6. Dezember

6. Türchen, Weihnachtskalender

Es war ungewöhnlich still, als Jack die Wohnung betrat. Gut, es war oft still, wenn er das tat, aber heute war es zu still! Totenstill! Er legte seine Sachen im Flur ab und ging danach sofort ins Wohnzimmer. Leer! Ebenso die Küche und das Bad und Wills Zimmer. Vorsichtshalber sah Jack noch einmal in der Abstellkammer nach, doch auch da war sein Bruder nicht anzutreffen. Er war also nicht nach Hause gegangen…

Das nächste Treffen der Brüder fand erst am übernächsten Morgen statt. Jack saß am Küchentisch und schlürfte gerade seinen Kakao, als plötzlich die Tür aufflog. „Der Erzähler! Der ist es!“, rief Will wieder mal völlig außer Atem. Vor Schreck kippte Jack den Inhalt seiner Tasse über seinen Pulli. „Spinnst du? Erst verschwindest du für nen kompletten Tag und dann kommst du hier rein und erschreckst mich zu Tode! Das ist mein Lieblingshoodie!“ Jacks Prioritäten deckten sich eindeutig nicht mit denen seines Bruders. „Vergiss den Fetzen! Hast du mir nicht zugehört? Ich weiß jetzt, wieso das Buch leer war! Es ist der…“ „…Erzähler, ich weiß schon!“, ergänzte Jack bei weitem nicht so aufgeregt. Das fiel auch Will auf. „Willst du es nicht näher wissen?“ „Nein!“, meinte der andere Zwilling ziemlich deutlich, ohne darüber nachzudenken.
„Hör mal! Es ist unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass die Märchen weiterhin bestehen bleiben! Möchtest du etwa…“, weiter kam Will nicht, denn er wurde von seinem Bruder unterbrochen: „Okay, dann sag halt, was du herausbekommen hast und wo zum Teufel du warst! Sonst gibst du wahrscheinlich nie Ruhe!“

Erst als Will fertig war, merkte er, dass Jack sich angestrengt an die Schläfen fasste. „Was tust du?“, fragte er. Jack kniff die Augen zusammen: „Ich versuche die Kernaussage aus deinem Geschwafel herauszuhören!“ „Die Kernaussage ist, dass der Erzähler verschwunden ist! Kein Erzähler, bedeutet keine Märchen!“, erklärte Will während er mit den Augen rollte. Sein Bruder entspannte erleichtert seine Gesichtsmuskeln: „Und woher weiß du das?“ „Jack, das habe ich dir eben gesagt!“, stöhnte Will. Jack wies alle Schuld von sich: „Ich war so damit beschäftigt rauszufinden, was du mir sagen wolltest, dass ich dir nicht zugehört habe!“
Will stöhnte. „Das macht absolut keinen Sinn, aber naja… also noch mal! Vorgestern Abend bin ich Henry gefolgt. Jeden Tag macht sie einen Kontrollgang in der Märchenwelt, also dachte ich mir, wenn ich wüsste wo das Portal ist…“ „Du bist durch das Portal geschlichen? Bist du verrückt?“, unterbrach Jack ihn wieder. Will nickte eifrig. „Klar! Dort habe ich von dem Verschwinden des Erzählers erfahren!“, meinte er aufgeregt, „Und jetzt wo wir das Problem kennen, müssen wir uns daran machen, es zu beheben!“
„Mich kriegen keine zehn Monstermoskitos da durch!“, protestierte Jack lautstark. Will schlug ihm gegen den Oberarm: „Du beschwerst dich doch immer, dein Leben wäre so langweilig! Es bietet sich uns die Chance, Jack! Wir können endlich allen beweisen, dass wir keine kindischen Chaoten sind!“ „Sind wir nicht?“, Jack schaute ehrlich überrascht. Als er allerdings den Gesichtsausdruck seines Zwillingsbruders sah, wusste er, wie sinnlos Widerstand war, „Wo ist denn dieses verdammte Portal?“ Über Wills Gesicht breitete sich ein breites Grinsen aus: „Viel näher als dir lieb ist!“

„In der Bibliothek?“, fragte Jack skeptisch. Will sah aus, als würde er jeden Moment einige Luftsprünge vollführen. Vollkommen überdreht schloss er die Tür auf. Die beiden Jungen betraten den riesigen, mit unzähligen Bücherregalen möblierten Raum. Jack sah sich mit eingezogenem Kopf um. Dieser Ort war ihm noch nie geheuer gewesen und jetzt, wo er wusste, dass sich das Portal in die Märchenwelt hier befand, noch weniger!
Will führte seinen Bruder in die Märchenabteilung. „Hier? Bist du dir sicher?“, fragte dieser, „Ist das nicht ein bisschen sehr offensichtlich?“ „Absolut nicht! Erstens, weiß eh niemand außer den anderen Nachkommen, von dem Portal und zweitens, würde jeder so denken wie du und nie hier danach suchen!“, erklärte Will begeistert. Dann winkte er seinen Bruder hinter sich her. Als dieser stehen blieb, zog er ihn einfach am Handgelenk mit sich.
Nur wenige Meter weiter blieb er in der Kinderecke stehen. Hier konnten sich die kleinen hinsetzen, wenn sie einem Märchen lauschten oder sich die hübschen Bilder in den Büchern ansehen wollten. Auf dem Boden lag ein dicker Teppich. Diesen hob Will mit einem Grinsen an einer Seite an. Zum Vorschein kam… na was wohl? „Noch ein Buch?“, Jack verdrehte die Augen, doch Will schüttelte den Kopf. „Kein Buch! Das ist das Portal!“, sein Grinsen wurde breiter, „Bereit?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, griff er erneut nach Jacks Hand und legte sie auf den Einband. „Auf in uns‘re Märchenwelt, die jedermann so gut gefällt.“, murmelte er dann leise und plötzlich erschien um die beiden ein helles Licht. Der Boden wurde ihnen unter den Füßen weggerissen und sie fielen in einen tiefschwarzen Abgrund.

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