18. Dezember

18. Türchen, Weihnachtskalender

„Es sind sieben!“, rief Will den anderen zu. Franz drehte sich im Rennen um: „Was soll uns das sagen? Außer, dass sie in der Überzahl sind, meine ich!“ „Die sieben Raben ist ein Märchen! Das sind verfluchte Jungs, die darauf warten, von ihrer Schwester…“, begann Will. Rina unterbrach ihn: „Hier rein!“ Sie stand an einer hohen Wand aus Stein, die plötzlich aus dem Waldboden ragte und der Fuß eines gewaltigen Berges war. Rina winkte die drei anderen an einen ganz bestimmten Punkt, vor dem ein Haufen Pflanzen hingen. So dicht verwachsen, dass man es glatt übersah, wenn man nicht davon wusste. Anscheinend handelte es sich um den Eingang zu einer Höhle.

Wie sich herausstellte, war es keine Höhle – zumindest nicht direkt – eher eine Art Tunnel, der in den Berg hinein führte. Nach wenigen Metern endete dieser Tunnel aber schon wieder und mündete in einem riesigen Hohlraum im Berg. Hier wuchs saftiges, grünes Gras auf der Erde und es gab sogar ein paar Blumen. Es war wie ein wunderschöner leerer Park, in dessen Mitte ein unfassbar hoher Turm stand.
Etwas baumelte aus einem Fenster in schwindelerregender Höhe. Will hatte so eine Ahnung, um was es sich dabei handeln könnte. „Rapunzel?!“, stöhnte er, „Super! Noch ein Märchen, das ruiniert werden möchte!“ Bevor jemand etwas darauf erwidern konnte (und jeder der drei anderen zeigte deutlich, genau das vor zu haben), war hinter ihnen ein Krähen zu hören. Keine zwei Sekunden später waren die Vögel nicht mehr nur zu hören, sondern auch für alle sichtbar. Sie mussten den Zwillingen und ihren Gefährten gefolgt sein. „Ich habe es doch gesagt! Das sind in Wirklichkeit verfluchte Jungen!“, rief Will aus. Er war nicht mal mehr überrascht. Dafür war in den letzten Stunden einfach zu viel passiert!
Zur Überraschung aller stürzten sich die Raben aber nicht auf die vier oder wenigstens Jack. Sie beachteten sie gar nicht! Ihre Aufmerksamkeit lag voll und ganz auf Rapunzels blondem Zopf, der aus dem Fenster hing. Sie umkreisten ihn und abwechselnd flogen sie ganz nah ran. Es sah aus, als würden sie etwas herauspicken.
„Bilde ich mir das nur ein oder hängt da was in diesem langen Ding?“, fragte Franz, „Da oben wo die Raben sind, nur ein Stückchen tiefer!“ Er hatte recht! Das hing etwas in Rapunzels Haaren. Nach einer kurzen Diskussion beschlossen die vier, näher an den Turm heran zu gehen. Sie wollten unbedingt wissen, was die Raben gefunden hatten und was dort in dem Zopf hing.

Am Turm angekommen, war irgendwie nicht wirklich viel zu erkennen. Trotzdem Jack nur scherzte, kam er auf die beste Idee: „Im richtigen Märchen klettert der Prinz an den Haaren hoch!“ „Der Prinz… also ich? Nein, danke! Kein Bedarf!“, meinte Franz nur. Auch Will lehnte ab: „Ich habe Höhenangst! Mach du das mal schön selbst, Brüderchen!“ Doch Jack war augenscheinlich auch nicht so begeistert von der Vorstellung, sich an den Haaren eines Mädchens neun Meter in die Höhe zu ziehen und dort oben auf die sieben Raben zu treffen. „Weicheier!“, betitelte Rina die drei Jungs kopfschüttelnd und griff den Zopf, „Wenn sich die wehrten Herren drücken, muss ich das wohl erledigen!“

Ehe sie sich versahen, war Rina wieder auf dem Boden. Sie hatte sich etwas unter einen Arm geklemmt. Es sah aus, wie ein Stück Stoff und es stellte sich heraus, dass es auch genau das war: ein kleiner Stoffbeutel. Auf diesen waren klein zwei Buchstaben gestickt. H und G – Hänsel und Gretel! „In dem Beutel waren die Brotkrumen!“, schlussfolgerte Will, „Auf dem Weg zum Dorf haben sie gesagt, sie hätten ihn verloren!“ „Das Ding ist also irgendwie bei Rapunzel gelandet und jetzt hängen die Krümel in ihren Haaren?“, Jack sah seinen Bruder mit hochgezogenen Augenbrauen an. Der zuckte nur mit den Schultern: „SO muss es gewesen sein!“ Die beiden funkelten sich gegenseitig böse an.
„Ich unterbreche das hier ja nur äußerst ungern…“, bemerkte Franz, „…aber die Raben sind gerade dabei, den Zopf abzutrennen!“ Er deutete wieder nach oben. Tatsächlich! Während sie versuchten, die Brotkrume aus den Haaren zu ziehen, schnappten sie immer wieder daneben. Ihre spitzen Schnäbel wirkten dabei wie Scheren.
Nur leider war es schon längst zu spät. Ein Großteil der Haare lag bereits auf dem Boden. Die paar übrig gebliebenen Strähnen hielten vermutlich noch nicht mal ein kleines Kind! Will schlug die Hände über dem Kopf zusammen: „Ich habe es ja gesagt! Wir haben es schon wieder getan!“

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