15. Dezember

15. Türchen, Weihnachtskalender

Es dauerte eine geraume Zeit, aber es klappte! Die Knusperhexe kam währenddessen nur zweimal vorbei. Das erste Mal, um zu verkünden, dass Will der erste im Ofen sein würde und das zweite Mal, weil sie Freude daran zu haben schien, ihren Gefangenen mitzuteilen, dass sie fantastische Braten abgeben würden. Dass ihre Braten gerade damit beschäftigt waren, ein Loch in ihre Lebkuchenwand zu futtern, fiel ihr vor lauter Lachen nicht auf. Zumal die elf auch vor dem stetig wachsenden Loch standen, sobald Ragey Alarm schlug.

Wer hätte gedacht, dass der Ausbruch so einfach werden würde? Wände aus Lebkuchen? Also bitte! Das war doch wohl das perfekte Beispiel für Kontraproduktivität in der Baukunst. Vielleicht eine ganz hübsche Idee für ein Schulprojekt, aber zum wohnen? War sowas denn überhaupt Wasserfest?
Irgendwie kam es Will immer noch zu einfach vor. Er rechnete insgeheim mit einem Kern aus Eisen oder ein laut losheulenden Sirene, doch Fehlanzeige! Nichts dergleichen geschah. Das Loch wurde größer und größer.
„Geht beiseite!“, sagte der Prinz und statt den Lebkuchen zu essen, schlug er mit dem Ellenbogen gegen die poröse Wand, bis schließlich ein großes Stück herausbrach. Erleichterung breitete sich aus. Prinz Franz drehte sich zu den anderen um: „Kommt! Bevor die Knusperhexe bemerkt, dass wir fliehen!“
Einer nach dem anderen kletterte durch das Loch nach draußen. Als letztes die Zwillinge. Als auch die zwei fest mit den Füßen auf dem Waldboden standen, winkte Rotkäppchen vom Rande der Lichtung zu. „Ich kenne den Weg zum nächsten Dorf!“, rief sie und war schon verschwunden.
Inzwischen war es wieder hell geworden. An einigen Pflanzen klebte noch der morgendliche Tau. Durch den Wald zog sich seicht ein Nebelschwaden, der die elf etwas frösteln ließ. Die meiste Zeit versuchten sie, Rotkäppchen nicht aus den Augen zu verlieren. Sie legte ein ordentliches Tempo vor. Da blieb fast keine Zeit, eine Unterhaltung zu führen. Aber eben nur fast.
„Die Verstrickungen in den Märchen sind komplexer, als ich dachte! Wir müssen extrem vorsichtig sein! Wer weiß, was sonst noch alles passiert?“, Will sagte es, während er versuchte, über einen umgeknickten Baumstamm zu klettern, was ihm irgendwie nicht so richtig gelingen wollte. Er rutschte auf der einen Seite immer wieder hinunter, bis sich Jack umdrehte und ihm die Hand reichte, um ihn hochzuziehen. „Kannst du das bitte nochmal für Leistungsschwache übersetzten?“, fragte er dann, als beide auf der anderen Seite des Stammes angekommen waren. Will strich seinen Pullover glatt: „Ich meine damit, dass hier irgendwie alles zusammenhängt!“ „Dann sag das auch!“, forderte Jack, „Nicht alle sind so wie du!“
„Wie bin ich denn?“, wollte Will wissen. Sein Bruder trat gerade mitten in eine Pfütze, die er gekonnt zu umgehen wusste. In diesem Teil des Waldes musste es kürzlich geregnet haben. „Naja… du bist eher so der Denker-Typ! Große Fähigkeiten, die du allen immer vorhalten musst. Eigentlich dachte ich immer, ich wäre derjenige von uns beiden, der sich in jeder Lebenslage in Gefahr bringen könnte, aber du hast schon mindestens zweimal bewiesen, dass du das besser kannst!“, leierte Jack herunter. Es klang fast so, als wäre in seinem Kopf eine Strichliste, von der er gerade einen Punkt nach dem anderen abhakte. „Ich habe echt riesigen Respekt davor, wie weit du deine Klappe aufreißt, wenn dir Leute gegenüber stehen, die dich abmurksen wollen.“, beendete Jack seinen Vortrag.
Will war stehen geblieben und starrte seinen Bruder fassungslos an. „In diesen Situationen nutze ich mein Gehirn und denke, Jack! Laut, damit auch den Leuten in meinem Umfeld eine rettende Idee kommen kann!“, verteidigte er sich. Jack winkte ab: „Es ist doch nichts falsch daran, mutig und provokant zu sein!“ Damit ließ er seinen Zwilling einfach stehen. Der konnte es kaum fassen. Was für einen Eindruck würden wohl die anderen Märchenfiguren von ihm haben, wenn sein eigener Bruder ihn für ein elendes Großmaul hielt? Wollte er das wirklich? Es klang irgendwie so aufdringlich und alles andere als… naja… intelligent! Im Gegenteil! Zu Wills Schreck klang das fast so, wie die meisten Jack beschrieben! Auch wenn er diese ganz besondere Bindung zu seinem Bruder hatte, wollte Will unter gar keinen Umständen so sein, wie er. Er musste sich schleunigst eine neue Strategie einfallen lassen!

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