19. Dezember

19. Türchen, Weihnachtskalender

Als wäre die Situation nicht schon schrecklich genug, hatte sich nach einer kleinen Weile auch noch Rapunzel aus dem Fenster gebeugt und ihr abgetrenntes Haar entdeckt. Sie verfiel – zum Leidwesen aller – in hysterisches Gekreische und wollte mit jammern gar nicht mehr aufhören. Die Beruhigungsversuche von Franz („Es ist alles gut! Wir bekommen das wieder hin!“) halfen genauso wenig, wie Rinas genervte Rufe („Das sind nur Haare! Die wachsen nach und Ihr scheint mir eh viel zu viele gehabt zu haben!“).

Völlig überfordert mit der ganzen Situation begannen die vier Pläne zu schmieden. „Sie wird da oben verhungern, wenn niemand zu ihr hoch kann und ihr Essen bringt!“, meinte Franz. Rina schielte zum Fenster: „Dann würde sie wenigstens nicht so schreien!“ „Na los, Will! Du bist hier das Genie!“, stichelte Jack. Sein Bruder legte die Stirn in Falten: „Ich hätte da vielleicht eine Idee, aber es ist riskant, idiotisch und vollkommen unvernünftig!“
Die Gesichter der drei anderen hellten sich bei diesen Worten zusehends auf. „Unvernünftig und riskant, sagst du? Das klingt doch schon mal nicht schlecht!“, schätzte Rina das ganze ein, „Also erzähl!“

„Idiotisch? Das ist ja wohl die Untertreibung des Jahrzehnts! Klingt wie ein Plan von mir!“, lachte Jack. Er fand die Idee seines Bruders nicht gut, sondern sensationell! Rina konnte ihm da nur zustimmen und Franz sah ein, dass es wohl die einzige Möglichkeit war.
Will atmete tief durch. Was sie jetzt tun würden, sollte verboten werden! Vielleicht war es das auch und er hatte nur noch nie von den Gesetzten der Märchen gehört. Es gab sowas schließlich auch für Zeitreisen, also wieso dann nicht für Ausflüge in andere Welten?
„Du machst doch nicht etwa einen Rückzieher?“, Rina riss Will aus seinen Gedanken. Er räusperte sich: „Nein, die Idee ist jetzt beschlossene Sache, ich habe nur darüber nachgedacht, ob… ähm… was wenn er uns nicht hört?“ Franz nickte zustimmend. In seinem Gesicht war ein leichtes Unbehagen zu erkennen.
Er war ja für vielerlei Leichtsinnigkeiten zu haben, aber das? Einen bösen Zauberer als letzten Ausweg? Gab es für solche Sachen nicht Leute wie Feen? Diese Frage hatte Will bereits beantwortet: Ja! Es nur eben so, dass Feen nicht gerufen werden konnten. Sie tauchten in ausweglosen Situationen einfach so auf, aber da das noch nicht geschehen war, erschien es ihm unwahrscheinlich, dass noch eine kommen würde. Also musste jemand anderes helfen. Der einzige, der Will in dem Moment als möglicher Ersatz eingefallen war, war niemand anderes als Rumpelstilzchen.
Hallo? Rumpelstilzchen! Der war überall bekannt für das, was er der Königin angetan hatte! Seither galt er als der herzloseste Fiesling in allen Reichen! Der sollte nun also helfen?! Tief im Inneren hoffte Franz inständig, der Typ würde einfach gar nicht erst auftauchen. Er hatte doch bestimmt genug zu tun und als ob er immer wüsste, wer gerade seinen Namen rief! Unwahrscheinlich! Höchst unwahrscheinlich!
Das war zumindest Franz‘ Meinung, denn wie sich herausstellte, wusste Rumpelstilzchen es tatsächlich! Will stellte sich breitbeinig mitten auf die Wiese und rief laut den Namen des Bösen, welcher sich nur wenige Wimpernschläge später vor ihm aus de Nichts materialisierte. „Ihr benötigt meine Hilfe, Master Grimm?“, keifte er mit hoher Stimme.
Die vier Gefährten sahen sich verwundert um. „Hier unten!“, ertönte die Stimme erneut. Als sie ihre Blicke auf den Boden richteten, sahen sie tatsächlich jemanden. Nur sah dieser Jemand etwas anders aus, als man sich einen fiesen Zauberer vorstellte. Es sei denn, man dachte sofort an einen Kleinwüchsigen in einem Pinguin-Anzug und mit einem langen, weißen Bart. Er erinnerte die Zwillinge ein wenig an ihren verstorbenen Großvater zu wichtigen Familientreffen. Abgesehen von der Größe natürlich!

„Ihr erwartet allen Ernstes von mir, dieses Mädchen aus ihrem Turm zu holen?“, fragte Rumpelstilzchen mit hochgezogenen Augenbrauen, nachdem Will erklärt hatte, wieso sie ihn gerufen hatten. Er sah erst in die Runde und begann dann haltlos zu lachen. Wie jeder Schurke hatte er ein unverkennbares, abgrundtief böses Lachen, das zur Einschüchterung dienen sollte!
Doch bei Will bewirkte es irgendwie das Gegenteil. „Das heißt, ihr könnt es nicht?!“, fragte er schlicht. Augenblicklich hielt der Zauberer inne: „Natürlich kann ich das! Eine meiner leichtesten Übungen!“ Und ehe sie sich versahen, hing eine goldene Strickleiter an dem Fenster des Turmes und Rapunzel konnte hinunter klettern.
„Gut, da ich nun Euren Wunsch erfüllt habe, seid Ihr nun an der Reihe!“, ein hinterlistiges Grinsen breitete sich auf Rumpelstilzchens Gesicht aus, „Habt Ihr zufällig ein neu geborenes Baby?“ Die vier schüttelten den Kopf. Rumpelstilzchen ließ sich nachdenklich auf das Gras fallen und überkreuzte die Beine zum Schneidersitz: „Kein Baby also… hm… vielleicht ein Paar neue Lederstiefel?“ „Gerade ausgegangen!“, meinte Will. Der Zauberer verzog verärgert das Gesicht.
„Ah, ich weiß etwas!“, rief er auf einmal vergnügt. Er sprang auf die Beine und vollführte einen kleinen, seltsamen Tanz. „Ach wie gut, dass jeder weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß! Haha! Damit wird jeder meinen Namen fürchten!“

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