2. Dezember

2. Türchen, Weihnachtskalender

Will saß im Schneidersitz in der Mitte des Wohnzimmers auf dem dicken Teppich. Um ihn herum stapelten sich unzählige Bücher. Manche von ihnen waren aufgeschlagen, andere geschlossen. Dazwischen verstreut lagen einzelne, handgeschriebene Blätter und mindestens tausend andere Zettel. Auf Wills Knien lag ein Notizblock und er hatte einen Kugelschreiber im Mund. Im Hintergrund lief klassische Weihnachtsmusik und auf dem kniehohen Couchtisch stand ein Teller voller Lebkuchen, an den er jedoch beim besten Willen nicht ran kommen würde, weil der Weg ja von dieser flächendeckenden Schicht Bücher versperrt wurde. Es würde ihm nicht im Traum einfallen, eines davon zu beschädigen. Ganz anders sah das sein Zwillingsbruder Jack, der gerade den Raum zu betreten versuchte.

Die beiden sahen sich nicht unbedingt unähnlich, aber gewisse äußerliche Unterschiede waren auf den ersten Blick zu erkennen. Der größte Unterschied zwischen den Brüdern war zweifellos Wills Brille, die ihn laut einiger Außenstehenden zum Nerd machte. Die dicken, schwarzen Ränder ließen seine Gesichtsform seltsam wirken und irgendwie kam man nicht dazu, darüber nachzudenken, ob man ihn dennoch attraktiv fand, da der Blick einfach an diesem… nun ja… merkwürdigen Gestell hängen blieb. Jack dagegen musste nur einen Raum betreten und wurde schon von einer Horde Mädchen umringt. Das lag vermutlich nicht zuletzt daran, dass er Mitglied im schulinternen Fußballverein war und dort schon des Öfteren den entscheidenden Treffer erzielt hatte.
Soviel zu den Äußerlichkeiten. Kannte man die Zwillinge aber näher, dann wusste man, dass sie im Inneren noch verschiedener waren, als man beim ersten hinsehen vermuten würde. Während Wills Intelligenz über dem Durchschnitt lag, hatte Jack so seine Probleme mit der Logik. Damit und mit dem Denken. Und Konzentration war auch nicht wirklich sein Fall. Eben sowenig wie Schule oder Hausaufgaben. Mit Fleiß, hatte er im Gegensatz zu seinem Bruder auch nie etwas am Hut gehabt… zusammengefasst hatte er es nicht so mit der Nutzung seines Gehirns. Doch trotz dieser gravierenden Unterschiede waren die Brüder seit sie klein waren unzertrennlich. Dass einer zu viel dachte und der andere gar nicht, änderte nichts daran, dass sie ein paar gemeinsame Hobbys hatten. Natürlich begleitete Jack seinen Zwilling nicht zum Schach und der ließ sich wiederum nur selten bei einem Fußballspiel blicken, aber andere Dinge taten sie zusammen. Sie standen beispielsweise auf die selben Filme (wenn man von Wills Vorliebe für Dokumentarserien absah). Außerdem lasen beide sehr viel. Moment! Nein, das stimmt nicht! Das letzte Buch, das Jack in der Hand hielt, war sein Englischbuch, welches er vor drei Jahren einem Jungen aus seiner Parallelklasse ins Gesicht geschmettert hatte, weil der ihn zum wiederholten Mal Intelligenzbombe nannte. Das hatte Jack als Beleidigung gesehen – obwohl der Junge ihn damals einfach nur mit Will verwechselte. Gut, zurück zum eigentlichen Thema! Die Jungs mochten nämlich beide griechisches Essen, besuchten den gleichen Friseur und… und… okay, bestimmt gab es noch etwas anderes, was sie gemeinsam taten, doch zurück zum Geschehen.
Jack versuchte das Wohnzimmer zu betreten. Kein leichtes Vorhaben in Anbetracht der Tatsache, dass eine halbe Bibliothek auf dem Boden liegen musste. Mindestens! Er schaute sich irritiert um. „Hast du meinen schwarzen Lieblingshoodie gesehen?“, fragte er nach einer Weile. Will sah kurz auf. Dann wandt er sich wieder seinen Notizen zu. „Den hast du gestern in die Wäsche gelegt!“, meinte er nun, in ein dickes Buch vertieft. Jack schüttelte den Kopf: „Da ist er nicht!“ „Ich habe ihn heute morgen aber noch da gesehen.“, erklärte Will ohne seinen Zwillingsbruder anzuschauen. Damit schien die Sache für ihn erledigt zu sein. Jack blieb allerdings regungslos in der Tür stehen.
„Bist du dir da sicher?“, wollte er nach einigen Minuten wissen. Will nickte geistesabwesend: „So sicher wie damals, als ich dir die Spielergebnisse bei der WM prophezeit habe!“ Das gab Jack einen Denkanstoß: „Apropos Fußball – weißt du, ob meine Trainer angerufen hat? Er wollte mit mir und Daniel zu so einem Spiel.“ „Mit Daniel und mir, heißt das und nein!“, entgegnete Will konzentriert, „Könntest du nochmal im Bad nach deinem Hoodie suchen? Ich habe zu tun!“ „Was soll ich im Bad?“, Jack war irgendwie gerade nicht mitgekommen. Will entfuhr ein Stöhnen: „Im Badezimmer steht der Wäschekorb und da hast du gestern Abend nach dem Essen deinen Hoodie reingelegt! Wenn du ihn also unbedingt brauchst, dann schau dort nach!“ „Klar brauche ich den! Ich treffe mich gleich mit einem Mädchen!“, erklärte Jack, als wäre er danach gefragt worden. Will machte keinerlei Anspielungen, mehr darüber erfahren zu wollen, doch sein Bruder redete weiter: „Es ist jemand, den du kennst! Sie ist ungefähr so groß wie wir, hat schwarze Haare und grau-blaue Augen!“ „Aha…“, Will war schon wieder bei seinen Büchern und hörte gar nicht richtig zu. Als Jack allerdings plötzlich sagte, dass er Henry meinte, schoss er auf einmal nach oben. „Du triffst dich mit IHR?“ Doch da war Jack schon verschwunden.

Da hätten wir es doch! Etwas, das die Grimm-Zwillinge gemeinsam hatten: Anscheinend standen sie auf dasselbe Mädchen.

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