22. Dezember

22. Türchen, Weihnachtskalender

Und wieder marschierten die Zwillinge und ihre Gefährten durch den Wald. Jack kam das alles langsam vor wie die Klassenfahrt in die Berge vor drei Jahren. Wandern bis die Schuhe bereit für die Tonne waren. Das hier war ja grob gesehen nichts anderes und dementsprechend auch genauso langweilig. Unmotiviert im Gänsemarsch einen matschigen Trampelpfad entlang latschen, Vögeln beim Zwitschern zuhören und obendrein – das einzige, was diesen Ausflug wirklich von der Klassenfahrt damals unterschied – Wills Märchentheorien lauschen.

Jack war unglaublich erleichtert, als sie endlich wieder in einem Dorf ankamen. Diesmal ein anderes, laut Rina etwas nördlicher und somit näher an dem Portal. Vom Marktplatz konnte man einige Berge sehen. Rina meinte, dort würden Riesen leben, woraufhin Will sofort mutmaßte, dass sich dort oben vermutlich das tapfere Schneiderlein aufhielt.
Außer ihm hatte übrigens noch niemand so richtig verstanden, wie dieses Portal funktionierte. Man brauchte das Buch, was allein aber rein gar nichts bewirkte. Der intelligentere Zwilling meinte, es sei der Ort, der die besondere Magie des Buches freisetzte.
Es dämmerte bereits und deshalb beschlossen die Vier die Reise zum Portal auf morgen zu verschieben. Sie wollten sich in einem Wirtshaus am Marktplatz ein Zimmer nehmen und etwas tun, zu dem sie seit zwei Tagen nicht gekommen waren: Schlafen!
Noch bevor die Nacht wirklich hereingebrochen war, schliefen alle vier. Vom vielen Laufen taten ihnen alle Knochen weh und die Adrenalinschübe der letzten 48 Stunden hatten viel Energie verbraucht. Das alles sorgte für einen langen, tiefen Schlaf.
Bei Franz und Rina zumindest. Jedoch nicht bei den Zwillingen. Am nächsten Morgen wachten sie beim ersten Hahnenschrei auf, beide mit einem mächtigen Hunger. Sie beschlossen kurzerhand nach unten in den Speiseraum zu gehen. Entgegen Wills Annahme war dieser bereits gut gefüllt. Mehrere der massiven Holztische waren besetzt von Männern und Frauen, vor denen ein Haufen Essen stand. Manche hatten auch schon zu solch früher Stunde einen Krug voller Bier vor sich stehen und prosteten den zierlichen Bedienungen zu.
Die Stimmung glich einer Mischung aus dem Mittagessen in der Schulmensa und einer Geburtstagsparty mit ein wenig Alkoholgenuss. Überall wurde herzhaft gelacht, angestoßen und geplaudert. Vom leise Reden hielt man in der Märchenwelt anscheinend nichts – manch einen Gast konnte man bis in die Ecke hören, in die sich die Zwillinge gesetzt hatten. Sogleich eilte eine der Bedienungen herbei und fragte, was sie den beiden bringen dürfe.
Jack war kurz davor etwas Alkoholisches zu bestellen, da stieß sein Zwilling ihm in die Rippen. „Untersteh dich!“, fauchte er. Jack sah ihn verärgert an: „Du bist nicht mein Vater! Hier kann ich machen, was ich möchte!“ „Nein, kannst du nicht! Reiß dich doch einmal in deinem Leben zusammen! Wir sind hier nicht bei einer Clubnacht in deiner Lieblingsbar!“, fluchte Will gereizt. Sein Bruder sprang auf: „Es ist nicht meine Idee gewesen, das Buch zu klauen und herzukommen!“ „Wir haben es nicht geklaut! Es ging hierbei um den Erzähler!“, entgegnete Will und erhob sich ebenfalls von der Sitzbank.
Die beiden Brüder funkelten sich wütend an. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass es um sie herum vollkommen still geworden war und sie von allen angestarrt wurden. Erst als Rina und Franz vor ihnen standen, hörten sie auf zu streiten. „Lasst uns das Portal suchen!“, schlug Franz vor, „Alle schauen uns an!“ Widerwillig nickten die Zwillinge. Er hatte wohl recht!

Nur kurze Zeit nachdem sie das Wirtshaus verlassen hatten, begann Jack sich darüber zu beklagen, dass er Durst hatte. „Du hättest etwas trinken können!“, meinte Will vorwurfsvoll. Jack kniff seine Augen zusammen: „Ich war im Begriff genau das zu tun, aber ein gewisser Nachkomme von Jakob und Wilhelm Grimm musste ja unbedingt einen Streit anfangen!“ „Das ist jetzt also meine Schuld?“, eigentlich war das eine rhetorische Frage von Will, doch sein Bruder nickte heftig. „Wessen denn sonst?“
„Deine vielleicht? Du wolltest dich doch besaufen!“, fuhr Will ihn an. Jack hob alle Anschuldigungen von sich weisend die Hände. Die beiden waren stehen geblieben. Sie befanden sich nun wieder im Wald auf einer winzigen Lichtung. Inzwischen war die Sonne hinter den Bergen aufgegangen. Würden die zwei nicht durchgängig damit beschäftigt sein, sich gegenseitig an zu maulen, würden sie vermutlich die Ruhe um sie herum bemerken. Es war fast kein Vogel zu hören. Irgendwo in der Ferne musste ein Bach oder ein kleiner Fluss verlaufen, denn da war dieses Plätschern und Rauschen.
Doch von alledem bekamen Will und Jack rein gar nichts mit. Sie starrten sich nur wieder an, während es in ihnen drin kochte. Während Jack sich darüber ärgerte, dass Will immer versuchte, ihn zu bevormunden, dachte dieser, wie uneinsichtig Jack doch war. Nicht zu fassen, dass er ihn mitgenommen hatte! Was war bloß in ihn gefahren? Er hätte doch wissen müssen, dass Jack in der Zeit, die sie hier waren, nur Probleme verursachen würde!
Gerade begann Will wieder zu sprechen: „Manchmal frage ich mich echt, womit ich so einen Idioten wie dich als Zwilling verdient habe! Jeder andere würde mich verstehen, aber natürlich nicht du, der ja immer alles besser weiß und…“ Eigentlich wollte er weiter reden, doch in diesem Moment erwischte ihn etwas am Hinterkopf. Plötzlich wurde Will ganz schwindelig, er verlor das Gleichgewicht und die Wucht dessen, was ihn getroffen hatte, riss ihn von den Beinen. Er kippte nach vorne. Den Aufprall spürte er gar nicht mehr. Alles wurde schwarz…

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