Zeitquälerei

Epilog, Zeitquälerei - Wie die Uhr tickt

Epilog

Mit einer Hand fuhr ich mir durch die Haare. Eine Geste von Verzweiflung, denn das war ich nun mal. Ich stand mitten im Korridor und damit unweigerlich vor einer Entscheidung, die mehr zu bedeuten hatte, als nur eine Richtung zu wählen.
Jua war die beste Freundin meiner Mutter gewesen, Marc dagegen der engste Vertraute von Toni. Es fühlte sich so an, als müsse ich zwischen den beiden Menschen wählen, die für mich meine Eltern waren, auch wenn Toni nicht mein leiblicher Vater war. Trotzdem – ich hatte immer ein sehr enges Verhältnis zu ihm gehabt und in den letzten drei Jahren war er neben Oma mein Ansprechpartner gewesen.
Toni hatte mich immer in allem unterstützt, was ich tat, hatte mich besser verstanden als jeder andere, weil er wusste, was es hieß, Zeitreisender von Simikolon zu sein. Mum hätte das sicher auch getan, aber sie war ermordet worden. Ebenso wie auch Toni.
Am Liebsten würde ich mich wie ein kleines Kind einfach auf den Boden setzen und mich mit vor der Brust verschränkten Armen weigern, diese Entscheidung zu treffen. Leider war ich inzwischen 19 Jahre alt, reif genug mich derart kniffligen Situation zu stellen und im Moment mehr denn je dazu verpflichtet.
Es ging hier nicht um mich, es ging um meine kleine Schwester! Ich war nicht dumm! Natürlich hatte ich mitbekommen, dass da etwas im Busch war, aber es stand zu viel zwischen uns, als dass ich sie einfach darauf hätte ansprechen können.
Angefangen hatte alles damit, dass ich mit Krissy zusammengekommen war. Alex hatte nicht gewusst, dass Krissy bereits vor ihrer Ernennung zur Zeitreisenden Mitglied bei Simikolon gewesen war und wir uns deshalb bereits öfter über den Weg gelaufen waren, als sie vermutete. Deshalb hatte ich auch schon eine ganze Weile lang gewusst, dass sie auf mich stand, aber… ach, ich weiß auch nicht! Etwas hatte sich verändert, nach unserer ersten gemeinsamen Zeitreise.
Krissy war wie alle Quins unheimlich intelligent, sie war für alles offen und hatte viele Talente in den unterschiedlichsten Bereichen. Daraus resultierte eine gewisse Vielschichtigkeit, die mich faszinierte und zu ihr hin zog. Ich konnte nicht genau sagen, wie es letztendlich dazu gekommen war, dass wir nun ein Paar waren, aber das waren wir jetzt und es war gut so.
Alex sah das allerdings ganz anders. Ich konnte es ihr nicht mal wirklich verübeln, denn irgendetwas hatte Krissy gegen meine Schwester. Dass die Versöhnung gestern nur fingiert war, hätte selbst ein Blinder sehen können, nur war mir nicht ganz bewusst, was sich wer daraus versprach. Auf der Autofahrt hatte ich gestern erkannt, dass es besser wäre, das ganze im Auge zu behalten, weiterhin den Unwissenden mimend.
Jedoch musste ich auch irgendwie wieder mehr Anteil an Alex‘ Leben nehmen. Sie schwebte hier bei Simikolon in Gefahr, ganz zu schweigen von dem Angriff auf sie. Daran wollte ich gar nicht denken, denn schließlich war ich in der Lage, in die Vergangenheit zu reisen. Wenn ich mich nicht zusammenriss, würde ich zurückreisen, mich an ihre Fersen heften und sie verfolgen. Ich würde meine eigene Schwester stalken müssen, um mir Klarheit zu verschaffen und sie beschützen zu können.
Der Gedanke, sie besäße schon länger das magische Zeitreiseartefakt unserer Mutter, war mir bereits vor einigen Tagen gekommen, doch als ich Krissy in ihrem Bad eingesperrt vorgefunden hatte und Alex nirgends zu sehen war, bestand darin für mich kein Zweifel mehr. Vielleicht hatte Krissy auch recht mit der Aussage, sie hätte meine Schwester auf diesem vermaledeiten Ball gesehen…
Der Ball… wenn Alex auf dem Ball war, dann hatte sie stilechte Kleidung getragen und über die verfügte nur eine Person, die wir kannten. Sollte das also alles stimmen, dann war Jua eingeweiht. Somit würde sich dann auch meine Misere in Luft auflösen.
Ich eilte mit langen Schritten den rechten Gang entlang, entfernte mich vom Behandlungszimmer und näherte mich dem Atelier. Es war nicht weit bis dorthin. Vor der Tür blieb ich stehen und klopfte, wartete aber nicht, bis Jua mich hereinbat, weil wir uns schon seit meiner Geburt kannten und ich genau wusste, dass sie da war.
„Ich werde das Kleid nicht nochmal schneidern, nur damit die neue Farbe in Madams Augen besser zu ihrem Erscheinungsbild passt!“, schnaubte Jua vom anderen Ende des Raumes aus. Tatsächlich hatte ich sie nur einmal in meinem ganzen Leben schnauben hören und damals hatte jemand vor uns die Straße überquert, der eine gepunktete Jogginghose unter einem karierten Hemd getragen hatte.
Nun allerdings war weit und breit niemand zu sehen, dem ein solcher Fauxpas passiert sein könnte, denn außer Jua hielt sich offensichtlich niemand hier drin auf. Sie musste also nach dem Klopfen mit jemand anderes gerechnet haben. Bevor ich den Fehler allerdings berichtigen konnte, kam sie mit in die Hüfte gestemmten Armen hinter einer vollen Kleiderstange hervor, holte schon Luft für eine Stellungnahme, erkannte mich aber gleich und strahlte mich an.
„Gabe, was für eine Freude, dich ohne die Möchtegerndiktatorin zu sehen!“, flötete sie und begrüßte mich mit einer Umarmung. Ich verkniff mir einen Kommentar, da es hier schließlich nicht um mich ging. Ich wollte keine Zeit verlieren und sofort auf den Punkt kommen: „Du hast Alex das Kleid für den Ball gegeben und wusstest, dass sie Mums Ring hatte, bevor sie gestern hier aufgetaucht ist, oder?“
Natürlich könnte sie versuchen das abzustreiten. Ich hatte keinerlei Beweise für diese Theorie, sie hätte genauso gut falsch sein können, aber Juas Gesichtsausdruck verriet mir, dass dem nicht so war. Ich lag goldrichtig mit meiner Vermutung!
Gerade wollte ich den Mund öffnen, um sie um Details zu bitten, da hob sie warnend einen Zeigefinger. Ohne eine Erklärung eilte sie zur Tür und schloss diese ab, ehe sie sich wieder mir zuwandte: „Maria war mit ihr dort. Sie wollte sie in die Welt der Zeitreisenden einführen, um sie von Simikolon fern zu halten. Nach allem, was Alex ihr erzählt hat, ist sie zu dem Schluss gekommen, dass es hier in keiner Zeit sicher für sie ist.“
„Wieso bist du nicht sofort zu mir gekommen?“, wollte ich wissen, „Sie ist meine kleine Schwester! Ich hätte ihr helfen können!“ „Für mich ist das schon über 20 Jahre her, Gabe“, erklärte sie mir ernst, „Damals war ich noch nicht mal bei Simikolon, sondern habe als einfache Designerin in meinem eigenen Atelier gearbeitet. Durch Maria habe ich vielleicht schon von Zeitreisen gewusst und ihr schon damals hin und wieder mit Klamotten ausgeholfen, aber ich bin keine Zeitreisende, deshalb habe ich all die Dinge, die ich jetzt weiß, erst nach und nach erfahren.“
„Du hättest mich trotzdem einweihen können, schließlich wusstest du sicher, wie alt sie sein würde, wenn das ganze in dieser Zeit anfängt“, entgegnete ich. Jua schüttelte den Kopf: „Ich hätte dich auch jetzt nicht einweihen dürfen! Das tue ich nur, weil ich weiß, dass dir Alex alles bedeutet, nachdem Maria und Toni tot sind und deine Großmutter…im Moment nicht hier sein kann.“
Ich schluckte. Sie hatte recht! Nur war ich auf dem besten Weg, auch noch den letzten Menschen zu verlieren und das wegen… weil… keine Ahnung! Ich war wohl schlichtweg nicht für sie da gewesen. Alex‘ komplettes Leben hatte sich von einem Tag auf den anderen komplett geändert und was hatte ich getan? Sie angeschrien, weil sie zu spät nach Hause gekommen war.
„Sie kommt klar, weißt du?“, Jua legte mir eine Hand auf die Schulter, „Es ist nicht einfach, aber sie kommt klar. Alex ist sehr stark!“ „Das ist sie!“, stimmte ich zu. Mir schwirrten Erinnerungen durch den Kopf, die aus Zeiten stammten, in denen wir uns noch sehr nah gestanden hatten. Wie sie kategorisch Zeitreisen ablehnte, obwohl ich ihr hoch und heilig schwor, nicht zu lügen. Der Tag, an dem ich sie von der Schule abholte und mitbekam, dass eine ihrer Klassenkameradinnen sich über sie lustig machte – als ich Alex darauf angesprochen hatte, zuckte sie nur mit den Schultern und meinte, sie käme damit zurecht.
Meine kleine Schwester kam immer mit allem zurecht! Sie war ein sehr selbstständiger Mensch, was aber nicht bedeutete, dass sie nicht ab und an Hilfe benötigte. Allem voran jetzt, denn selbst wenn sie Mum in der Vergangenheit besucht hatte, wusste sie mit Sicherheit nicht genug, um einschätzen zu können, wie tief sie momentan in der Scheiße steckte.
Bei Simikolon kursierte das Gerücht, sie wäre schuld an Mums Ermordung gewesen. Ich wusste nicht, von wem es kam und was die Leute vorhatten zu tun, die diesen Mist glaubten, doch einen Vorgeschmack hatte ich bereits bekommen, als ich vor ein paar Tagen in Omas Wohnung vorbeigeschaut hatte. Alles war verwüstet und zerstört gewesen. Für Außenstehende mochte es wirken wie ein Einbruch, doch ich hatte es besser gewusst.
„Du hast sicher davon gehört, was in Omas Wohnung los war und weißt genauso gut wie ich, dass das kein Zufall war, Jua! Irgendjemand ist hinter etwas her und ich nehme stark an, dass es sich dabei um Alex handelt. Du musst mir alles sagen, was du weißt, damit ich verhindern kann, dass ihr etwas passiert!“, meine Stimme hatte einen dringlichen Tonfall angenommen. Ich wusste einfach nicht, wie viel Zeit ich hatte.
Juas Blick war mitfühlend, aber noch bevor sie anfing zu sprechen, verriet er mir, dass sie mir nur wenig weiterhelfen konnte: „Gabe, ich wünschte wirklich ich könnte dir helfen, aber obwohl Maria meine beste Freundin war und ich Alex als 17-jährige kennengelernt habe, bin ich dazu nicht in der Lage. Alles was ich weiß, weißt du auch. Toni hat dir die Dinge über Zeitreisen beigebracht und deine Oma dich gewarnt, gut auf Alex aufzupassen. Mehr könnte ich dir auch nicht sagen. Alle Namen derer, die Alex gefährlich werden könnten, wären nur geraten. Theoretisch könnte jeder zu denen gehören, aber frag mich nicht, was die tun wollen! Wie gesagt, ich kann dir keine neuen Informationen liefern.“
Erneut fuhr ich mir durch die Haare. „Es muss doch jemanden geben, der mehr weiß!“, stieß ich hervor und im nächsten Moment klopfte es an der Tür. Unsere Blicke zuckten zu der Klinke, die heruntergedrückt wurde. Da Jua die Tür aber abgeschlossen hatte, ging sie nicht auf. Ein weiteres Klopfen erklang.
Ich sah Jua an, doch sie zuckte nur mit den den Schultern. Sie wusste offensichtlich auch nicht, wer das sein könnte. Noch ein Klopfen. Dann wieder das Herunterdrücken der Türklinke. Scheinbar wollte jemand unbedingt ins Atelier.
„Du bist hier, weil wir uns morgen doch nicht zum Kaffee treffen können! Die Sache mit deiner Schwester ist dazwischen gekommen“, wisperte Jua mir zu, damit wir nichts gegensätzliches behaupten, dann hob sie die Stimme und sprach in normaler Lautstärke an die Tür gerichtet weiter: „Einen Moment, ich schließe auf.“

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