24. Dezember

24. Türchen, Weihnachtskalender

Nur ein paar Tage später standen die Zwillinge tatsächlich in dem gewaltigen Ballsaal. Der jährliche Abschlussball ihrer Schule war nichts dagegen! Schon allein, weil die Aula im Vergleich zu dem hier wirkte, wie eine Rosine, herausgepickt aus einem Stollen, zu einem großen, saftigen Bratapfel.
Auch die Leute hier waren anders – in vielen Hinsichten! Zum Beispiel trugen die Frauen und Mädchen Kleider mit ausladenden Röcken. Die Männer waren in teilweise wirklich seltsame „Anzüge“ gestiegen. Zu einigen davon gehörte eine dieser Pinguinjacken. Diese schwarzen, vorne kurz, hinten lang. Sowas kannten die Brüder bis dahin nur aus alten Filmen. Da wurde sowas immer von den vornehmen, weiß behandschuhten Butlern getragen.

Abgesehen von der erschlagenden Größe des Saals und den ulkigen Kostümen der Gäste, war es aber auch ein ganz anderes Feeling! An der Decke hingen drei prachtvolle Kronlüster und statt des altbekannten Leuchtens von Elektrolampen wurde der Raum von weichem Kerzenlicht erhellt. Dadurch schimmerte alles und jeder irgendwie leicht golden.
Vollkommen überwältigt von alledem drehte sich Will einmal im Kreis. Alles wirkte wie im Film, nur echter! Die Musik, die tanzenden Personen in der Mitte vom Raum… „Du kannst den Ladys auch später noch hinterher sabbern! Erstmal müssen du und Jack aber noch etwas erledigen!“, riss Henry Will aus seinen Gedanken. Er sah sie leicht irritiert an und räusperte sich: „Ich habe niemandem hinterher gesabbert! Es ist nur so überwältigend hier und…“ Rina schlug ihm gegen die Schulter. „Da ist sie!“, flüsterte sie ehrfürchtig, „Die gute Fee!“

„Ihr habt was?“, kreischte die gute Fee schrill. Sie war jünger, als die Zwillinge es erwartet hatten und trug ein strahlend weißes Kleid. Abgesehen von dem schreckerfüllten Gesichtsausdruck, war sie auch ausgesprochen hübsch. „So viel wie ihr beide zerstört habt, könnt ihr froh sein, dass die Märchenwelt nicht in sich zusammengebrochen ist!“, fluchte sie jetzt, „Was habt ihr euch dabei gedacht und wieso seid ihr nicht eher zu mir gekommen? Ihr habt mir Rumpelstilzchen vorgezogen, das nehme ich persönlich!“
Die Zwillinge, Henry, Rina und Franz hatten die gute Fee in einen angrenzenden Raum gezogen. Es sollte schließlich nicht jeder mitbekommen, was alles falsch gelaufen war. Außerdem gab es vielleicht noch irgendwo Märchenfiguren, die nichts von der richtigen Welt wussten und das sollte auch so lange es ging so bleiben.
„Etwas hysterisch, die Gute!“, raunte das Jack-Reh seinem Bruder leise ins Ohr. Laut sagte er: „Wenn wir jetzt also ein paar Wünsche frei haben, darf das dann alles sein?“ Die Fee nickte. „Wenn ich mir also wünsche, mein Lieblingshoodie wäre wieder wie neu, würde er dann…“ „Ihr habt weitaus größere Probleme als dieses komische Gestell auf der Nase von Will!“, giftete die gute Fee ganz und gar nicht freundlich. Gereizt atmete sie tief ein: „Ihr habt nun drei Wünsche frei! Entscheidet weise!“ Scheinbar die übliche Feenleier.
Der erste Wunsch war schnell gefunden. „Ich möchte wieder ein Mensch sein!“, meinte Jack ohne lange zu überlegen. Die gute Fee blickte ihn abschätzend an. Kommentarlos schwang sie ihren Zauberstab durch die Luft und PUFF – aus dem Jack-Reh wurde tatsächlich wieder ein Teenager. Begeistert und überglücklich sprang er auf der Stelle auf und ab.
Währenddessen hatte sich Will bereits den zweiten Wunsch überlegt: „Wenn es möglich ist, dann wünsche ich mir, dass der böse Wolf nie erschossen worden ist.“ Die gute Fee zog die Augenbrauen in die Höhe. „Ich kann die Vergangenheit nicht ändern, wer weiß, was statt dem passieren würde, was wirklich geschehen ist! Ich kann aber dafür sorgen, dass er in der Gegenwart wieder auftaucht!“, erklärte sie mit leicht gerümpfter Nase, „Wäre das in Ordnung?“ „Natürlich! Solange er wieder Rotkäppchen fressen kann…“, meinte Will und lächelte Rina entschädigend an. Sie winkte ab.
Und wieder schwang die gute Fee ihren Zauberstab. Von draußen ertönte ein schriller Schrei. Franz öffnete die Tür einen Spalt breit. Da stand doch tatsächlich der böse Wolf im Raum. Kaum hatte er sie gesehen, schleckte er der Knusperhexe quer über das Gesicht. „Eklig!“, kommentierte Rina etwas angewidert, doch lange mussten sie dieses speichelreiche Wiedersehen nicht mehr ertragen, denn es kamen einige Soldaten und behaupteten, Haustiere wären auf dem Ball nicht erlaubt und müssten vor dem Schloss warten.
Franz schloss die Tür wieder. „Ihr habt nur noch einen einzigen Wunsch übrig!“, eröffnete die gute Fee den Brüdern. Die beiden sahen sich an und sie nickten. „Darf ich es sagen?“, fragte Jack. Will hatte nichts dagegen. Also sprach Jack: „Ich wünsche mir…“ Noch ein letztes Mal sah er zu seinem Zwilling. „Du weißt, was du dir wünschen musst!“, sagte er schlicht. Jack nickte: „Ich wünsche mir, dass Will endlich diese verdammte Brille absetzt!“

Und wenn Will Jack nach dem letzten Wunsch nicht den Hals umgedreht hat, dann leben sie noch

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