Eine unerwartete Wendung

Kapitel 1, Zeitquälerei

Ich stand schlotternd auf dem Schulhof und hoffte inständig auf das Klingeln, das mich vor einer fiesen Sommererkältung bewahren würde. Neben mir stand Krissy, eingehüllt in eine dickere Strickjacke. Diese passte natürlich perfekt zu dem Rest ihres Outfits, das sie obendrein vor dem kalten Wind schützte, der uns umfing.
In meinem kurzärmligen Oberteil versuchte ich angestrengt nicht zu zittern. Auch meine Hose war für diesen Tag alles andere als praktisch gewählt. An beiden Knien zierten sie große Löcher, durch die der Wind meine Beine hinaufkroch. Normalerweise war ich gar nicht so eine Frostbeule, doch es schien, als wolle mich das Wetter heute eines Besseren belehren…
„Ich hab dir doch gesagt, dass du in diesem Aufzug frieren wirst, Alex.“, meinte Krissy vorwurfsvoll. Gerade so konnte ich mir ein entnervtes Stöhnen verkneifen und rollte zu meiner eigenen Überraschung noch nicht mal mit den Augen.
Vermutlich waren sie mir einfach im Kopf festgefroren! Ich antwortete mit etwas zittriger Stimme: „Ja, Mama!“ Mein Grinsen konnte ich daraufhin aber nicht verstecken. Sie allerdings gab nur ein verächtliches Schnauben von sich und drehte sich weg.
Krissy als meine Freundin zu bezeichnen, fiel mir etwas schwer. Aber sie war es wohl – irgendwie. Anderen Zuneigung oder ähnliches zu zeigen, war nicht so ihr Ding, solange sie kein spezifisches Anliegen hatte. Das war nur einer der Gründe dafür, dass sie nur mich hatte, was zugegebenermaßen auf Gegenseitigkeit beruhte.
Wir beide waren die Außenseiter in der gesamten Schule. Sie, weil alle (mich eingeschlossen) neidisch auf ihre Fähigkeiten waren: Egal womit Krissy begann – eine neue Sportart, Malen, Schauspielern oder das einfache Auswendiglernen von 12 Seiten langweiligster Physik – nach spätestens einer Woche beherrschte sie alles perfekt. So, als hätte sie noch nie etwas anderes getan. Die Dinge, die sie schon konnte, litten nicht unter dem neuen Talent.

Ich selbst bin 16 Jahre alt. Mein Name ist Alexandria Mails, aber die meisten nennen mich Alex. Im Ausprobieren neuer Dinge eine Niete, einer dieser Menschen, die immer im Schatten der anderen stehen und obendrein Geschichtsfanatikerin – eine Streberin also, was dieses eine Fach angeht.

Wie man sich vermutlich bereits denken konnte, trug keines meiner Hobbys und Talente zu einer allgemeinen Beliebtheit unter gleichaltrigen bei. Zudem sah ich auch nicht wirklich gut aus. Mir wurde zwar von gewissen Personen immer wieder gesagt, dass das absolut nicht stimmte, aber vermutlich war das so ein Teenager-Mädchen-Ding.
Jeden Tag trug ich den gleichen, schlampigen Dutt, der auf meinem Kopf thronte, wie ein fetter Vogel, der sich auf einem Strommast nieder gelassen hatte und schon allein diese Tatsache regte mich an mir selber tierisch auf.
Während Krissys Haare blond, schulterlang und einfach Engelsgleich waren, hatten meine eigenen eine zugegebenermaßen hübsche, schokoladenbraune Farbe. Im offenen Zustand – den sie nur bei mir zuhause genossen – waren sie glatt und gingen mir fast bis zur Hüfte.
Meine Klamotten waren zwar ganz cool, aber ich folgte keinen aktuellen Trends. Was Makeup anging, nutzte ich meist nur Wimperntusche. Einen genauen Grund dafür gab es eigentlich nicht, denn alle anderen Mädchen in meinem Alter malten sich Tag für Tag voll mit solchem Zeug.
Generell könnte man sagen, dass ich meinen werten Klassenkameradinnen (ich besuchte übrigens eine reine Mädchenschule) eher negativ auffiel. Meine Vorstellungen und Ansprüche an mein eigenes Leben deckten sich an den wenigsten Stellen mit den ihren.
So verbrachten die meisten anderen ihre Freizeit zum Beispiel damit, männlichen Wesen hinterher zu gaffen und zu schmachten, während ich meinen Fokus lieber auf andere, wichtigere Dinge legte. Ich liebte es unter anderem zu lesen, was erklärte, wieso ich in meiner Freizeit sehr oft die Stadtbibliothek besuchte.
Das Gute am Lesen war, dass man es allein tat. Wenn es so weiterging, dann hätte ich bestimmt bald jedes einzelne Buch gelesen, das es dort gab. In der Hinsicht stellte sich mir irgendwann jedes Mal dieselbe Frage: Wäre das denn wirklich ein Problem?
Ich müsste mir neue Hobbys suchen, aber ich hatte keinen blassen Schimmer, was das sein sollte. Entweder das lag daran, dass ich noch nie etwas ausprobiert hatte oder ich wollte einfach verhindern, mich vor aller Welt zu blamieren.
Dieses Problem hatte Krissy sicher nicht! Auf jede Person, die nicht auf unsere Schule ging, wirkte sie wie ein ordentliches, freundliches Mädchen – solange sie den Luxus genossen, dass sie von ihr gemocht oder wenigstens akzeptiert wurden. An manchen Tagen war ich mir echt nicht ganz sicher, ob auch nur eines der beiden auf mich zutraf. In ihren Augen natürlich!
„Nicht träumen!“, Krissy holte mich aus meinen Gedanken in die Gegenwart zurück, „Es hat gerade zum Unterricht geklingelt.“ „Oh, gut! Wurde ja auch mal Zeit!“, meinte ich und verschwand im Schulhaus, bevor sie noch etwas hinzufügen konnte. Für gehässige Kommentare hatte ich gerade dank des Windes und der ungewöhnlich kalten Temperatur keine Nerven und die Taubheit meiner Arme verriet mir, dass ich derzeit keinen angemessenen Konter zustande bringen würde.
Ich musste aber auch zugeben, dass ich in letzter Zeit besonders skeptisch Krissy gegenüber war, denn als sie das letzte Mal bei mir zuhause gewesen war, hatten wir spontanen Besuch von meinem Bruder bekommen. Sein Name war Gabriel Mails, 19 Jahre, groß, gutaussehend und leider – wie sich herausgestellt hatte – Krissys Schwarm!
Glücklicherweise sah sie ihn nicht allzu häufig. Höchstens aller zwei Wochen mal, wenn mich mein Bruder mit seinem Auto von der Schule abholte, um mit mir etwas zu unternehmen. Er wohnte nämlich auch nicht in der gemütlichen, kleinen Wohnung von mir und meiner Oma, sondern im Reichen-Viertel der Stadt, in einem Haus.
An dieser Stelle sollte ich das vielleicht gleich etwas näher beleuchten. Also, ich lebte seit ich denken konnte – oder noch länger – bei meiner Oma Gerda. Wir wohnten in einer stinknormalen Wohnung.
Gabe allerdings (so nannten ihn die meisten) hatte noch nie mit uns zusammengelebt. Er wohnte in dem eben erwähnten Haus, das ich selbst bisher in all meinen Lebensjahren weder gesehen, noch betreten hatte. Dort war er jedoch nicht alleine untergebracht. Neben ihm wohnte auch noch eine Haushälterin da, die er seinen Erzählungen zufolge Grandma Berrypie nannte.
Früher hatte auch unsere Mutter dort gelebt. Ihr Name war Maria Mails und ich hatte sie, um ehrlich zu sein, nie kennengelernt. Ich wusste nur von Fotos wie sie aussah, doch das war auch schon alles. Keine persönlichen Treffen, nicht die geringste Ahnung von möglichen Hobbys, geschweige denn einem Job, aber das war eh etwas heikel.
Schuld an alledem war die Mitgliedschaft in einer scheinbar geheimen Organisation, der sowohl meine Mutter, als auch Gabe angehörten. Eigentlich dürfte ich gar nicht wissen, dass es sie gab, aber Gabe hatte es mir anvertraut und mir war klar, dass auch Oma mehr darüber wusste, als sie mir gegenüber zugab.
Allerdings sei auch gesagt, dass mich das ganze reichlich wenig interessierte, was nicht zuletzt an der Tatsache lag, dass es dort einige Ungereimtheiten zu geben schien. So behauptete Gabe zum Beispiel, in der Zeit reisen zu können und das nur mithilfe eines Ringes, den er vor rund zehn Jahren von ebendieser Organisation erhalten hatte.
Sie nannte sich Simikolon. Geschrieben wurde es „Si.mi.Ko;L.O.N.“, was soviel hieß wie Sieg durch Wissen und dann noch irgendein merkwürdiger Name oder sowas!? Eigentlich ja auch egal. Die besaßen jedenfalls angeblich drei dieser Zeitreise-Ringe, wenn ich mich nicht irrte, und obendrein noch eine Maschine, die die Leute auswählte, die so einen Ring bekommen sollten.
Die Betonung bei dem ganzen lag ganz eindeutig auf dem angeblich, denn wer glaubte schon an Zeitreisen?!
Unmittelbar nach dem erneuten Pausenklingeln, welches für mich konkret Schulschluss bedeutete, wollte ich nichts weiter als hier verschwinden. Ich hasste unangekündigte Tests! Sie kamen immer genau an den Tagen, an denen man es überhaupt nicht gebrauchen konnte und heute war ganz eindeutig so ein Tag.
Dazu kam, dass ich normalerweise vor jeder Mathematikstunde noch einmal wiederholte, was wir in den letzten Stunden gemacht hatten, denn würde ich das nicht tun, würde ich nur noch weniger verstehen, als ich es ohnehin schon tat. Natürlich hatte ich das genau heute mal weggelassen und stattdessen die Pausen damit zugebracht, mich über das miese Wetter zu beklagen.
Als wir dann nach der Hofpause unseren Klassenraum betraten, lagen auf den Bänken bereits die Aufgabenblätter, ganz so, als hätte unser Mathelehrer gewusst, dass genau heute der schlechteste Zeitpunkt überhaupt war, einen Test einzuschieben. Generell schienen die meisten Lehrer für solche Dinge ein außerordentliches Talent zu haben!

Obwohl ich nach sieben Schulstunden und dieser Horrorhofpause eigentlich keine Nerven mehr dafür hatte, bestand Krissy darauf, mich nach Hause zu begleiten. Bitte nicht falsch verstehen! Begleiten, hieß für sie stumm neben mir herzulaufen und mich mit bösen Blicken zu strafen, sollte ich auch nur darüber nachdenken, etwas zu sagen.
Dementsprechend liefen auch die ersten zehn Minuten ab. Schweigen folgten wir der Hauptstraße vor der Schule, bis wir schließlich in ein Netz aus kleineren Seitenstraßen abbogen, in dem man sich sogar problemlos verlaufen konnte, wenn es sich seit sieben Jahren um seinen eigenen Schulweg handelte.
Ich nutze die Gunst der Stunde, um weiter nachzudenken. Es gab da nämlich so ein Thema, das mich seit circa einer Woche einfach nicht mehr loslassen wollte. Es ging um meinen Geburtstag, der in zwei Tagen stattfinden würde…
Unter normalen Umständen hielt ich von diesem einen Tag im Jahr ja eher weniger, aber dieses mal war es anders. Trotz dem sie mich nicht kannte, hatte mir meine Mutter nämlich etwas vererbt, jedoch die Bedingung gestellt, ich müsste 17 Jahre alt sein, um es zu bekommen. Ich war wirklich gespannt, was es sein würde, denn ich hatte natürlich nicht den blassesten Schimmer, um was es sich dabei handeln könnte.
Während ich so nachdachte, liefen wir eine ziemlich ruhige Straße entlang. Autos fuhren hier ziemlich selten vorbei. Höchstens mal eins, dessen Fahrer nicht aus der Stadt kam und sich verfahren hatte. Deshalb rechnete ich auch überhaupt nicht damit, dass es hinter mir hupte.
Vor Schreck wäre ich beinahe über einen im Weg liegenden Ast gestolpert, hielt mich im letzten Moment aber an Krissys Arm fest. Mit einem spitzen Räuspern machte sie mir nur eine Sekunde später begreiflich, das ich sie nicht einfach so anpacken sollte. Diesmal ließen mich meine Augen nicht im Stich, sodass ich sie genervt verdrehen konnte: „Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Das nächste mal werde ich auf den Boden fallen wie ein Stein. Was habe ich mir hierbei nur gedacht!?“
Aus wirklich unerfindlichen Gründen erwiderte Krissy nichts. Sie starrte nur an mir vorbei, einige Meter die Straße zurück. Von dort drang nun das Geräusch einer schließenden Autotür zu uns herüber. Von einer plötzlichen Neugier gepackt drehte ich mich um und da stand…
„Gabe, das ist ja eine schöne Überraschung!“, strahlte Krissy, „Wir haben uns ja seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.“ Mir lag schon ein fieser Kommentar auf den Lippen – ihr letztes Treffen war vor vier Tagen gewesen – doch die Worte blieben mir im Hals stecken, als ich meinen Bruder näher betrachtete.
Mit hängenden Schultern und fehlender Körperspannung trottete Gabe langsam auf uns zu. Er wirkte sehr niedergeschlagen, müde und trostlos. Etwas musste passiert sein! Sonst war mein Bruder gar nicht so! Er gehörte für gewöhnlich zu den Personen, die immer genau das richtige taten. Sie lächelten an den richtigen Stellen, zeigten in schweren Zeiten ihr Mitgefühl und waren die klischeehafte, starke Schulter zum ausweinen.
Auf jeden Fall behielt Gabe immer die Kontrolle. Seine Schwächen und Ängste zeigte er nur, wenn er es auch wirklich wollte. Dann und heute!
Auch wenn ich nicht sah, was genau er dachte, wusste ich doch, dass etwas nicht stimmte. Was konnte passiert sein? Sogar Krissy merkte deutlich, wie merkwürdig sich mein Bruder verhielt. Noch bevor er uns überhaupt erreicht hatte, fragte sie laut: „Ist alles in Ordnung? Du siehst so traurig aus.“
Traurig? Pah! Das war ja wohl die Untertreibung des Jahrhunderts! Ich würde eher sagen, am Boden zerstört, am Ende, fertig mit der Welt…
„Nichts ist in Ordnung! Es ist soweit! Alles wird so kommen, wie es prophezeit wurde… ich muss zu Oma, aber Simikolon… “, antwortete Gabe zunächst mit ungewohnt brüchiger Stimme, doch dann schien er sich wieder halbwegs zu fassen, „Alex, ich fahre dich nach Hause zu Oma. Dann bringe ich Krissy zu Simikolon!“
„Zu Simikolon?“, entfuhr es mir und Krissy wie aus einem Munde. In meiner Stimme lag das pure Entsetzen, während in ihrer ein seltsamer Unterton Platz nahm. War das etwa Triumph? Moment, aber meine Freundin wusste doch gar nichts von der geheimen Organisation! Sie konnte es nicht wissen, denn ich hatte ihr niemals davon erzählt und das Gabe es getan haben sollte, konnte ich auch mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen. Woher wusste sie also, was oder wer Simikolon war?
Meinem Bruder fiel das ganze gar nicht erst auf. Er starrte nur Abwesend auf den Bürgersteig, bevor er kurz den Kopf schüttelte und zurück zum Auto schlurfte. „Lasst uns fahren“, stieß er rau und kratzig hervor.
Bei diesem Anblick und dem Klang seiner Stimme brach mir fast das Herz. Noch schlimmer als das war jedoch das Gefühl der Hilflosigkeit, das mich auf einmal überkam. Da ich nicht wusste, was Gabe so zusetzte, konnte ich ihm auch nicht helfen. Sollte ich ihn womöglich ansprechen oder würde es ein Problem für ihn werden, darüber zu reden?
Während ich noch so nachdachte, warf ich zweimal kurze Blicke auf Krissy. Beide Male hatte sie ein dickes Grinsen auf dem Gesicht, so als wüsste sie etwas, von dem ich nichts wusste. Die Abteilung meines Hirn, welche für die Prioritätensetzung zuständig war, teilte sich in zwei Hälften. Die eine wollte unbedingt in Erfahrung bringen, was in Krissys hübschen Kopf vorging, die andere etwas finden, womit ich Gabriel etwas aufmuntern konnte.
Am Auto angekommen hielt Gabe die Tür zum Rücksitz für Krissy auf und schloss sie wieder, als meine Freundin in den Wagen gestiegen war. Nun stand er direkt vor mir. Für einen Moment ließ er mich hinter die Fassade blicken, wurde noch um ein vielfaches unglücklicher und in seine Augen traten Tränen.
Wenn mein Herz bis zu diesem Augenblick noch heil gewesen war, dann zerbrach es mir in dieser Sekunde zu nichts weiter als feinstem Staub. Am liebsten hätte ich mit ihm geweint, als ich fragte: „Was ist passiert?“
„Es geht um… meine Zeitreisen und… Toni… er ist…“, immer wieder musste Gabriel sich selbst unterbrechen, „…Toni ist… er ist… tot!“ Mit einem Mal wurde sein Atem flacher, die Augen glasig. Scheinbar hatte er es zum ersten Mal laut ausgesprochen.
„Und ich habe nichts getan, um es zu verhindern!“

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