23. Dezember

23. Türchen, Weihnachtskalender

Das Erste, was Will spürte, waren die pochenden Kopfschmerzen, das Zweite, der weiche Untergrund, auf dem er lag. Er schlug die Augen auf und sah sich um. Er war nicht mehr im Wald! Das hier erinnerte ihn eher an seine und Jacks Wohnung. Das lederne Sofa auf dem er lag, der kleine Tisch davor, die Fenster mit Sicht auf die reich geschmückten Fenster der Häuser auf der anderen Straßenseite – generell – die Autos und Laternen…

„Da ist ja einer wach geworden! Willkommen in deiner Welt!“, sagte eine aufgeregte Stimme. Hatte sich Will verhört oder war das tatsächlich… „Rina? Franz? Was macht ihr denn hier?“, entfuhr es ihm verwirrt. War das hier vielleicht nur ein Traum? Womöglich war er gar nicht wach, sondern noch immer bewusstlos und sein Verstand spielte ihm einen Streich.
„Nein, das ist die Realität!“, erklärte eine weitere Stimme. Auch diese kannte Will nur zu gut: Henry! Sie lehnte an der Wand gegenüber und schaute teilweise besorgt und teilweise erleichtert zu ihm hinüber. Will setzte sich vorsichtig auf und sah sich genauer im Raum um. Alles war genauso, wie an dem Tag, als er die Wohnung überstürzt verlassen hatte, um durch das Portal zu gehen. Da war nur eine einzige Sache, die fehlte. Naja, eigentlich keine Sache, eher eine Person. Sein Zwilling!
„Wo ist Jack? Was ist passiert?“, fragte Will also. An den verlegenen Gesichtern seiner Freunde war zu erkennen, dass die Geschichte etwas länger sein musste. „Naja…“, begann Franz langsam, „Ihr beide habt euch gestritten und plötzlich wurdest du von einem Stein getroffen. Henry hier meinte, es musste der von dem Riesen gewesen sein… irgendwas mit einem Schneider…“ An der Stelle wurde er von Henry unterbrochen: „Rina erzählte, ihr wärt in der Nähe der Berge gewesen, in denen die Riesen leben und auch, dass du etwas von einem tapferen Schneiderlein sagtest. Dich muss also der Stein erwischt haben, den der Riese geworfen hat, während der Schneider Käse…“ „Richtig! Du bist einfach vornüber gekippt und warst erstmal für eine Weile weg! Bis jetzt gerade, genau genommen!“, redete Rina ihr ins Wort, „Wir konnten ja nicht einfach so im Wald bleiben, also hat Jack vorgeschlagen zum Portal zurück zu gehen. In eurer Welt würden wir dir viel besser helfen können, sagte er und das haben wir dann auch gemacht! Zum Glück konnte er sich noch an die Zauberformel erinnern, die das Portal öffnet…“
„Ist ja echt eine tolle Geschichte, aber wo Jack jetzt ist, kommt nicht darin vor!“, meinte Will und hielt sich den Kopf. Henry verschwand kurz in der Küche und kam mit einem Glas Wasser und einer Tablette zurück. Dankend nahm Will beides entgegen. Bevor er jedoch die Tablette schluckte und mit dem Wasser herunterschluckte, fragte er erneut, wo sein Bruder abgeblieben war.
Die anderen drei sahen einander erwartungsvoll an. Anscheinend forderten sie sich gegenseitig auf, etwas zu antworten. So langsam bekam Will wirklich Angst. Was konnte so schlimmes passiert sein, dass niemand etwas sagen wollte?
Bevor er nochmal fragen konnte, wurde die Tür zum Flur aufgestoßen. Herein trat ein Tier. Genauer, ein Reh! „Tja… lustige Story…“, sagte es. Ja, das Reh sprach! Will wollte schon nach den Nebenwirkungen der Kopfschmerztabletten fragen, da legte Henry ihm eine Hand auf die Schulter: „Das ist… Jack! Er hat von dem Wasser getrunken, das für Brüderchen und Schwesterchen vorgesehen war. Auf dem Weg zum Portal sind sie euch begegnet und haben euch ein Stück weit begleitet.“ „Das Wasser von… begleitet… ein Reh…?“, Will verstand die Welt nicht mehr. Das Jack-Reh kam näher: „Hab ja gesagt, es ist zum schreien!“
Im Grunde ließ die Wortwahl des Waldbewohners keine Zweifel: Es handelte sich eindeutig um Wills Zwillingsbruder! Oder um den verrücktesten Traum, der jemals geträumt wurde! Doch nach allem, das so alles passiert war, würde sich Will nicht wundern, wenn auch das hier echt wäre!
„Ich hatte einfach so einen Durst!“, klagte das Jack-Reh, „Du warst ja nicht da, um mich davon abzuhalten, also habe ich dieses Wasser… angeblich war da ein Flüstern… ich hätte dich echt gebraucht! Einmal in meinem Leben… okay, ich brauche dich öfter, als nur einmal, aber… du weißt was ich meine!“ Alle anwesenden brachen in Gelächter aus. Sogar Will, wobei der es nach nur wenigen Sekunden bereute, weil das Pochen in seinem Kopf stärker wurde.
„Ich fange ja echt nur ungern mit dem Thema an, aber ihr habt echt eine Menge Mist in der Märchenwelt angestellt! Viele der Märchen sind dank eurer Anwesenheit komplett zerstört worden! Wieso habt ihr euch auch eingemischt?“, Henry sah ihre Kumpels streng an. Beide sahen schuldbewusst auf den Boden. „Nichts davon war beabsichtigt! Wenn es einen Weg gäbe, es rückgängig zu machen…“, begann Will. Er wurde jedoch von Henry unterbrochen, die zu Lachen begann und sich neben ihm auf das Sofa fallen ließ: „Oh, die gibt es! Denkt ihr echt, ich hätte euch nicht schon längst umgebracht, wenn ihr das Werk eurer Vorfahren ruiniert hättet?“ Das Jack-Reh räusperte sich verlegen: „Besteht die Möglichkeit, dass ich wieder ein Mensch werde? Ich meine, ich will mich ja nicht beklagen, aber Heu und frischer Löwenzahn schmeckt wirklich nicht so gut, wie man sich das vielleicht vorstellt…“
„Bei uns in der Märchenwelt findet jedes Jahr zu Weihnachten ein großer Ball statt. Jeder ist eingeladen und es kommen sogar die Bösen! An diesem Tag ist es verboten, einander zu bekämpfen, also können sie auch einfach kommen…“, erklärte Franz. Die Zwillinge sahen ihn fragend an: „Worauf willst du hinaus?“ „Wie gesagt: Ausnahmslos jeder ist eingeladen! Ihr seid die Nachkommen der Grimms, also gilt das auch für euch!“ „Und was sollen wir auf einem Ball?“, wunderte sich das Jack-Reh. Henry lachte: „Auf dem Ball ist auch die gute Fee. Sie kann alles wieder in Ordnung bringen.“
„Da bleibt nur noch eine Frage!“, meinte Will, „Der Erzähler! Deswegen waren wir doch da, aber es gab keine Spur von ihm!“ Diese Frage wurde von Rina beantwortet: „Ich wusste nicht, wen ihr mit Erzähler meintet, aber als wir hier angekommen sind, meinte Henry, er hieße Ebenezer Scrooge und den kenne ich! Den kennt jeder! Jedes Jahr verschwindet er kurz vor Weihnachten. Keiner weiß, wo er hingeht, aber nach dem großen Ball taucht er immer wieder auf, so, als wäre nichts gewesen!“ „Ebenezer Scrooge?“, Will lachte auf, „Wenn das so ist, wissen wir ja jetzt, wieso er nicht aufzufinden war! Was haben sich unsere Vorfahren nur dabei gedacht?“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*