1689

Alex, Kapitel 3, Zeitquälerei - Die Zeiten ändern sich

Es breitete sich eine unangenehme Stille aus. Sowas kannte ich gut, das geschah mir andauert mit allen möglichen Leuten, die nicht mit meiner Art zurechtkamen, aber mit Gabe? Ich hasste es, mich so von ihm zu entfernen, aber nach allem was passiert war, hatte sich ganz klar herauskristallisiert, dass ich mich lieber an die wenigen Dinge halten sollte, die mir Oma bei unserem letzten Telefonat mitgeteilt hatte.

Weihe niemanden in deinem gegenwärtigen Umfeld in deine Pläne ein, nicht mal deinen Bruder oder Krissy und schon gar kein anderes Mitglied von Simikolon!
Mit gegenwärtigem Umfeld meinte sie die Leute, denen ich zu dem Zeitpunkt bereits begegnet war. Sie muss gewusst haben, dass Maria mir Jack und Max vorstellen würde. Wenn ich genauer darüber nachdachte, hatte sie wohl so einiges mehr gewusst, als sie zugegeben hatte.
Plötzlich erinnerte ich mich an das Gespräch, das sie nicht mit mir geführt hatte, sondern mit Gabe. Mein Blick schoss zu ihm, wie er dastand und verzweifelt nach etwas suchte, um diese furchtbare Stille zu beenden. Er wollte reden? Dann würden wir das tun.
„Wieso dachte Oma, ich würde Krissys Zeitreiseartefakt bekommen?“, fragte ich gerade heraus. Mein Bruder versteifte sich bei der Erwähnung von Oma. Einen Moment lang sah er aus, als wolle er eine Gegenfrage stellen, doch dann schien ihm ein Licht aufzugehen: „Du hast an der Tür gelauscht, als ich dich heim gebracht und Krissy mit zu Simikolon genommen habe.“
Es war keine Frage, trotzdem nickte ich. Gabe seufzte. „Wie viel davon hast du mitbekommen?“, seine Worte klangen nicht anklagend, eher wie die Worte eines geduldigen Lehrers, der einem Schüler das Thema noch einmal verständlich erklären wollte und dafür wissen musste, bis wohin er alles verstanden hatte.
„Sie hat dich gefragt, ob ein Tobi tot sei“, meinte ich wahrheitsgetreu. Gabe rieb sich über die Stirn, dann bewegte er den Kopf in einer merkwürdigen Weise, die ich als ein Nicken deutete. Ehe er jedoch antwortete, ließ er sich auf dem Boden nieder, mit dem Rücken gegen der Wand lehnend und klopfte neben sich. Ich kam dieser nonverbalen Aufforderung nach und setzte mich ebenfalls.
„Sein Name ist Toni und er war auch ein Zeitreisender.“
„Dann war Krissys Zeitreiseartefakt vorher seins?“
„Richtig“, er seufzte erneut, so als wäre es unheimlich kräftezehrend für ihn, darüber zu sprechen, „Also, wenn man Zeitreisender von Simikolon ist, dann führt man manchmal Aufträge aus. Zum Beispiel haben Toni und ich drei Jahre lang nach einer Spur gesucht, wann und wo Mum gestorben ist.“
„Wieso wusstet ihr das nicht?“, unterbrach ich ihn verwundert. Meines Wissens nach hatte man ihre Leiche niemals vermisst. Gabriel kaute auf seiner Unterlippe herum: „Bei ihrem Auffinden in der damaligen Gegenwart gab es eindeutige Hinweise darauf, dass sie nach ihrem Tod bewegt wurde.“
Er machte eine kurze Pause: „Durch die Zeit!“ „Was?“, ich zuckte zusammen, als hätte er mir seine Worte ins Gesicht gebrüllt, anstatt sie zu flüstern, „Sie ist nach ihrem Tod in der Zeit gesprungen?“ „Deswegen wussten wir, dass sie irgendwann in der Vergangenheit gestorben ist. Nur hat es drei Jahre gedauert, herauszufinden, wann genau.“
„Und habt ihr?“, entfuhr es mir ungehalten.
„Ja und wir sind auch hingereist, aber…“, er machte noch einmal eine kurze Pause, „Toni wurde umgebracht, als er sie retten wollte.“
Mir blieb die Luft weg, doch ich wusste nicht genau, ob es daran lag, dass dieser Zeitreisende getötet wurde oder an der mir bis dahin unbekannten Tatsache, dass Marias Tod in Wirklichkeit ein Mordfall war.
„Das tut mir leid!“, brachte ich schließlich hervor. Ich spürte, wie er noch immer litt. Es musste ein grausamer Tag gewesen sein. Jetzt verstand ich auch, wieso er so merkwürdig gewesen war, als er Krissy und mich von der Schule abholte…
„Oma hat tatsächlich geglaubt, dass du Tonis Zeitreiseartefakt bekämst“, scheinbar wollte mein Bruder sich von den Erinnerungen an seine Erlebnisse ablenken, indem er auf das ursprüngliche Thema zurückkam, „Es gab wohl irgendwelche Hinweise darauf, du würdest in der Zeit reisen können. Mums Ring ist verschwunden, da war das das naheliegendste.“
„Und mehr steckt nicht dahinter?“, fragte ich hoffnungsvoll. Vielleicht hatte er ja etwas übersehen oder… „Ich würde es dir sagen, wenn ich etwas von Oma erfahren hätte“, gab er niedergeschlagen aber ehrlich zurück, „Du musst allerdings wissen, dass wir uns außer diesem einen Mal niemals übers Zeitreisen unterhalten haben. Sie hat das Thema gehasst!“
Zurecht, dachte ich. Es war nicht wirklich so, dass ich es hasste, aber seitdem ich Marias Zeitreiseartefakt hatte, war mein gesamtes Leben um ein vielfaches komplizierter geworden und dieser Umstand stimmte mich wenig erfreut.
„Du bist in Gefahr“, brachte Gabe plötzlich an. Ich schluckte. „Das hat mir Marc gestern schon gesagt“, gab ich zu, „Aber er konnte mir nicht genau sagen, vor was oder wem ich mich genau in Acht nehmen soll.“
Ich sah zu meinem Bruder hinüber, in der Hoffnung, er wäre derjenige, der mir alles erklären könnte. Dieser Traum platzte allerdings, als mein Blick erst mal auf ihm ruhte. Wie er neben mir an der Wand lehnte und sich das Hirn zermarterte…
Mir ging es da nicht anders. Zwar wusste ich dank Freddy, dass es nicht nur die Gegenwart war, in der ich auf der Hut sein musste, aber der Grund dafür blieb offenbar ein Rätsel.
Seufzend legte ich meinen Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Die Sache erschien mir ziemlich hoffnungslos. Mit „die Sache“ meinte ich in diesem Moment mein Leben, denn es fühlte sich an wie festgefahren. Genug Infos um zu wissen, dass ich vorsichtig sein muss, aber bei weitem nicht genug, als dass ich wüsste, von wem oder was die Gefahr ausging. Von dem genauen Grund mal ganz abgesehen!
„Du solltest damit anfangen, dich von dem Jahr 1689 fern zu halten“, riet mir Gabe plötzlich. Ich schlug die Augen wieder auf, starrte aber zur Decke hoch, statt ihn wieder anzusehen: „Ist das das Jahr, in dem unsere Mutter ermordet wurde?“
Diese Frage auszusprechen war aus drei Gründen komisch. Erstens, fühlte es sich falsch an, Maria „unsere Mutter“ zu nennen, zweitens lag mir das Wort „ermordet“ noch immer schwer im Magen und drittens kannte ich die Antwort bereits. Gabes Antwort – ein einfaches, direktes Ja – überraschte mich daher wenig.

Meine zweite Zeitreise für Simikolon am nächsten Nachmittag war mindestens genauso schlimm wie die erste. Diesmal lag es aber nicht an der merkwürdigen Stimmung zwischen meinem Bruder und mir, sondern einzig an der Tatsache, dass Krissy dabei war. Sie hielt die ganze Zeit über Gabes Hand und schenkte mir ein süßes Lächeln, während wir ein Gespräch über etwas führten, an das ich mich schon gar nicht mehr erinnerte, als ich jetzt vor dem Hauptquartier stand.
„Mein Auto steht da drüben“, meinte Gabe und nickte in die Richtung, aus der wir vor ein paar Stunden gekommen waren, nachdem er mich von der Schule abgeholt hatte. Ich war in die andere Richtung losgelaufen, aber nicht, weil ich so schusselig wäre, sondern weil ich Jack gesagt hatte, er solle einige Straßen weiter parken.
Womöglich würden Gabe oder Krissy ihn erkennen, wenn sie ihn zufällig hier sähen, wenn nicht jetzt, dann vielleicht während eines Treffens in der Vergangenheit. Laut Jack wurden nämlich die Zeitreisenden von Simikolon des öfteren auf Bälle seiner 17. Jahrhundert-Eltern geschickt.
„Oh, ich fahre nicht mit euch mit“, erklärte ich leichthin, als wäre ich eben nicht auf übelste durch Langeweile gefoltert wurden, „Ihr werdet mich sicher nicht jeden Tag mitnehmen können, also möchte ich die Möglichkeiten austesten, wie ich allein hier weg komme.“ Mit einem kurzen Winken wendete ich ihnen den Rücken zu, ehe sie etwas erwidern konnten.
Ich überprüfte mehrfach möglichst unauffällig, ob mir auch ja niemand folgte, bis ich schließlich bei Jacks Truck ankam. Er öffnete mir von Innen die Tür, indem er sich über den Beifahrersitz lehnte. „War der Tag etwa so harmlos, dass da jemand paranoid geworden ist“, grinste er zur Begrüßung.
Mit einem grimmigen Lächeln ließ ich mich auf den Beifahrersitz fallen: „Du hast ja keine Ahnung!“ Aber die hatte er wohl doch, denn er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Weder vor, während oder nach meiner Zeitreise mit Krissy und Gabe hatte mir auch nur eine einzige Person bei Simikolon einen misstrauischen oder gar bösen Blick zugeworfen.
Die Sekretärin hatte bei unserem Eintreffen gestrahlt, als wäre ich ihr Lieblingsteddy, Die Leute auf den Korridoren hatten freundlich gegrüßt und Krissy hatte mir nicht einmal hinter Gabes Rücken drohende oder selbstgefällige Blicke zugeworfen. Wenn das mal nicht verdächtig war! Es stank geradezu nach dem Etwas im Busch!
Außerdem kreisten meine Gedanken seit gestern um mein Gespräch mit Gabe. Dabei stand nicht unbedingt diese schreckliche Stille zwischen uns im Vordergrund – darüber nachzudenken konnte ich mir im Moment nicht leisten – sondern viel eher das, was er mir über Maria und ihren Tod erzählt hatte.
„Was ist los, Alex? Du bist gedanklich gar nicht richtig da“, wieder hatte Jack eine Ahnung. Ich verkniff mir einen skeptischen Blick, um nicht wieder etwas von wegen Paranoia zu hören zu bekommen und kam stattdessen sofort auf das zu sprechen, was ich ihm nicht hatte am Telefon erzählen wollen, als wir uns Uhrzeit und Treffen hiervon ausgemacht hatten.
„Hast du gewusst, dass Maria im Jahr 1689 ermordet wurde?“, fragte ich geradeheraus. Jack, der gerade den Motor hatte starten wollen, warf mir einen vollkommen ungläubigen Blick zu: „Was?“ Er sah sich erst im Wagen um, dann draußen auf der Straße und dem Fußweg, als wolle er sichergehen, dass uns niemand belauschte. Wer war jetzt hier paranoid?
„Maria Mails wurde im Jahr 1689 getötet und ist danach irgendwie in der Zeit zurück in die damalige Gegenwart gereist.“
„Woher weißt du das?“, verlangte er zu wissen. Ich hielt den merkwürdigen Blick nur mit Mühe stand, mit dem er mich fixierte: „Gabe hat es mir erzählt.“ Jacks Blick wurde noch seltsamer, nachdem ich diesen Namen erwähnt hatte.
„Gabe ist mein Bruder“, erklärte ich sicherheitshalber, „Er ist einer der Zeitreisenden, die Maria mit auf die Bälle deiner Eltern begleitet.“ „Ja, ich weiß wer das ist!“, erwiderte er und lehnte sich wieder hinüber. Dabei griff er über mich, klappte die Sonnenblende auf meiner Seite herunter und zog etwas hervor, das scheinbar zwischen Sonnenblende und Autodach geklemmt hatte.
Ich erkannte es als Zettel und Stift, als er wieder normal saß und das Stück Papier gegen das Lenkrad drückte, um schreiben zu können. Dabei murmelte er vor sich hin, eher mit sich selbst redend als mit mir: „1689 sagtest du?! In dem Jahr ist Max 37 geworden… wird 37 werden…“
„Wird werden?“, hakte ich nach. Nicht, dass ich die benötigte Tempusform kannte, die man benötigte, um Dinge auszudrücken, die vor Jahrhunderten geschehen waren, denen man aber erst in der Zukunft beiwohnen würde. Jack ging nicht darauf ein: „Bist du dir bei dem Jahr ganz sicher?“
„Gabe sagte, er wäre dort gewesen. Ein anderer Zeitreisender hat ihn begleitet und ist dann ebenfalls dort ermordet worden.“
„Wir sprechen hier nicht von Toni, oder?“, unterbrach mich Jack. Jetzt sah ich ihn restlos verständnislos an: „Du kennst ihn?“ Langsam bekam ich ziemlich heftige Kopfschmerzen von dieser Unterhaltung.
„Er war im selben Alter wie Mary und die beiden hatten eine gemeinsame Tarngeschichte. Sie haben sich im 17. Jahrhundert als ein junges Pärchen ausgegeben… ich habe gehört, dass er gestorben ist, aber dass es etwas mit Marys Ermordung zu tun hatte…“
„Wissen denn wirklich alle außer mir, dass es Mord war?“, wollte ich wissen, denn irgendwie fühlte ich mich bei diesem Thema hintergangen. Im Gegensatz zu allen anderen hatte ich von diesem Umstand erst gestern erfahren, wie mir schien. Doch auch darauf ging Jack nicht ein: „Das heißt, irgendwie muss Simikolon von dem Datum erfahren haben. Daraufhin haben sie Gabe und Toni hingeschickt und derselbe, der Maria getötet hat, hat auch Toni erwischt…“
Wieder schrieb er sich etwas auf. Ich legte den Kopf schief und erfragte den Grund. Bisher hatte ich nicht den Eindruck bekommen, Jack hätte ein schlechtes Gedächtnis.
„Weil uns das weiterbringen könnte, Alex!“, entgegnete mir Jack prompt, „Wir wissen, dass Simikolon hinter dir her ist, weil jemand behauptet hat, du hättest etwas mit dem Tod deiner Mutter zu tun. Wir haben keine Ahnung, wer der oder die Unbekannte ist und wissen genauso wenig, wieso jemand das behaupten sollte! Wenn wir aber wissen, was wirklich geschehen ist, dann könnten wir das sicher aufklären!“
Langsam kam ich mit. Mir kam ein Gedanke: „Wenn der Mord im 17. Jahrhundert stattfand, heißt das, dass es ein Zeitreisender gewesen sein muss, der die Gerüchte gestreut hat, oder?“
„Davon gehe ich mal aus.“

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