4. Dezember

4. Türchen, Weihnachtskalender

Jack war gerade dabei, einen Redeschwall zu beenden: „Ich kann einfach nicht fassen, dass du Henry bei deinem Bücherproblem helfen lässt, obwohl du genau weißt, dass sie mit mir verabredet war und ich sie toll finde!“ Jack sah aus wie ein beleidigtes Kleinkind. In Will arbeitete es. Sollte er seinem Bruder womöglich sagen, dass er ebenfalls in Henry verliebt war? Er konnte Jack schließlich schlecht etwas vorwerfen, von dem er gar nichts wusste! Allerdings würde daraus vermutlich ein Streit entstehen und in der Weihnachtszeit war das am wenigsten wünschenswert.
Wie immer, wenn es darum ging, einem Konflikt aus dem Weg zu gehen, nahm Will genau das beim Wort. „Hör zu, Jack, es tut mir leid! Kommt nicht wieder vor!“, versprach er, „Ich muss jetzt nochmal dringend weg. Das mit Henry bekommst du wieder hin, ganz bestimmt! Du könntest sie ja anrufen…“ Während des Sprechens war Will rückwärts auf die Tür zu gesteuert und mit dem letzten Satz verschwunden.

Natürlich hatte Will nichts dringendes zu erledigen. Das war nur eine Ausrede gewesen, aber wo er doch gerade etwas Zeit hatte, konnte er sie auch sinnvoll nutzen. Also machte er sich auf den Weg in die Bibliothek.
Hier besteht womöglich Erklärungsbedarf. Also, Jack und Will wohnten in der Wohnung direkt unter der Stadtbibliothek. Das hatte ihr Vater für sie organisiert. Natürlich freute das vor allem Will, denn es ermöglichte ihm, zu jeder Urzeit ein neues Buch zu finden. Wenn er jedoch weiter in diesem Tempo las, würde es bald überhaupt keine Bücher mehr geben, die er noch nicht gelesen hatte.
Am liebsten saß er aber in welcher Abteilung? Richtig! In der der Märchen. Dort gab es kein Buch, das er nicht in und auswendig kannte. Schon als kleiner Junge hatte er damit begonnen, sich über das Lebenswerk seiner Vorfahren zu informieren. Ganz anders als Jack. Der war schon eingeschlafen, bevor Will das Märchenbuch überhaupt aufgeschlagen hatte, um ihm daraus vorzulesen.
Um sich etwas von dem Drama abzulenken, das sich ganz allmählich anbahnte, setzte sich Will also in die Märchenabteilung. Die Bibliothek hatte schon seit einer guten Stunde geschlossen, doch er hatte sowohl den Schlüssel als auch die Erlaubnis, dennoch dort zu sein. Wie oft hatte er sich hier schon mit Henry getroffen? Nein, das war das völlig falsche Thema! Er musste sich irgendwie auf andere Gedanken bringen! Nur wie? Jedes Buch in dieser Abteilung war ein Märchen der Gebrüder Grimm und stand dadurch nun mal in direkter Verbindung mit ihr! Also musste Will wohl oder über in eine andere Abteilung, wenn er etwas lesen wollte.
Er war schon auf dem Weg, da viel ihm plötzlich etwas ein. Das Buch das Henry ihm gegeben hatte! Es lag noch auf dem Sofa! Verdammt, was wenn Jack es fände? Ihm war gar nicht bewusst, wie wertvoll es war! Ohne lange zu überlegen, sprintete Will los. Beinahe hätte er vergessen, abzuschließen!
Unten in der Wohnung angekommen, stellte Will mit Erleichterung fest, dass Jack das Buch noch nicht mal gesehen hatte. Es lag noch immer unberührt da, wo er es abgelegt hatte. „Kannst den Fernseher anmachen?“, fragte Jack, „Gleich kommt meine Lieblingsserie.“ „Heute ist Dienstag, Brüderchen!“, erwiderte Will und ließ sich neben dem Buch auf dem Sofa nieder. „Und?“ „Deine tolle Serie kommt erst am Freitag! Wie jede Woche.“ Jack schaute ihn traurig an: „Können die nicht einmal eine Ausnahme machen?“
Ohne darauf einzugehen, schnappte sich Will das Buch und schlug es auf. Diesmal nicht auf der allerersten Seite, sondern da, wo der erste geschlossene Text begann. „Es war einmal eine Königstochter, die spielte am liebsten im Garten ihres Vaters mit einer goldenen Kugel…“, las er laut vor, „Hey, Jack, das ist der Froschkönig! Es sind Märchen!“ Jack sah seinen Bruder beleidigt an: „Ich bin gerade am tiefsten Punkt meines Lebens angekommen und du kümmerst dich um die Könige von irgendwelchen Fröschen?!“ „Tiefpunkt? Komm mal wieder auf den Boden der Realität du armer Junge und hör zu! Ich sagte, dass in diesem Buch Märchen stehen!“, entgegnete Will mit einem Funkeln in den Augen. Jack schnaubte. „Wunderbar! Ganz außergewöhnlich!“, sagte er genervt, „Und was ist daran so besonders? Deine ganze, tolle Bibliothek steht voll mit solchen Märchenschinken!“
„Verstehst du denn nicht? Ich gehe davon aus, dass das hier die Originalen sind! Alles in diesem Buch ist von Hand geschrieben und vorne sind die Initialen unserer Vorfahren drin! Weißt du eigentlich wie wertvoll dieser Märchenschinken ist?“, Will war begeistert. Sein Zwillingsbruder fand diese Euphorie völlig unbegründet. „Wertvoll? Wie viel würde das denn auf Ebay bringen?“, scherzte er. Die Art von Humor teilte Will keinesfalls. Verärgert sprang er auf: „Jack Andrew Grimm, wenn du auch nur eine Sekunde lang denkst, dass ich dir die Erlaubnis gebe, diese kostbaren Originale auf irgendeiner dubiosen Internetseite zu verhökern, dann hast du dich gewaltig geschnitten!“ „Dubi-was?“, unterbrach Jack verwundert, „Beruhige dich mal wieder! Das war nur ein kleiner Spaß!“ Das sah sein Bruder ganz anders. Er nahm das Buch, drückte es an seine Brust, wie ein fünfjähriger sein Stofftier und verließ den Raum.

Erst beim Frühstück am nächsten Morgen sprach Will wieder mit Jack. Den gestrigen Abend hatte er genutzt, um so viel von dem Buch zu lesen, wie er konnte. Sie stimmten zwar größtenteils mit den allgemein bekannten Versionen überein, doch waren die Handlungsorte spezifisch genannt und die Charaktere detaillierter beschrieben. Teilweise war von Defiziten aller Art, besonderen Aktivitäten oder anderen Vorzügen die Rede, die einzelne Figuren hatten oder gern taten. An manchen Stellen war dies ziemlich erschreckend. Zum Beispiel erfuhr man von der Alkoholschwäche der sieben Zwerge, der Kurzsichtigkeit des bösen Wolfes und einigen anderen Dingen, die in jeder anderen Ausgabe so niemals zu finden waren.
Nach dem Essen setzte sich Will sofort wieder ins Wohnzimmer, um weiter zu lesen, doch war ihm das beim besten Willen nicht mehr möglich. Wieso? Der Grund rief auch bei ihm Verwirrung hervor…

Das Buch war leer!

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