3. Dezember

3. Türchen, Weihnachtskalender

Missmutig ließ sich Will zurück auf den Teppich fallen. Er überlegte einen Moment, was er nun tun sollte. Zur Auswahl standen letztendlich:

1. seinem Bruder folgen
2. die Sache so gut es ging verdrängen und sich wieder den Büchern zuzuwenden
3. das Chaos beseitigen und Lebkuchen-Frust-Futtern

Eigentlich war ja nur eins davon realistisch. Seufzend beugte sich Will wieder über die Bücher. Er versuchte wirklich sich zu konzentrieren, doch ab diesem Zeitpunkt spukten einfach zu viele Gedanken durch seinen Kopf.
Er hatte es in solchen Dingen noch nie leicht gehabt. Musste es ihm sein Zwillingsbruder also noch schwerer machen? Er könnte mit jedem Mädchen zusammenkommen, wenn er wollte. Warum ausgerechnet Henry?
Will wurde von einem amüsierten Auflachen aus seinen Gedanken gerissen. „Was sollen die ganzen Bücher hier? Hast du die Bibliothek überfallen?“ Er drehte sich zu der Tür. „Wolltest du dich nicht mit Jack treffen?“, fragte er Henry verblüfft. Sie winkte ab: „Hallenfußball! Ich habe abgesagt.“ „Wieso das?“, wollte Will wissen. Henry antwortete lachend: „Naja, so wie es aussieht, muss ich dir erstmal beim aufräumen helfen. Was willst du mit dem ganzen Kram?“ Will erhob sich wieder und schob seine Brille ein Stück den Nasenrücken nach oben: „ Das sind die Bücher aus unserem Keller. Ich war gerade dabei, sie neu zu sortieren.“ Henry nickte langsam: „Und wofür sind die Zettel?“ „Ach, dies und das!“, meinte Will und begann die Bücher zu stapeln.

Es hatte eine halbe Stunde gedauert, bis man den Holzboden des Wohnzimmers wieder sah. Während sie die Bücher zurück an ihren Platz brachten, unterhielten sich Will und Henry. Zuerst über ganz banale Dinge wie die Wettervorhersage für Weihnachten, doch nach einer Weile kamen sie auf das Thema Märchen.
„Denkst du, ihr bekommt das hin? Ich meine, das ist eine große Sache!“, erklärte Henry. Will schleppte gerade einen etwas zu großen Stapel Bücher, den er so gut es ging ausbalancierte. „Ich glaube schon! Ich kenne die Märchen der Gebrüder alle auswendig und Jack weiß auch, wie wichtig das alles ist!“ „Naja…“, begann Henry, stockte aber. „Was de…“ Plötzlich gab es einen Knall.
Will war gegen den Türrahmen gestoßen, hatte die Kontrolle über den Bücherturm verloren und war rückwärts geradewegs in Henry hinein gestolpert. Beide saßen nun inmitten eines Bücherhaufens und mussten lachen.

Eine weitere halbe Stunde später, war jedes Buch wieder an seinem ursprünglichen Platz im Keller. Henry und Will ließen sich auf das lederne Sofa fallen. Nicht ohne sich vorher jeweils einen Lebkuchen von dem Teller zu schnappen, der noch immer auf dem Couchtisch stand. „Um nochmal auf das Thema Märchen zurück zu kommen.“, begann Will, doch Henry winkte ab. „Lass gut sein! Ich übernehme die Kontrollgänge dieses Jahr. Ihr beide bekommt eine andere Aufgabe!“, meinte sie. Dann biss sie ein großes Stück von ihrem Lebkuchen ab. Will sah sie von der Seite an: „Was denn für eine!“ Die Antwort kam erst, als Henry den Bissen komplett hinuntergeschluckt hatte: „Ich habe euch ein Buch von euren Vorgängern mitgebracht. Da steht alles drin, was ihr wissen müsst, wenn ihr mir nächstes Jahr helfen wollt.“
Wie immer, wenn es um diese Sache ging, wurde Henry unheimlich ernst. Zumindest für ihre Verhältnisse. Will nickte gespannt. Wer mochte wohl alles in dieses Buch geschrieben haben? Vielleicht sogar die Gebrüder Grimm selbst? Henry wischte sich die Krümel aus dem Gesicht und zog ein etwas ramponiertes, vergilbtes, handgebundenes Buch aus ihrer Tasche, die irgendwie den Weg vom Flur auf das Sofa gefunden hatte.
Vorsichtig nahm Will dieses – in seinen Augen – höchst wertvolle Überbleibsel der Zeit entgegen. Neugierig schlug er die erste Seite auf. Tatsächlich! Unter einem kurzen Text, der per Hand geschrieben worden war, erkannte er die Initialen W. & J. Grimm… Wahnsinn!
„Erde an Bücherwurm!“, riss Henry ihn zurück in die Gegenwart, „Ich habe dich etwas gefragt!“ „Wirklich?“, Will hatte nichts dergleichen mitbekommen, so fasziniert musste er vom Buch gewesen sein. „Ich wollte wissen, ob es in Ordnung ist, wenn ihr erst nächstes Jahr anfangt, aktiv mitzuarbeiten.“, wiederholte Henry. Will nickte: „Klar doch! Das dürfen wir nicht auf die leichte Schulter nehmen!“

Jack schmiss sich in einen Sessel. Er trug seinen schwarzen Hoodie, den er tatsächlich in der Wäsche gefunden hatte. Das Gesicht unglücklich verzogen, starrte er gegen die Decke. Er murmelte einige unverständliche Dinge und hörte erst damit auf, als Will mit zwei Tassen heißer Schokolade ins Wohnzimmer zurück kam.
„Sie hat einfach abgesagt!“, jammerte Jack und nahm einen großen Schluck von seinem Getränk. Will setzte sich wieder auf das Sofa. „Hm… ja, also…“, begann er, „Henry war die ganze Zeit über hier!“
Das hätte er nicht sagen sollen, denn nun sprang Jack fassungslos auf. „Hier? Bei uns?“, rief er. Will nickte: „Sie hat mir geholfen, die Bücher wieder wegzuräumen!“ „Versetzt wegen ein paar Seiten Papier?!“, Jack lehnte sich so weit im Sessel zurück, dass er beinahe darin versank. Will stand energisch auf. „Jetzt hab dich mal nicht so! Es wäre eh bloß Hallenfußball gewesen!“, argumentierte er, „Du weißt, dass sie andere Sportarten lieber mag!“ Jack schaute seinen Bruder trotzig an: „Wir sind aber schon oft zusammen da hin gegangen!“
Will ging mit seiner Tasse zum Fenster und warf einen Blick auf die verschneite Straße. Draußen war es bereits vor Stunden dunkel geworden. Helle Lichter strahlten ihm aus den Nachbarhäusern entgegen. Sie erleuchteten die Fenster und die dahinterliegenden Zimmer. Das war sie! Die Weihnachtswelt direkt vor unser aller Augen! So hatte es zumindest seine Mutter immer gesagt. Es ließ Will ganz ruhig werden. Er atmete noch einmal tief durch, bevor er sich wieder zu seinem Zwilling umdrehte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*