14. Dezember

14. Türchen, Weihnachtskalender

Erst jetzt kam Will dazu, sich umzusehen. Er, sein Bruder, Prinz Franz, die sieben Zwerge und Rotkäppchen waren gefangen in einem düsteren Raum ohne Fenster. Es gab nur eine vergitterte Tür, durch die man in das Zimmer sehen konnte, in welchem sie noch bis vor einer Weile gesessen hatten. Wenn man von hier aus gerade in diesen schaute, viel der Blick auf den großen Kamin. Will wurde so schnell so viel klar, dass sich ein leichtes Schwindelgefühl in ihm ausbreitete.

Nach einiger Zeit kam die Hexe aus der Küche. Sie eilte mit gezückten Messer auf ihre Gefangenen zu. Die waren mit einem Mal sehr dankbar für das Gitter. Um so viel Abstand zwischen sich und die Alte zu bringen, wichen alle zurück, bis ihre Rücken an der Wand lehnten.
„Um es kurz zu machen: Ihr werdet sterben!“, kicherte sie und dabei erinnerte sie Jack an einen dieser Horrorclowns aus dem Fernsehen. Diese, die mit heulenden Kettensägen durch nächtliche Tunnel streiften und auf junge Pärchen zustürmten, während sie in gruseliges Gelächter ausbrachen. „Der erste der stirbt, ist derjenige, der meinen Wolfie kaltblütig ermordet hat!“, erklärte die Hexe weiter, „Der Schuldige darf gerne vortreten!“
Es herrschte ein ängstliches Schweigen. Natürlich bewegte sich niemand! Wolfie? Wer das sein sollte, wusste nicht mal Will. Die Hexe sah alle mit scharfem Blick an: „So? Es will also keiner von euch gewesen sein?“ Nach einem tiefen Atemzug fragte Jack, was allen durch den Kopf ging. „Ich dachte, ihr wärt Grimms?!“, entgegnete die Hexe, „Als solche dürftet ihr wissen, dass Wolfie mein Haustier ist!“ Die Zwillinge sahen sich verwirrt an. Der Hexe entfuhr ein genervtes Stöhnen: „Der böse Wolf! Der, der Rotkäppchen fressen sollte! Die sieben Geißlein, hätte er letzte Woche beinahe gehabt…“ Aus einer Ecke ertönte ein gedämpftes Geräusch. Junior hatte Rotkäppchen den Mund zugehalten, um einen entsetzten Schrei ihrerseits zu verhindern.
Will war der erste, der sich traute etwas zu sagen: „Wenn es der böse Wolf ist, den ihr hiermit rächen wollt, dann habt ihr die Falschen! Der Jäger hat ihn erschossen!“ „Mag sein!“, unterbrach ihn die Knusperhexe, „Aber er war nur draußen, weil die böse Fee meinen Zuständigkeitsbereich betreten hat! Ist euch aufgefallen, dass das nie so in den Originalen stand? Jemand hat etwas verändert! Alles ist aus dem Gleichgewicht! Nur deswegen ist mein Wolfie tot!“
Jack schluckte. Will ließ sich nicht so schnell verunsichern. „Ihr wisst also von den Originalen! Wann habt Ihr die Märchenwelt verlassen und so viel über die Werke unserer Vorfahren herausgefunden?“, fragte er selbstbewusst und trat sogar einen Schritt von der Wand weg. Die Knusperhexe war darüber sichtlich überrascht: „Das ist schon ein Weilchen her! Ich habe ein Auge für Leute, die nicht hierher gehören! Damals, bei der Konferenz des Bösen bin ich zufällig auf die Gebrüder Grimm gestoßen! Ich habe sie verfolgt, das Portal entdeckt und schließlich einen Weg gefunden, es zu öffnen!“ „Ihr müsst eine Weile lang in unserer Welt gewesen sein, wenn ihr die Originale gelesen haben wollt!“, merkte Will an. Die Alte gab einen komischen, empörten Laut von sich. „Lange genug jedenfalls!“, grummelte sie und mit einem Mal verschwand sie wieder in der Küche.
„Ich bin nicht so ganz mitgekommen! Ihr stammt aus einer anderen Welt?“, Prinz Franz musterte die Zwillinge von Kopf bis Fuß. Die beiden nickten. „Das ist aber unwichtig! Wir müssen erstmal hier raus!“, erklärte Will. Mit diesen Worten begann er sich nach einer Fluchtmöglichkeit umzusehen. Jack ließ sich mit dem Rücken an der Wand hinuntergleiten. „Ich habe hunger!“, jammerte er. Will ging nicht darauf ein, aber Ragey, der Zwerg: „Tja, hätte man nicht den Jäger gegen die Karte getauscht, würden wir jetzt etwas zu essen haben!“ „Wer konnte denn ahnen, dass das eine Falle war? Und im Übrigen meint Ihr doch nicht etwa den Wolf?“, erwiderte der Prinz. Ragey zuckte ungerührt mit den Schultern. „Cooky hätte etwas leckeres aus ihm gemacht!“, schniefte Unlucky betrübt.

So verging die Zeit. Die Zwerge begannen recht bald damit, wirre Rezeptideen mit Wolfsfleisch aufzuzählen. Eines klang ekliger als das nächste! Prinz Franz lief währenddessen neben den Wänden auf und ab. Rotkäppchen hockte in einer Ecke. Vollkommen verwirrt, was die ganze Situation anging. Will stand steif wie ein Tannenbaum in der Mitte des Raumes und hatte sein Genie-Gesicht aufgesetzt. Das hieß, dass er im Stillen gerade allen großen Denkern Konkurrenz machte.
Jack kniete vor der Wand. Es war so unfair! Er war halb am verhungern und in diesem verdammten Raum roch es nach Weihnachtsgebäck! Wütend und enttäuscht schlug er gegen die Wand. Normalerweise taten ihm nach solchen Verzweiflungstaten die Handknochen weh, doch nicht dieses Mal! Stattdessen breitete sich ein kleiner Riss in der Wand aus. Verwundert stand Jack auf. „Will…“, begann er. Sein Bruder blockte ab: „Ich berechne gerade die Stärke der Wände, Jack! Aber wenn wir hier raus sind, suchen wir von mir aus eine Pommesbude!“
„Ich denke, das wird nicht nötig sein! Weder deine mathematischen Zeichnungen, noch die Pommes!“, meinte Jack und deutete auf die Stelle mit dem Riss. Dank seiner Worte hatte Will eh den Faden verloren, also warf auch er einen Blick darauf. Erstaunt riss er die Augen auf. „Jack, manchmal bist du wirklich ein kleines Nachwuchsgenie!“, entfuhr es ihm, „Ich hoffe, alle Anwesenden vertragen Zucker!

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