch gerade erst gesehen hatte, konnte ich definitiv sagen, dass es sich hierbei um eine andere weibliche Person in meinem Alter handelte.
Eine plötzliche Eingebung ließ mich zurück auf die Worte in meinem Notizbuch starren. Trotz meinem ausreichend in Mathe rechnete ich blitzschnell zurück. Das Ergebnis durchfuhr mich wie ein Schlag: „Mum?“
Das Mädchen vor mir war höchstens 17 Jahre alt und starrte mich verständlicherweise ziemlich verdattert an. Ich war aber auch dumm! Erst fiel ich aus einem Strudel blauen Lichtes, dann taumelte ich herum wie eine Betrunkene und jetzt rief ich nach meiner Mutter! Ging es noch ein wenig seltsamer?
Ja!
Statt mich schockiert anzustarren oder gleich die Klapse zu informieren, eilte die andere auf mich zu und half mir auf die Beine. Von nahem erkannte ich, dass sie mir ähnlicher sah, als auf den ersten Blick erkennbar. Dennoch war sie nicht ich!
„Alex, richtig?“, sie lächelte. Verdammt! Jetzt war definitiv ich diejenige, die gern eine geschlossene Anstalt am Telefon hätte, um mich selbst einzuweisen. Woher zum Teufel kannte sie meinen Namen?
Vor lauter Aufregung breitete sich Übelkeit in meinem Körper aus und ich könnte schwören, dass ich in Schockstarre verfallen war. Dennoch musste ich genickt haben, denn das Mädchen vor mir vertiefte ihr Lächeln: „Mein Name ist Maria Mails, aber ich glaube, das weißt du eh schon!“
Ich konnte nichts anderes tun, als sie anzustarren. Wenn ich mit der 17-jährigen Version meiner Mutter in einem Raum stand, dann war ich gerade tatsächlich in der Zeit gereist! Mithilfe eines einfachen Ringes und einem Füller! Nur wie…?
„Das ist deine erste Zeitreise, was?“, fragte die jüngere Version meiner Mutter mit einem belustigten Grinsen. Ich nickte steif. Irgendwie machte sich mein Mund selbstständig und begann auf einmal damit, zusammenhangslose Worte zu stammeln: „Friedhof…Ring…mich selbst…da…Geschenke…und dann blaues Licht…“
„Keine Sorge, so geht es uns allen nach dem ersten Mal!“, sie zog mich zu dem Stuhl vor dem Schreibtisch und drückte mich sanft darauf, „Entschuldige, dass ich so blöd grinse, aber als ich die Nachricht bekommen habe, ich solle mich heute um genau diese Uhrzeit hier einfinden, habe ich eher damit gerechnet… naja, ich dachte nicht, dass ich meine Tochter treffen würde!“
Ich zuckte leicht zusammen: „Du weißt also von mir?“ Sie nickte und zwinkerte mir dann verschwörerisch zu. „Gabe hat mir mehr erzählt, als die Vorschriften erlauben. Natürlich ohne das Einverständnis oder Wissen von Simikolon!“
Jetzt setzte mein Hirn komplett aus. Gabe? Simikolon? Vorschriften? „Du kennst also auch meinen Bruder… deinen Sohn?“, der reguläre Satzbau fiel mir auf einmal alles andere als leicht. Das mochte daran liegen, dass sich mein Kopf so anfühlte, als würde er gleich Platzen wie ein prall gefüllter Luftballon.
Maria hob die Schultern: „Ich werde zwei Kinder haben. Dich und Gabe, aber dich werde ich nicht selbst aufziehen. Mum wird das für mich erledigen, weil Simikolon dich von seinen Geheimnissen fern halten will. An deinem 17 Geburtstag – ich nehme stark an, dass der in deiner Zeit heute ist, also alles Gute – wirst du etwas von mir bekommen, das deinem Bruder wahnsinnige Angst macht. Er hat mich erst vor zwei Tagen besucht und mir erklärt, dass es nicht mehr weit bis zu deinem Geburtstag ist.“
Sie sah mich an, als würde sie bei dem Ganzen wirklich durchblicken. Bei mir dauerte es einen Moment, bis ich ungefähr verstand, was sie gerade erklärt hatte. Ehe ich jedoch fragen konnte, redete sie bereits weiter.
„Da du hier bist und das deine erste Zeitreise ist, schätze ich mal, dass ich dir mein magisches Zeitreiseartefakt vermacht habe, nachdem ich gestorben bin“, sie seufzte, „Keiner meiner Besucher aus der Zukunft hat es mir je sagen wollen, aber es ist so offensichtlich!“
Statt traurig oder beklommen zu sein, lachte sie auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich mich an der Stuhllehne festgekrallt hatte. Mein Blick musste noch immer ziemlich verständnislos sein. Woher wollte sie bitte wissen, dass sie sterben wird, wenn es ihr bisher niemand erzählt hat?
Maria deutete meinen Blick ganz richtig: „Gabe wird aus deiner Zeit in meine geschickt, um mit mir Missionen durchzuführen. Das wäre nicht nötig, wenn ich in eurer Zeit noch am Leben wäre!“
Ich nickte langsam. Keine Ahnung wie, aber irgendwie machte das in meinen Ohren Sinn. Trotzdem verstand ich nicht, wieso meine Mutter kein bisschen traurig zu sein schien. Würde mir jemand sagen, dass ich in einigen Jahren sterben würde… okay, schlechtes Beispiel! Ich würde denjenigen definitiv für verrückt halten und ihm kein Wort glauben.
„Bleibt nur noch eine Frage offen: Wieso bist du hierher gekommen?“, sie legte den Kopf schräg und sah mich interessiert an. In ihren Augen funkelte durchgängig ein munteres Lächeln, dass sie mir unfassbar sympathisch machte.
Langsam beruhigte ich mich wieder und war in der Lage, halbwegs klare Gedanken zu fassen: „In meiner Zeit wurde ich von einem Mister Wilson hier runter geschickt und dann habe ich mich selbst gesehen!“
„Ein älteres Du hat dich besucht und dir dieses Datum gegeben?“, sie grinste schief, „Jetzt verstehe ich auch, wieso du so verstört aussiehst! Außerdem ist das der endgültige Beweis, dass wir verwandt sind. Es verstößt nämlich gegen jede einzelne, existierende Regel von Simikolon!“
Ich schluckte schwer. Obwohl sie diese Organisation auch davor bereits mehrfach erwähnt hatte, lief mir erst jetzt ein kalter Schauer über den Rücken. Erst nach einem Räuspern brachte ich einen hörbaren Ton über die Lippen: „Nur, dass ich nicht zu Simikolon gehöre!“
Meine Aussage schlug ein wie eine Bombe. Maria blinzelte mich verblüfft an. Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht und stattdessen trat eine nachdenkliche Falte auf ihr Gesicht. Das schien eindeutig neu für sie zu sein.
Eine Weile lang war es still. Maria – die Tatsache, dass sie ebenso alt war wie ich, verhinderte, dass ich in ihre ein jüngeres Abbild meiner Mutter sah – schwieg lange, bevor sie den Mund erneut öffnete: „Das heißt, ich werde Simikolon hintergehen?!“
„Ich… also, das andere ich hat gesagt, dass ich in meiner Zeit niemandem vertrauen darf. Du würdest mir helfen. Sie meinte…“, ich schluckte. Es kam mir hoffnungslos vor, doch Maria wischte mit einer einzigen lässigen Handbewegung all meine Zweifel weg: „Keine Sorge! So langsam kapiere ich, was hier läuft!“
Auf ihrem Gesicht blitzte wieder ein Grinsen auf. Diesmal war es frech und stolz. Ich hievte mich von dem Stuhl hoch und stand nun mit ihr auf einer Augenhöhe. Maria legte mir beide Hände auf die Schultern und ich hatte auf einmal das merkwürdige Gefühl, ein Teil ihrer positiven Energie würde auf mich übergehen.
„Je klarer dir die Sache wird, desto weniger verstehe ich selbst!“, gab ich murrend zu, konnte aber wenigstens wieder normal sprechen. Maria lachte: „Seit Tagen habe ich das merkwürdige Gefühl, etwas würde nicht stimmen! Ich habe geheimnisvolle Botschaften bekommen und hatte andauernd das Gefühl, beobachtet zu werden! Du wurdest von dir selbst zu mir geschickt!“
Ich sah sie verwirrt an. Welchen Zusammenhang wollte sie bitte zwischen dem und allem anderen sehen? Für mich lang der eine nach Paranoia und Vergesslichkeit und das andere einfach nur hirnrissig und verrückt!
„Verstehst du nicht, Alex?“, fragte sie doch allen Ernstes, „Wir beide haben selbst hierfür gesorgt! Ich weiß zwar nicht genau wieso, aber wir sollen uns scheinbar zusammentun!“ „Wofür denn zusammentun?“, wollte ich wissen.
Mir wurde wieder schmerzlich bewusst, dass ich die Dumme in diesem Spiel war. Die, die nichts wusste und im Dunklen tappte. Maria dagegen schien so einiges von alledem hier zu verstehen. Sie war… Moment!
„Das ist es!“, rief ich begeistert, „Ich bin vollkommen ahnungslos, darf niemandem vertrauen und habe keinen blassen Schimmer von Zeitreisen!“ Mir entfuhr ein hysterisches Lachen, das eine von Marias Augenbrauen in die Höhe katapultierte. Jetzt war sie die ahnungslose!
Ich packte sie bei den Händen und drückte ihre fest: „Mein älteres Selbst sagte, dass ich dir vertrauen soll! Du wirst mir die richtigen Leute vorstellen und kannst mir alles über Zeitreisen beibringen! Das hier soll kein einmaliges Treffen sein, sondern nur für diese Erkenntnis sorgen, damit wir uns wieder treffen können!“
Langsam wanderte Marias Augenbraue wieder an ihren Ausgangspunkt zurück. Sie dachte kurz nach, dann funkelten ihre Augen und sie schenkte mir ein strahlendes Lächeln: „Abgemacht!“

Als ich die Haustür hinter mir ins Schloss zog, kam mir ein völlig besorgter Gabriel entgegen geschossen. Er schlang fest die Arme um mich und zerquetschte mir so beinahe die Rippen. Zwar war ich ein wenig verwirrt, ließ ihm aber kurz Zeit, bevor ich ihn von mir schob.
„Wo bist du gewesen?“, fragte er lauter, als ich es für nötig hielt. Nun war es an meiner Augenbraue in Richtung meines Haaransatzes zu schießen: „Was? Wieso?“
„Hast du eine Ahnung wie spät es ist?“, nur einen Dezibel lauter und er hätte mich angeschrien! Ich nickte: „Kurz vor neun! Läuft in der Gegend ein Serienkiller frei rum oder wieso brüllst du mich so hysterisch an?“
Gut, das war eine Übertreibung, aber Gabe übertrieb schließlich auch. Seine Reaktion auf meine freche Antwort war ebenfalls völlig überzogen: „Du warst stundenlang verschwunden! Dir hätte sonst was passieren können!“
Ich kniff die Augen zusammen: „Wer bist du und was hast du mit meinem Bruder gemacht?“ „Verkneif dir die Witze, Alex!“, stöhnte Gabe und fuhr sich mit einer Hand durch sein nussbraunes Haar. Die Geste wirkte ruhelos. An den alten, lässigen Gabriel Mails erinnerte nur noch das Aussehen.
„Ich habe mir Sorgen gemacht!“, er sprach das Offensichtliche direkt an, „Du hättest anrufen können oder wenigstens eine Nachricht senden! Wenn du das nächste Mal durch einen dir vollkommen fremden Stadtteil spazierst, dann nimm jemanden mit, der sich auskennt!“
„Kauf mir doch gleich ein GPS-Halsband, Mummy!“, entgegnete ich schnippisch. Was war nur in ihn gefahren? Er wollte gerade antworten, da trat eine Person aus der Küche und kam ihm zuvor: „Gabriel, lässt du mich kurz allein mit deiner Schwester?“
Es war Granny Berrypie. Ich konnte nicht erkennen, welche Intention hinter ihren Worten standen, aber von ihr ging eine Ruhe aus, die Gabe schließlich dazu brachte, mir den Rücken zuzuwenden und über die Treppe ins zweite Stockwerk zu verschwinden. Die ältere Dame winkte mich lächelnd zu sich und verschwand dann wieder in der Küche.
Ich folgte der stummen Aufforderung. In der Küche stellte Granny Berrypie gerade einen Teller mit einem Stück der Torte auf den Esstisch, die ich bereits heute Nachmittag gesehen hatte. Sie warf mir ein Lächeln zu: „Dein Bruder hat mir meinen Spitznamen nicht grundlos gegeben.“
Etwas zögernd setzte ich mich. Granny Berrypie reichte mir eine Gabel und nahm mir gegenüber Platz. Bevor ich die wirklich appetitlich aussehende Torte anrührte, musste ich jedoch noch unbedingt etwas fragen: „Wissen Sie was gerade mit Gabe los war? So habe ich ihn wirklich noch nie erlebt!“
„Bitte, du musst mich nicht siezen“, lächelte sie freundlich, dann antwortete sie auf meine Frage, „Seitdem er vom Hauptquartier zurück ist, benimmt er sich ein wenig merkwürdig. Manchmal kommt es vor, dass Zeitreise zu lange in einer Zeit bleiben. Dann sind sie für die nächsten Stunden etwas neben der Spur. Wahrscheinlich macht Gabriel sich aber einfach nur Sorgen, weil du dich wirklich hättest verlaufen können. Die Straßen hier sehen oft ähnlich aus und sind schwer auseinanderzuhalten.“
Ich nickte gedankenverloren. Unbewusst hatte mich Granny Berrypie gerade gewarnt. Die Sache mit den zehn Stunden sollte ich wohl wirklich ernst nehmen, denn so wie Gabe gerade wollte ich nun wirklich nicht enden.

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