7. Dezember

7. Türchen, Weihnachtskalender

Auf einmal hörten die beiden auf zu fallen. Sie landeten etwas unsanft auf hartem Waldboden. Unter ihnen wuchs saftig grünes Gras. Die Luft, die ihre Lungen füllte, war frisch und roch unverbraucht.
Die zwei richteten sich auf. „Sind wir…“, begann Jack, unterbrach sich dann jedoch selbst, weil er etwas hinter seinem Bruder entdeckt hatte. Etwas oder besser gesagt jemanden!

„Ihr seid tatsächlich zurückgekehrt!“, rief der Jemand erfreut. Nun drehte sich auch Will herum. Seine Augen weiteten sich unwillkürlich. Dieser Typ war für ihn kein Fremder, zumindest nicht direkt. Er hatte ihn getroffen, kurz nachdem er das erste Mal in der Märchenwelt gelandet war. „Was tut Ihr denn noch hier? Solltet Ihr nicht auf dem Weg zu Eurer Prinzessin sein?“ „Ihr? Ich sehe nur einen!“, flüsterte Jack. Will winkte ab. Es wäre zu kompliziert, es ihm jetzt zu erklären. Das musste warten!
„Es ist wahr, dass ich mich aufmachte, die Prinzessin zu finden, doch als Ihr durch das Tor des Lichts verschwunden wart, fragte ich mich: Wieso mein Leben riskieren für jemanden, der seid hundert Jahren schläft, wenn es auch einfach geht?“ Wills Blick wurde immer verzweifelter. Verständlich! Sogar Jack hatte es verstanden. „Sag mal, steht der etwa auf dich?“, wisperte er so leise es lachend ging. Will schluckte. „Ich fühle mich wirklich geschmeichelt, doch haben mein Bruder und ich einen wichtigen Auftrag zu erledigen! Ihr ebenso, fürchte ich! Ihr seid aufgebrochen, um Euer Dornröschen zu erwecken und diese Mission solltet Ihr zu Ende führen!“
Bevor der junge Mann antworten konnte, fragte Jack laut: „Dornröschen?“ Er lachte. Will trat ihm unauffällig gegen das Schienbein. „Ja, Dornröschen!“, erklärte er, „Dies ist Prinz Phillipp.“ Der Prinz machte eine kleine Verbeugung und Jack schaute ihn nur mit hochgezogener Augenbraue an. „Prinz Phillipp also?! Interessant und seit wann steht der Prinz aus Dornröschen auf di…“, weiter kam er nicht. Will hielt ihm in einem Anflug von Panik einfach den Mund zu. Dann beugte er sich zu seinem Ohr und wisperte: „Sei vorsichtig mit dem was du sagst! Hier ist es nicht wie zuhause! Achte auf deine Wortwahl!“ Damit ließ er ihn wieder los.
Der Prinz hatte sich währenddessen auf einen Stein gesetzt. Nun, da die Blicke der Zwillinge wieder auf ihn gerichtet waren, seufzte er theatralisch und völlig übertrieben: „Nun gut, wenn es Euer Wusch ist, werde ich von dannen reiten! Ich begebe mich wieder auf die Suche nach der holden Maid, die seit hundert Jahren unter einem Schlafzauber steht und im Traum auf Erlösung hofft.“
„Etwas schwülstig, der Gute, findest du nicht auch?“, kicherte Jack leise. Diesmal konnte selbst Will es sich nur schwer verkneifen, in das Gelächter mit einzusteigen, doch er beherrschte sich gerade noch. „Mit Verlaub, wo ist Euer Ross? Ihr wolltet reiten, sagtet Ihr, doch ich kann es nirgends entdecken.“, meinte er stattdessen. Mit einem Ruck fuhr Prinz Phillipp wieder in die Höhe. Verblüfft schaute er sich zu allen Seiten um. „Ich fürchte, sein Ross hat die Fliege gemacht!“, kommentierte Jack in gedämpfter Lautstärke. Der Prinz hörte es nicht. Er kam aber nach einer kleinen Weile auf die selbe Erkenntnis: „Es macht den Anschein, als sei das Tier nicht mehr hier! Der Knoten muss sich gelöst haben…“ „Ihr findet doch trotzdem den Weg zum Schloss, nicht?“, fragte Will ernst. Prinz Phillipp lächelte verlegen. „Nun, die Karte befand sich in der Satteltasche und die ist wohl mit meinem edlen Ross verschwunden. Ohne diese Karte, werde ich das Schloss wohl nicht finden!“
„Ihr sucht nach einem Schloss?“, ertönte plötzlich eine unbekannte Stimme hinter den Zwillingen. Sie drehten sich um. Höchstens zehn Zentimeter über Jacks Kopf, schwebte der große Kopf eines schwarzen Pferdes. Erschrocken sprang er hinter Will. Auf dem Pferd saß ein gut gekleideter, junger Mann, der freundlich auf sie hinab lächelte.
„Vergast Ihr mal wieder etwas, mein Freund?“, das richtete der Fremde an den Prinzen. Für diesen schien der Neuankömmling keines Falls ein Unbekannter zu sein. Prinz Phillipp kratzte sich am Kopf: „Nicht so ganz! Mein Ross ist mir entlaufen und es hat die Karte bei sich, die mich zum Schloss von Dornröschen führen soll!“ Der andere lachte, schwang sein Bein galant über den Rücken seines Tieres und nahm es am Halfter. „Wer sind Eure Begleiter?“, er schien aus reiner Neugierde zu fragen, doch der Prinz antwortete gern darauf. „Dies sind Sir Will Julius Aleo Grimm und sein Bruder!“, erzählte er stolz. Will verzog das Gesicht: „Ohne das Sir…“ „Und wer sind Sie?“, rutschte es Jack heraus. Das Lächeln des Fremden vertiefte sich: „Wenn ich mich vorstellen darf, mein Name ist Prinz Franz!“ „Ihr kennt Prinz Phillipp also von diversen Bällen nehme ich an?!“, spekulierte Will nachdenklich. Beide Blaublüter nickten.
„Wenn ich etwas vorschlagen dürfte: Wie wäre es, diese Unterhaltung zu führen, während wir uns auf den Weg zum Schloss machen?“, fragte Prinz Franz auf einmal. Der andere Königssohn sah ihn erstaunt an: „Zu welchem Schloss?“ „Zu dem von Prinzessin Dornröschen, natürlich! Ich kenne zufällig den Weg! Es ist nicht mehr weit von hier. Höchstens ein Marsch von einer Stunde.“, antwortete Prinz Franz, „Würdet Ihr beiden uns begleiten wollen?“ Letzteres galt Will und Jack. Noch ehe Will richtig darüber nachgedacht hatte, was Taktisch am klügsten wäre, wurde er schon von Jack in die Rippen gestoßen. „Du hast den Dornröschen-Prinzen verführt, jetzt sorg dafür, dass er doch noch zu der schnarchenden Schönheit findet!“, murmelte er wieder etwas leiser. Will sah ihn skeptisch an: „Hast du was falsches gegessen oder bekommt dir die Märchenluft nicht? Wieso redest du so… erwachsen?“ „Liegt vielleicht daran, dass ich nicht für den Rest meines Lebens hören möchte, wie du darüber in Tränen ausbrichst, Henrys Lieblingsmärchen zerstört zu haben! Jetzt komm schon! Das wird bestimmt ein Abenteuer!“

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