16. Dezember

16. Türchen, Weihnachtskalender

Auf dem Weg zum Dorf waren die elf zwei Kindern begegnet. Das waren natürlich Hänsel und Gretel, doch da sich alle Exgefangenen vorstellen konnten, wie die Knusperhexe gerade drauf war, hielten es alle – außer Ragey – für unverantwortlich, die beiden Kinder zu ihr zu lassen. Jack hatte sich dahingehend verplappert und nun waren sie dreizehn, die durch den Wald schnauften, um irgendwann in hoffentlich naher Zukunft das Dorf zu erreichen.

Rotkäppchen hatte nicht gelogen. Nach einigen Stunden erreichten sie tatsächlich ein Dorf. Es war laut dem Prinzen ein zentraler Handelspunkt. Hänsel und Gretel trafen auf dem großen Marktplatz zufällig ihren Vater, der dort versuchte, sein Holz zu verkaufen. Will war zwar absolut nicht damit einverstanden, doch schließlich gingen die drei als glückliche Familie nach Hause. Die sieben Zwerge verschwanden schneller in einer Kneipe, als man ihre richtigen Namen aufzählen konnte. Ja, ganz richtig gehört! Die Namen, die sie den Zwillingen genannt hatten, waren von den Gebrüdern Grimm erfunden worden, um die Zwerge liebenswerter zu machen. Ihre eigentlichen Namen waren diese:

• Boss = Kater
• Cooky = Suff
• Snory = Malle
• Ragey = Exe
• Lucky = Alko
• Unlucky = Hol
• Junior = Junior

Aus wirklich unerfindlichen Gründen – so sagten zumindest die Zwerge – hatten Wilhelm und Jakob Grimm ihnen damals neue Namen gegeben. Was die beiden damals damit andeuten wollten, war ihnen scheinbar nie klar geworden.
Nachdem nur noch die Zwillinge, Prinz Franz und Rotkäppchen anwesend waren, setzten sie sich neben einen Brunnen, der in der Mitte des Marktplatzes errichtet worden war. Dort mussten Will und Jack den beiden anderen alles genaustens erklären. Angefangen bei ihren Aufgaben als Nachfahren, bis hin zu dem Grund, wieso sie überhaupt durch das Portal gegangen waren.
„Habe ich das jetzt richtig verstanden?! Ihr beide seid auf der Suche nach dem Erzähler unserer Geschichten, weil sonst nichts davon jemals geschrieben worden werden können getan werden kann… oder so ähnlich…“, fasste Rotkäppchen zusammen. Jack nickte und Will wackelte nicht ganz so überzeugt mit der Hand. Ganz richtig war diese Zusammenfassung nicht, vor allem das Ende war äußerst fragwürdig gewesen. Ein Mix aus verschiedenen Tempusformen, wie er es nicht mal von Jack jemals zu hören bekommen hatte.
„Braucht ihr bei eurer Suche vielleicht noch etwas Hilfe? Ich bin eine gute Fährtenleserin.“, meinte Rotkäppchen, wobei sie großes Interesse an der Mission zeigte. Prinz Franz und Jack waren sofort begeistert von dem Vorschlag. Will zögerte noch einen Moment, schließlich hatten sie schon genug Märchen zerstört. Doch dann fiel ihm auf, dass in diesem Fall eh alles verloren war. Ein böser Wolf konnte schlecht ein lebendiges Mädchen und ihre Großmutter fressen, wenn er tot war. Also stimmte auch er zu. Damit waren sie also zu viert. Prinz Franz erhob sich und sagte feierlich: „Jetzt, wo wir alle gemeinsam für den Erhalt der Märchen sorgen, ist es, denke ich, nicht mehr nötig, auf den Prinzentitel zu beharren. Ab jetzt dürft ihr mich Franz nennen.“ „Wenn das so ist, dann nennt mich doch einfach Rina.“, bat Rotkäppchen. Jack sah sie verwundert an: „Rina? Wieso?“ „Weil das mein Name ist!“, erklärte Rina, „Denkst du echt, jemand nennt sein Kind Rotkäppchen?“ „…weil ihr das rote Käppchen so gut stand und es nichts anderes mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen.“, zitierte Will vorwurfsvoll. So ein klein wenig logisches Denken war doch nicht zu viel verlangt, oder?
Nach einer Weile einigten sich die vier darauf, noch einmal in den Wald zu gehen und sich dort nach dem Erzähler umzuhören. „Die Bäume wissen alles!“, erklärte Rina geheimnisvoll. Sie warf den anderen vielsagende Blicke zu. Jack sprang auf die Beine und klopfte sich den Dreck von der Hose. „Bevor wir losgehen, brauche ich aber noch dringend etwas zu Essen!“, sagte er ernst. Will sah ihn von der Seite skeptisch an: „Du hast vor ein paar Stunden das halbe Hexenhaus aufgemampft und willst jetzt schon wieder etwas futtern? Wenn du so weiter machst, wirst du noch fett!“ Jack hob ungerührt die Schultern. „Das sollte dich freuen! Dann hättest du es leichter mit Henry!“, mit einem seltsamen Blick drehte er sich herum und lief Franz hinterher, der ihn zu einem Stand führte.
Rina und Will blieben am Brunnen zurück. „Was hat er damit gemeint? Wer ist Henry?“, wollte Rina neugierig wissen. Will schluckte: „Henry ist unsere beste Freundin und wir sind beide…“ An dieser Stelle brach er ab. „…in sie verliebt!?“, ergänzte Rina. Will nickte stumm. Sie lächelte mitleidig. „Ist bestimmt nicht leicht! Auf der einen Seite die besondere Verbundenheit von Zwillingen, auf der anderen die Liebe. Am besten wäre es vermutlich, einen Friedenspakt zu schließen und sie entscheiden zu lassen.“ Will hob die Schultern: „Ja, vielleicht, aber in diesem Fall wird das wohl nicht so einfach sein, glaube ich! Bisher sich nämlich noch niemand von uns getraut, Henry zu sagen, was Sache ist und dann gleich alle beide auf einmal… wir würden auf jeden Fall unsere Freundschaft gefährden und womöglich empfindet Henry für keinen von uns das gleiche und dann sind wir gegenseitig sauer aufeinander und sie ist sauer auf uns und…“ Auf einmal wurde ihm etwas klar: „Verdammt! Gestern Abend hätte sie einen Kontrollgang machen müssen!“ „Was ist daran so schlimm?“, fragte Rina. Will kramte in der Ledertasche herum, die er seit gestern trug und nicht einmal abgenommen hatte. Eigentlich gehörte sie Franz, doch er hatte sie ihm überlassen, um das Portal-Buch darin zu verstauen. Dieses hielt er nun in die Luft, wie den heiligen Gral: „Wie soll sie den Kontrollgang machen, wenn das Buch, das das Portal öffnet, hier ist?“

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